Karl und Waltraud Müller spenden ihre Körper für wissenschaftliche Zwecke

Spezielle Spende: Ein Crailsheimer Ehepaar hat verfügt, seine Körper nach dem Tod dem Institut für Plastination zur Verfügung zu stellen. Sie könnten Teil einer Körperwelten-Ausstellung werden.

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Karl und Waltraud Müller genießen das Leben. Sie freuen sich an ihren vier Kindern und den beiden Enkeln, machen es sich in ihrer Wohnung in Crailsheim mit Blick auf die Jagst gemütlich und planen ihre nächste Reise. Kurzum: Die lebenslustigen Eheleute schätzen die Zeit ihres gemeinsamen Ruhestands. Und mehr noch – sie haben sich auch viele Gedanken über das gemacht, was danach kommt. „Über den Tod sprechen, das gefällt ja nicht allen“, sagt der 69-Jährige. Er sieht das anders: „Es ist ein Thema, an dem niemand vorbeikommt und das die meisten unvorbereitet trifft.“

Bei Karl und Waltraud Müller ist das anders. Vor 17 Jahren unterzeichneten beide ein Dokument des Heidelberger Instituts für Plastination (IfP). Mit der Unterschrift stellen sie ihre Körper nach ihrem Ableben zur medizinischen und wissenschaftlichen Aufklärung zur Verfügung. Auch mit der anschließenden Präsentation ihrer plastinierten Körper oder von Körperteilen in der Anatomieschau „Körperwelten“ erklärten sich die beiden einverstanden.


„Warum soll ich meinen Körper in der Erde verfaulen lassen, wenn er noch einen Nutzen für die Forschung haben kann?“, erklärt der gelernte Schreiner und langjährige Fernfahrer seine Entscheidung. Ehefrau Waltraud nickt zustimmend. „Mir gefällt der Gedanke, etwas für die Allgemeinheit zu tun“, sagt die 68-Jährige.

Als sich das Paar überlegte, Körperspender zu werden, nahm es zunächst Kontakt mit verschiedenen Universitätskliniken im süddeutschen Raum auf. Doch hier wollte man die Körper der beiden Crailsheimer nicht. Die Pathologien seien auf Jahre mit Leichen versorgt, hieß es. An der Uniklinik Heidelberg bekamen Müllers schließlich den Tipp, sich an das Institut für Plastination zu wenden, das seit 1982 ein eigenes Körperspendeprogramm unterhält. Dort werden Karl und Waltraud Müller seither als Körperspender Nummer 80 und 81 geführt. Inzwischen haben sich mehr als 14.500 Spender beim IfP Heidelberg registrieren lassen.

Es gibt kein Grab

Es waren einige Gespräche im Familienkreis nötig, bis alle Kinder die Entscheidung akzeptieren konnten. Auch unter Müllers Bekannten erntete die Nachricht nicht nur Zustimmung. „Die größten Bedenken gab es, weil es später kein Grab geben wird“, berichtet der Familienvater. „Ich dagegen finde das überhaupt nicht tragisch: Unsere Kinder und Freunde sollen uns so in Erinnerung behalten, wie wir zu Lebzeiten sind.“

Erst nachdem das Körperspenderformular ausgefüllt und unterschrieben war, besuchten Karl und Waltraud Müller im Frühjahr 1998 eine Körperwelten-Ausstellung. „Das war wirklich beeindruckend. Ich war fasziniert von den Einblicken in den menschlichen Körper. So etwas hatte ich noch nie zuvor gesehen“, erzählt die Hausfrau nach dem Besuch in Mannheim. Und sie fügt an: „Der Andrang war unglaublich groß. Unzählige Besucher kamen, um die Exponate zu sehen.“ Mit ihrem Körperspender-Ausweis dürfen Müllers die Ausstellung diskret durch den Nebeneingang betreten, ohne sich stundenlang an der Warteschlange am Eingang anstellen zu müssen.

Für Körperspender finden regelmäßig Veranstaltungen im Heidelberger IfP statt. Hier werden sie über die Methode des Plastinierens informiert, die der Mediziner Gunther von Hagens 1977 erfunden hat. Während des Plastinationsprozesses werden dem Präparat sämtliche Körperflüssigkeiten und löslichen Fette entzogen. Diese werden durch Harze und elastische Kunststoffe ersetzt. Anschließend erfolgt die Aushärtung mit Licht, Wärme oder Gas. So entstehen feste, geruchlose und dauerhaft haltbare Präparate.

Einem guten Zweck dienen

Karl und Waltraud Müller konnten Gunther von Hagens und seinem Team von Wissenschaftlern schon mehrmals bei der Arbeit über die Schulter schauen. „Da bekommt man wirklich interessante Einblicke“, sagt Karl Müller. Bei diesen Treffen kamen sie auch mit anderen Spendern ins Gespräch. „Die meisten haben sich aus ähnlichen Motiven wie wir für eine Körperspende entschieden“, erläutert der Familienvater, „sie möchten einem guten Zweck dienen.“ Andere Spender führen an, sie wollen ihre Angehörigen von der Grabpflege befreien. Manche empfinden den Gedanken als unangenehm, verbrannt oder vergraben zu werden. Wieder Andere sind schlicht von der Plastination oder den Ausstellungen begeistert und möchten der Nachwelt erhalten bleiben. Auch entscheiden sich laut Erhebung des Körperspendeprogramms einige Menschen ohne Angehörige für eine Spende ihrer sterblichen Überreste zu Forschungszwecken.

Nicht nur die Wissenschaft oder junge Ärzte in der Ausbildung sollen von der Körperspende profitieren, sondern auch Kranke. „Im Vertrag steht, dass eine Organspende möglich ist“, berichtet Karl Müller. Das ist ganz in seinem Sinne. Je mehr Menschen einen Nutzen haben, umso besser, meint der Rentner.

Obwohl das Crailsheimer Ehepaar offen über die Körperspende spricht, machte es sich die Entscheidung nicht leicht. „Wir haben wirklich lange überlegt“, betont der Rentner. „Einen solchen Vertrag unterschreibt man nicht so leicht wie den Kaufvertrag für eine neue Waschmaschine.“
 



Die Körperwelten-Ausstellungen, in denen mehr als 200 menschliche Plastinate zu sehen sind, gibt es seit 1995. Seither waren die Ausstellungen in mehr als 20 Ländern und über 90 Städten zu Gast. 40 Millionen Menschen haben sie besucht. Vom 24. Oktober bis zum 11. Februar gastiert die Anatomieschau im Quelle-Areal in Nürnberg.

Mehr Infos unter www.koerperwelten.de
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