Junge Menschen lernen im ökologischen Bildungsjahr ihre Stärken kennen

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Mit einem Lächeln im Gesicht steht Tim Pourian im Ziegenstall. In seinen Armen hält er ein sechs Tage altes Zicklein. "Das ist gerade eine herrliche Zeit. Alle paar Tage gibt es Nachwuchs", sagt der 20-Jährige und krault das Ziegenbaby hinter den Ohren. Tim Pourian ist einer von zwei jungen Männern, die seit September ein freiwilliges ökologisches Jahr (FÖJ) in der Gemeinschaft Schloss Tempelhof in Kreßberg machen. Wenn der junge Mann aus dem niedersächsischen Cuxhaven gerade nicht im Ziegenstall beschäftigt ist, ist er in der Küche im Einsatz.

"Nach 13 Jahren Schule hatte ich den Wunsch, mal etwas anderes zu machen", erzählt Pourian. Vor allem war es ihm wichtig, seine Nase mal nicht in Bücher zu stecken, sondern mit seinen Händen zu arbeiten. "Schon nach wenigen Wochen war mir klar, dass es die richtige Entscheidung war, ein FÖJ zu machen. Ich habe hier auf dem Tempelhof bestimmt mehr gelernt als in den letzten drei Jahren in der Schule."

Vincent Victoria (18), der zweite FÖJler, hat ähnliche Erfahrungen gemacht. "Die Motivation, etwas zu lernen, ist hier viel größer als in der Schule", sagt er und stellt die Mistgabel zur Seite. "Bei diesem freiwilligen Dienst diene ich in gewisser Weise anderen und mir selbst. Denn es tut mir total gut, hier zu arbeiten und Neues kennenzulernen." Der gebürtige Heidelberger arbeitet hauptsächlich im Gemüseanbau. Säen, bewässern, jäten, ernten - hier bekommt er den ganzen Kreislauf mit. "Nie habe ich das Frühlingserwachen so bewusst wahrgenommen. Das weckt eine Lebendigkeit in mir, die ich noch nie so stark empfunden habe", berichtet der 18-Jährige. "Es ist total schön, durch meine Arbeit und während meiner Arbeit die Entwicklung der Natur mitzuerleben."

Ein freiwilliges ökologisches Jahr ist ein ökologisches Bildungsjahr, also kein Ausbildungs- oder Arbeitsverhältnis. Natürlich geht es um Natur und Umwelt. Es geht aber auch darum, Orientierung für das spätere Berufsleben zu finden und Schlüsselqualifikationen zu erlangen. Während die FÖJler Erfahrungen in verschiedenen Bereichen des Umwelt- und Naturschutzes sammeln und in die Berufswelt hineinschnuppern, lernen sie ihre eigenen Stärken kennen.

"Es ist eine Horizonterweiterung für die jungen Menschen, eine gute Zwischenstufe zwischen Elternhaus und der Eigenständigkeit", sagt Agnes Schuster, Aufsichtsrätin der Schloss Tempelhof eG. Seit 2013 bietet die Gemeinschaft jedes Jahr eine oder zwei FÖJ-Stellen an. "Wir haben sehr gute Erfahrungen mit den FÖJlern gemacht. Sie bereichern das Leben im Dorf und vernetzen sich mit den Jugendlichen, die hier leben." Es sei schön mitanzusehen, wie die Arbeit an verschiedenen Plätzen in Schloss Tempelhof die jungen Menschen verändere, so Schuster. Manche wollen sogar bleiben: Tim Pourian möchte im Herbst eine Ausbildung zum Koch in Tempelhof beginnen.

Zu einem FÖJ gehören fünf einwöchige Seminare zu verschiedenen Umweltthemen. Sie ergänzen die Arbeit an der Einsatzstelle und sind fester Bestandteil des Bildungsjahrs. Auch am Tempelhof werden solche Seminarwochen abgehalten. "Bei den Seminaren geht es darum, etwas über umweltpolitische und ökologische Themen zu lernen. Dabei soll das Seminar nicht wie Schule sein", erklärt Tim Pourian, der einer der FÖJ-Landessprecher ist und als Bundesdelegierter auch an Treffen von FÖJlern aus dem gesamten Bundesgebiet teilnimmt.

Die Seminare sind außerdem eine gute Gelegenheit, FÖJler von anderen Einsatzstellen kennenzulernen. "Die Themen für die Seminare werden von uns selbst vorbereitet und zum Teil auch selbst umgesetzt. Auch das ist ein wichtiger Aspekt: Wir stellen Fragen und suchen Antworten", sagt Pourian. Es gehört zum Konzept, dass die FÖJler sich einbringen, Ideen entwickeln und selber Entscheidungen treffen.

Ein FÖJ kann jeder machen, der seine Schulzeit beendet hat und noch keine 27 Jahre alt ist. Die Art der Schulausbildung oder Berufserfahrung spielt keine Rolle. Was zählt, sind einzig Neugier und Lust auf ein Engagement in der Natur und für die Umwelt. Dafür gibt es ein Taschengeld von 180 Euro im Monat, Sozialversicherung, Unterkunft und Verpflegung, Kindergeld und 26 Tage Urlaub. "Ich würde mir wünschen, dass jeder junge Mensch diese Erfahrung macht - ein Jahr lang im Einklang mit der Natur zu leben", sagt Vincent Victoria und Tim Pourian fügt hinzu: "Das Jahr ist ein echter Gewinn. Es ist schade, dass es nur so wenige FÖJ-Stellen gibt. So kann leider nicht jeder Bewerber diese Erfahrung machen."

<strong><em>Zu wenige Stellen für junge Bewerber</em></strong>

26 Jahre FÖJ in Baden-Württemberg

Am 1. September 1990 startete in Trägerschaft der Landeszentrale für politische Bildung das Modellprojekt freiwilliges ökologisches Jahr (FÖJ) in Baden-Württemberg. Zunächst 30 Jugendliche und junge Erwachsene wollten sich ein Jahr lang für Umwelt und Natur engagieren. Bereits im folgenden Jahr wurde die Zahl der FÖJ-Plätze verdoppelt. 1993 wurde das FÖJ bundesweit eingeführt.

In Baden-Württemberg haben seit Beginn mehr als 2000 Jugendliche und junge Erwachsene ein freiwilliges ökologisches Jahr absolviert. Deutschlandweit stehen jedes Jahr knapp 3000 FÖJ-Plätze zur Verfügung.

Träger des FÖJ sind die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, die Freiwilligendienste Rottenburg-Stuttgart, das Diakonische Werk Württemberg und der Internationale Bund.

Finanziert wird das FÖJ vom Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg sowie vom Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend.

Mehr Informationen zum FÖJ gibt es unter www.foej-bw.de. pm

SWP

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