Interview: Schreiben ist intim und hat was von Seelen-Striptease

Wildis Streng ist Krimiautorin und Gymnasiallehrerin. Fanfiction ist für sie der ideale Einstieg für Jugendliche in kreatives Schreiben.

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Lehrerin und Autorin: Wildis Streng. Privatfoto  Foto: 

Warum schreiben und lesen Jugendliche Fanfiction?

WILDIS STRENG: Die Figuren oder Stars sind in der Lebenswelt der Jugendlichen verankert. Sie fühlen sich ihnen verbunden, glauben sie zu kennen. Sie identifizieren sich mit ihnen. Gerade im Zusammenhang mit irgendwelchen Stars geht es darum, eine Möglichkeit zu schaffen, ihnen zu begegnen und ihnen nahe zu sein, beziehungsweise sie tatsächlich zu "daten". Letztlich ist es wie mit dem Rollenspiel aus der Kindheit: Man hat eine Geschichte und spinnt sie in der eigenen Fantasie weiter.

Was denken Sie, warum viele der Geschichten stark sexuell geprägt sind?

STRENG: Na ja, auch Harry-Potter- Fans werden älter und reifen entwicklungspsychologisch mit. Irgendwann wollen sie nicht mehr nur Internatsgeschichten. Auch Mangas haben hier sicher einen Einfluss auf dieses Phänomen, weil sie stark sexualisiert sind. Und natürlich darf man nicht vergessen: Es sind Jugendliche, da spielt Sexualität immer eine Rolle.

Fanficiton ist oft gekennzeichnet durch die immer wiederkehrenden gleichen Motive. Schreiben Jugendliche also einfach nur ab?

STRENG: Kopie kann ein Startkapital sein, aber es schränkt natürlich die Kreativität extrem ein. Es ist normal, als Anfänger erst einmal etwas nachzumachen, und wenn es nur im Kleinen ist. Mein erster "Roman", "Rita und Britta jagen die Diebe", den ich als Kind geschrieben habe, war auch sehr stark angelehnt an "Hanni und Nanni". Man wird immer beeinflusst von dem, was man liest, es inspiriert einen. Als Deutschlehrerin sehe ich es natürlich lieber, wenn sich Jugendliche selbst etwas ausdenken.

Fanfiction ist also positiv, auch wenn viele Stereotype vorkommen?

STRENG: Es ist eine Emanzipation vom bloßen Lesen, wenn Jugendliche zu schreiben beginnen. Es ist immer positiv, wenn sie selbst etwas erschaffen. Fanficition kann ein Einstieg in das kreative Schreiben sein und helfen, eine Hemmschwelle zu überwinden. Jugendliche trauen sich oft selbst nicht zu, etwas Gutes schreiben zu können. Mädchen sind da übrigens offener und trauen sich mehr. Unter Mädchen ist es eher salonfähig. Jungs gelten da eher als uncool, was sehr schade ist, weil Jungs oft eine tolle Fantasie haben und interessante Sachen schreiben.

Viele Jugendliche geben nicht gerne zu, dass sie Fanfiction lesen und schreiben. Was denken Sie, warum?

Das hat sicher auch damit zu tun, dass Schreiben etwas Intimes und auch immer auch ein wenig ein Seelen-Striptease ist. Man gibt viel von sich preis, auch Persönliches. Es ist einfach sicherer, sich hinter einem anonymen Pseudonym zu verstecken. Man darf nicht vergessen: Positives Feedback kann ermutigen, aber negatives Feedback kann gerade für Jugendliche sehr verstörend sein.

Auf Wattpad ist es möglich, den Geschichten Bilder oder Lieder zur Seite zu stellen. Wo liegt die Gefahr?

STRENG: Grundsätzlich finde ich es kreativ und gut, wenn Jugendliche unterschiedliche mediale Möglichkeiten kombinieren. Sie sollten sich aber bewusst sein, dass sie auch hier in Schwierigkeiten kommen können, wenn sie nicht nur eigenes Material, sondern auch fremde Musik oder Bilder nutzen, ohne auf die Urheberrechte zu achten. Darauf müssen sie hingewiesen werden.

Wie sehr sollen oder können Eltern kontrollieren, was ihre Kinder schreiben beziehungsweise lesen?

STRENG: Eltern sollten mit ihren Kindern sowieso stets im Gespräch sein. Sie dürfen immer warnen und Zweifel äußern. Generell ist im Internet alles grenzwertig, wenn es öffentlich zugänglich und sexuell aufgeladen ist. Eltern können ohnehin gar nicht alles kontrollieren, deshalb sind Kommunikation und Aufklärung sinnvoller als totale Kontrolle.

Die Fragen stellte Julia Vogelmann.

Fiction im Netz

Die bekanntesten Seiten sind: www.wattpad.com (auch als App);

www.fanfiction.de; www.my-fanfiction.net/de. Und wer es auf Englisch mag, versucht es auf: www.archiveofourown.org. Außerdem gibt es noch spezielle themenbezogene Seiten zu erfolgreichen Büchern, Filmen oder Stars. Hier hilft die Stichwortsuche von Google weiter.

JUVO

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