Interview: Die sprachliche Entwicklung lässt sich nicht voraussagen

Dr. Annette Trabold, Sprachwissenschaftlerin am Institut für Deutsche Sprache in Mannheim, äußert sich im Gespräch mit der Zeitung über Sprachwandel und -entwicklung.

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Sprachwissenschaftlerin Dr. Annette Trabold.  Foto: 

Werden Kinder und Jugendliche durch die Nutzung von Kurznachrichten sprachärmer?

ANNETTE TRABOLD: Nein. Zu keinem Zeitpunkt wurde in der deutschen Gesellschaft so viel gesprochen, geschrieben und kommuniziert wie heute. Noch nie hatten überhaupt so viele Menschen Zugang zum Lesen und Schreiben wie heute. Was allerdings mehr auffällt ist, wenn das jemand nicht beherrscht, denn oftmals kommuniziert man heute öffentlich und nicht jeder kann das gut. Aber das konnten noch nie alle gut.

Was bedeutet das für den praktischen Umgang mit Sprache?

TRABOLD: Man muss die Leute lehren, die innere Mehrsprachigkeit, die verschiedenen Stilebenen und Medien zu beherrschen. Wenn ich eine Bewerbung schreibe, nutze ich eine andere Sprache als bei Kurznachrichten. Jugendliche müssen heute sprachlich vielfältige Ebenen beherrschen. Das sind hohe Anforderungen, immer zu wissen, wie man sich wie in welchem Medium bewegt, und es ist nicht leicht, das zu beherrschen.

Ist Kommunikation per Kurznachricht überhaupt als "Schreiben" einzuordnen, oder läuft das eher als "Sprechen", bedingt durch die Unmittelbarkeit?

TRABOLD: Man muss trennen zwischen geschriebener und gesprochener Sprache, doch oft wird das von der Öffentlichkeit gar nicht differenziert. Eine SMS würde ich eindeutig als geschrieben definieren. Whatsapp ist eine Zwischenversion zwischen Chat und SMS. Ich würde das als geschriebene Mündlichkeit beschreiben.

Kann man voraussagen, in welche Richtung sich die deutsche Sprache entwickelt und von welchen Faktoren das abhängig ist?

TRABOLD: Es gab noch nie so viele Kommunikationsmittel in den verschiedensten Bereichen wie heute. Die sprachliche Entwicklung hängt von so vielem ab, und wir können sie genauso wenig voraussagen wie die technische Entwicklung. Fest steht allerdings, dass die sprachliche Entwicklung immer auch von den Medien abhängt. Das war zu Zeiten des Buchdrucks so und ist so bis heute.

Muss man sich um die deutsche Sprache Sorgen machen?

TRABOLD: Man muss sich nicht sorgen. Wir Sprecher und Schreiber sind die deutsche Sprache. Wir gestalten sie. Was wir aktuell sprechen und schreiben, ist die gegenwärtige deutsche Sprache, und davor sind verschiedene historische Stufen dokumentiert. Die Gesellschaft wandelt sich und mit ihr Sprache und Wortschatz. Und auch Wörter aus anderen Sprachen gab es in unserem Wortschatz schon immer. Was ich als Problem sehe, ist der Verlust der deutschen Sprache als Wissenschaftssprache. Da ist die Gefahr groß, dass alles irgendwann einmal nur noch auf Englisch ist.

Findet der Sprachwandel tatsächlich in dem Maße Eingang in Sprache und Schrift, wie gerne negativ beschworen wird?

TRABOLD: Sprache dient nicht nur der "reinen" Kommunikation, sie ist auch Modeerscheinung, Statement und Möglichkeit zur Abgrenzung zum Beispiel von Älteren, anderen Bildungsschichten und so weiter. Gerade Jugendliche wollen manchmal auch ganz bewusst provozieren und sich produzieren. Das darf man nicht vergessen.

Die Fragen stellte Julia Vogelmann.

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