In "Urheimat" zurückgekehrt Josef Johann Schneider feiert den 90.

Josef Johann Schneider blickt auf ein bewegtes Leben zurück: Krieg, Vertreibung, Enteignung - das alles hat er miterlebt. In Crailsheim hat der im ungarischen Elek Geborene eine neue Heimat gefunden.

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Josef Johann Schneider feiert heute seinen 90. Geburtstag. Privatfoto

Josef Johann Schneider ist ein Mann mit Prinzipien. Das Haar hat er sorgfältig zurückgekämmt, den Bart ordentlich getrimmt. Trotz seiner 90 Jahre lässt er es sich nicht nehmen, der Journalistin vom HT aus und wieder in die Jacke zu helfen. Seinem stark akzentuierten "R" ist anzuhören, dass er nicht immer in Hohenlohe gelebt hat. "Dabei stammten meine Urahnen aus der Region", erzählt der Jubilar. 1724 wanderten sie nach Elek in Ungarn aus. Dort ist Schneider auch aufgewachsen.

Nach seinem Schulabschluss in Elek hatte der heute 90-Jährige eigentlich vor, ein Maschinenbau-Techniker-Studium in München zu beginnen. Der Kriegsausbruch verhinderte dieses Vorhaben jedoch. Im September 1939 wurde die Grenze nach Deutschland gesperrt. Mitte September hätte sein Studium beginnen sollen. Stattdessen ließ er sich in Budapest zum Volksschullehrer ausbilden. Im Alter von gerade mal 20 Jahren erlangte er im Mai 1944 sein Diplom und kehrte als Lehrer nach Elek zurück.

Danach überschlugen sich die Ereignisse in Josef Schneiders Leben. Nach nur kurzer Zeit als Lehrer in Elek wurde er zum Wehrdienst eingezogen, wenig später darauf entlassen, um dann wieder eingezogen zu werden. Er landete in amerikanischer Kriegsgefangenschaft, floh und fand in Mondsee in Oberösterreich eine "einstweilige Bleibe", wie er es nennt. Kurzzeitig unterrichtete er dort als Vertragslehrer, bis ihm gekündigt wurde. "Vertriebenen war es nicht gestattet, in Österreich offiziell eine qualifizierte Arbeit auszuüben", erklärt Schneider. Nach Elek zurückzukehren, war ausgeschlossen. Im Frühjahr 1946 wurden die deutschen Eleker Bürger ausgewiesen.

Weil er keine Chance sah, als Lehrer eine Anstellung zu finden, erlernte er von 1949 bis 1952 das Handwerk des Textilfärbers und -reinigers. Ein Handwerk, das ihn 1952 erst nach Stetten im Remstal und dann, nach der Meisterprüfung, 1958 schließlich nach Crailsheim führte, wo er Anteile der SM-Reinigung erwarb, die ihm später zu 100 Prozent gehörte. "Ohne Absicht hat mich mein Weg nach sieben Generationen wieder in die Urheimat zurückgeführt."

Fragt man Josef Schneider heute nach seiner Heimat, nennt er ohne zu zögern Crailsheim. Schließlich seien hier seine drei Kinder aufgewachsen, erklärt er. Auch beruflich konnte er sich in Crailsheim verwirklichen. Zudem war Schneider von 1987 bis 1997 Büroleiter des CDU-Stadtverbands Crailsheim.

Vergessen hat der 90-Jährige seine alte Heimat aber nie. "Am Anfang haben mir Vertreibung und Enteignung Probleme bereitet", erzählt Schneider. Doch dann habe er sich gesagt: "Ich muss als Christ auch verzeihen können." Nur vergessen, das wollte er nicht.

Das Schicksal der in Ungarn verbliebenen Deutschen beschäftigte ihn sehr. "In den ersten Jahren nach der Vertreibung wurden sie verpönt und unterdrückt", erzählt Schneider. Also trat er der Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn innerhalb des Bundes der Vertriebenen bei.

1966 besuchte er seine Heimatstadt erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg."Ich war bemüht, meine Landsleute zu ermuntern, ihre deutsche Muttersprache zu sprechen." Immer wieder kehrt Schneider nach Ungarn zurück, um mit einer Gruppe von Deutschlehrern Sprachkurse zu geben. Zudem sammelte er Spenden für Restaurierungsarbeiten in Elek. Als Anerkennung für seine Arbeit für die Gemeinde Elek erhielt Schneider 1994 die Verdienstmedaille "Elekert" (für Elek).

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