Immer wieder dieser Schnurrbart

Die Liste der Vorfahren von Günther Illig aus Kirchberg reicht bis ins Jahr 1600. Wenn einer in der Familie nicht gewesen wäre, hätte Schiller sein Werk „Die Räuber“ vielleicht nicht geschrieben.

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    „Das kann man sich nicht vorstellen, was der alles geforscht hat“, sagt Günther Illig über Dr. Heinrich-Konrad Illig. Foto: 
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Es war einmal ein Dr. Heinrich-Konrad Illig aus Frechen bei Köln, der wollte seinen Eltern anlässlich ihrer Goldenen Hochzeit im Jahr 1998 ein Geschenk machen. Wie wäre es mit einem Stammbaum der Gäste?, dachte er sich. Was Selbstgemachtes ist schließlich immer gut. „Da hat es mich dann gepackt“, sagt er. Und dann sei „der Wahnsinn“ dabei herausgekommen, wie Günther Illig aus Kirchberg das formuliert: zwei dicke Wälzer mit der Familiengeschichte, jeweils mehr als 200 Seiten, veröffentlicht 2002 und 2005.

Auf der Suche nach entfernter Verwandtschaft kreuzten sich die Wege des Dr. Heinrich-Konrad Illig und des Günther Illig, die, man ahnt es, vorher beide nicht von einander wussten. Ja ja, die Illigs, waren eine „Familie der Papiermacher, Erfinder, Richter, Räuber und Revolutionäre!?“, wie Dr. Heinrich-Konrad Illig schreibt. Was genau es damit auf sich hat, soll sich noch herausstellen.

Der Familienname Illig hat seinen Ursprung bei Ägidius, im Mittelalter einer der meistverehrten Heiligen. In Frankreich wurde dieser St. Gilles genannt, im Niederdeutschen wurde daraus Sunte Ilien und St. Ylien. Aus St. Ylien wurde dann Ile und schließlich Illig. Die Deszendentenliste geht bis ins Jahr 1600 zurück. Sie beginnt bei einem gewissen Andreas Ile (1600-1663), von Beruf Lieutenant.

Die größte Papiermacherfamilie

„Silber über Rot durch eine Spitze geteilt, oben drei blaue, goldbebutzte Leinenblüten, unten ein silbernes Herz, besteckt mit einer Hausmarke, bestehend aus Vierkopfschaft und verkürzter Kopfkreuzsprosse“, so ist das Wappen der Familie Illig beschrieben, und weiter: „Auf dem rot-silbern bewulsteten Helm mit gleichen Decken eine silberne, rechtshalbe Lilie am linkshalben blauen Mühlrad.“ Das Mühlrad zeugt vom Berufsstand: Die Illigsche Linie brachte mehr als 100 Papiermacher hervor – und damit waren die Illigs wohl die größte  Papiermacherfamilie Deutschlands.

Kein Wunder also, dass Band 1 von Dr. Heinrich-Konrad Illig komplett den Papiermachern gewidmet ist. Der Bekannteste unter ihnen ist Moritz Friedrich Illig (1777-1845), Erfinder der Papierleimung mit Harz. Band 2 beginnt mit Carl Christoph Illig (1805-1876), dem Sohn des letzten Papiermachers – eine zentrale Figur der Familiengeschichte. Jetzt gesellen sich die Richter und Räuber hinzu.

Durch seine Heirat mit Anna Maria Schwan stellt Carl Christoph Illig die Verbindung zur Familiengeschichte von Johann Friedrich Schwan (1729-1760) nach Ebersbach an der Fils dar. Der Sohn des Metzgers und „Sonnenwirts“ war im Dorf verrufen, ihm wurde ein Hang zu Angeberei, Arbeitsscheue, Abenteuerlust nachgesagt. Als Anführer einer Räuberbande und als Ausbrecherkönig brachte er es zu einem eher fragwürdigen Ruhm. Und über eben diesen Schwan schrieb Friedrich Schiller das Werk „Der Verbrecher aus verlorener Ehre“, Schwan diente als Vorbild für die Hauptfigur Christian Wolf. Schiller war mit dem Sohn des Richters befreundet, der Schwan zum Tode durch Rädern verurteilte, heißt es.

Eine andere Quelle als Dr. Heinrich-Konrad Illig geht davon aus, dass Schiller über seinen Lehrer Jakob Friedrich von Abel von den Ereignissen erfuhr. Abels Vater war Amtmann und verhaftete Schwan. Abel selber nahm die Geschichte 1787 in den zweiten Band seiner „Sammlung und Erklärung merkwürdiger Erscheinungen aus dem menschlichen Leben“ auf. Ob der Fall Schwan Schiller auch als Vorlage für sein bekanntes Werk „Die Räuber“ diente, lässt sich nicht belegen.

Im Kommentar zum dritten Band der Schiller-Nationalausgabe von 1953 findet sich folgender Hinweis: „Abels kriminologische Detailkenntnis im Falle Schwan spielte für die Räuber wohl kaum mehr als eine sekundäre Rolle. Was er zu berichten hatte und für einen Keim zum Schöpfungsgedanken der Räuber hielt, fiel auf einen Acker, der wahrscheinlich längst bestellt war.“ Das ist die eine Seite, die von Abel. Und hier kommt die andere: Wer weiß denn schon, was der Sohn des Richters Schiller noch alles steckte? Vielleicht hätte es ohne Johann Friedrich Schwan „Die Räuber“ in der Form gar nicht gegeben?

„Der hat Leute umgebracht, sonst wäre er nicht gerädert worden“ schlussfolgert Günther Illig, 74, heute. Mit seiner Frau Brunhilde, 70, blättert er durch die imposanten Familienbände vor ihm auf dem Tisch in seinem Haus in Kirchberg. „Es ist ein Schatz. Das gibt es ja gar nicht, dass wir so etwas über die Familie haben!“, findet Günther Illig, und fügt hinzu: „Das ist alles belegt. Das kann man sich nicht vorstellen, was der alles geforscht hat.“

Immer wieder entdeckt er Ähnlichkeiten auf Fotos. Der eine hier sei „so stabil wie mein Großvater“, sagt Günther Illig und lacht, „und der da hat einen Bauch wie mein Bruder“. Und dann ist da noch dieser Schnurrbart, immer wieder. Der gepflegte und markante Schnurrbart war so etwas wie ein Markenzeichen der Illigs – und ist es heute noch ­(siehe Günther Illig). „Irgendwie steckt es in einem“, sagt er und meint das Räuberhafte. „Ich habe nie vor was Angst gehabt. Mein Vater hat immer gesagt: Lass dich nicht verhauen.“

„Ich habe schon immer gedacht, dass er ein Räuber ist“, sagt Brunhilde Illig. Das ist natürlich scherzhaft gemeint.  Die beiden heirateten 1969, haben eine 32-jährige Tochter.  Günther Illig ist der Sohn des Bäckermeisters Karl Illig (1912-1996), die Bäckerei wurde von seinem Großvater Friedrich Gustav Karl Illig (1887-1971) gegründet. Durch seinen Urgroßvater Adolf Bernhard Illig (1858-1933), der Wurzeln in Schwäbisch Hall hat, kamen die Illigs nach Kirchberg, Michelbach/Heide, Blaufelden und Bächlingen. Wer an Familie Illig und an Kirchberg denkt, dem kommt natürlich gleich das gleichnamige Café und Tanzlokal in den Sinn. Es war bis Stuttgart bekannt.

Das Café ist mittlerweile Geschichte, aber die Geschichte der Illigs ist noch lange nicht zu Ende. Derzeit arbeitet Dr. Heinrich-Konrad ­Illig aus Frechen bei Köln an Band 3, der soll 2018 erscheinen. Auf 900 Seiten geht es dann um 3000 Illigs, die nach Nord-, Mittel- und Südamerika sowie Frankreich, Finnland und Italien auswanderten.

Heinrich-Konrad Illig, heute 67, Arzt von Beruf, sechs Kinder, hat schon als junger Mann Ahnenforschung betrieben. „Wenn man Schmidt heißt, wird es schwierig“, sagt er. Da die Illigs als Papiermacher auch mit der Firma Henkel aus Düsseldorf verwurzelt sind, war deren Forschung „ein guter Grundstock“ und Motivation. Ahnenforschung kostet Zeit, viel Zeit. Pro Band braucht Illig fünf bis sechs Jahre. „Ganz besonders muss ich mich bei meiner Frau danken, welche immer wieder, selbst in den schönsten Ferien, auf mich verzichten musste“, betont Illig, „weil ich oft die ganzen Ferien am Computer verbrachte.“ js

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