Im Keller dampft der Soul-Motor

"Adieu Tristesse" riskiert mit der Verpflichtung der japanischen Funkband "Osaka Monaurail" was - künstlerisch und ökonomisch. Und wird belohnt.

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Laune gut, Anzug perfekt, Stimme grandios: Ryo Nakata.  Foto: 

Von Washington nach Mexico City und dann weiter nach Europa - auf dem Tourplan stehen Brügge, Manchester, London und Lille - landen sie eines freitagnachts in der nordwürttembergischen Diaspora, von der sie wohl noch nie etwas gehört haben. "Drei Jahre lang", so Harald Haas vom veranstaltenden Verein "Adieu Tristesse", habe man sie gejagt. Nun sind sie da. Oben liegt die Fußgängerzone wie ausgestorben. Doch einige Meter tiefer, im Dunkel des Ratskellers, da dampft und schwitzt es, da brodelt und vibriert es.

Acht Japaner in perfekt sitzenden Anzügen drängen sich auf der winzigen Bühne. Sie bringen den Hohenlohern - ansonsten wahrlich keine natural born Funk-Soul-Brothers - den Groove und Rhythmus, den ein halbes Jahrhundert zuvor in South Carolina ein Mann erfunden hatte, auf den sich heute noch die meisten Hip-Hopper oder RnB-Produzenten stützen (und oft ohne es zu ahnen): James Brown. Doch "Osaka Monaurail" sind beileibe keine Band, die sich nur auf die Schultern des Giganten und dessen famoser Band "The J.B.s" stellen würde, auch wenn ihr Name auf den Track "(Its not the Express) its the J.B.s Monaurail" verweist.

Klar, eine Verbeugung muss sein und so werden mit "Give it up or turn it loose" und der "Sex Machine" gleich zu Beginn zwei Pflöcke eingeschlagen, an denen sich die 220 Besucher orientieren können. Verlassen muss sich die Band im 22. Jahr ihres Bestehens auf das große Vorbild allerdings nicht mehr. "Osaka Monaurail" haben Material genug, und das ist nicht immer ganz so reduziert und auf Akkord und Groove eingedampft, wie das bei James Brown eben der Fall war. Kentaro Yamagata und Yohchi Masago (beide Trompete) sowie Kapellmeister Shimon Mukai bekommen ausgiebig Gelegenheit, die Songs mit messerscharfen Bläsersätzen voranzutreiben. Die Soli der Gitarristen Dan Hayami und Yuichi Ikeda sind niemals Selbstzweck. Das ist punktgenau und verspielt, Handwerk und Improvisation. Bassist Dai Nakamura und Schlagzeuger Soki Kimura, mit 30 Jahren jüngstes Bandmitglied, ölen derweil den Motor der Funk-Maschine.

Ähnlich transparent, knackig und fast schon stereophon wie beim Gastspiel in der Haller Hospitalkirche im Vorjahr kann der Sound natürlich nicht gelingen - dazu ist der Ratskeller mit seinen dicken Betonsäulen und den vielen Winkeln schlicht nicht geeignet.

Stören tut das allerdings niemanden und am wenigsten wohl Ryo Nakata, den Vortänzer, Antreiber, Sänger und Keyboarder der Band. Gutgelaunt und ständig in Bewegung führt er "Osaka Monaurail" durch den Abend - manchmal gefährlich nahe an der Persiflage.

Dabei liebt der 42-Jährige den Funk und Soul viel zu sehr, als ihn auf die leichte Schulter oder gar den Arm zu nehmen. So holen "Osaka Monaurail" zur Zugabe eben nicht erneut die "Sex Machine" oder vergleichbare Genre-Klassiker aus dem Schrank sondern gehen es mit "Walk on by", dem Burt-Bacharach-Schmachter in der legendären Isaac-Hayes-Version von 1969, ganz geschmeidig an.

"No japanese music" werde es an diesem Abend geben, hatte Nakata zu Beginn angekündigt, und "no smiling faces". Zumindest das Publikum konnte sich an diese Weisung beim besten Willen nicht halten.

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