Hannawald: „Man muss schon auf Abenteuer gebürstet sein“

Der frühere Skispringer Sven Hannawald ist Stargast beim Wirtschaftsempfang des Landkreises und spricht im HT-Interview über den Höhenflug bei der Tournee und zerstörerischen Perfektionismus.

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Tschuldigens, san Sie der Herr Hannawald“ – so hat ein schüchterner Fan aus Niederbayern am Mittwochvormittag den früheren Skispringer Sven Hannawald angesprochen. Dieser befand sich zu dem Zeitpunkt auf dem nebelverhangenen Olympiaturm in München zum großen Monatsinterview mit dem HOHENLOHER TAGBLATT. Der Redakteur knipste für den jungen Mann und seine Freundin ein Erinnerungsbild. Und Sven Hannawald sprach in luftiger Höhe über psychische Erkrankungen, wackelige Schanzen, seine Nachfolger in Deutschland, den Traum vom Fliegen – und darüber, dass er seinen Eltern dankbar ist, dass er trotz allen Ruhms nicht abgehoben ist. Ein Skisprung-Held, der am Boden geblieben ist.

Herr Hannawald, wir sitzen hier oben auf dem Olympiaturm in München in knapp 200 Metern Höhe. Ihre Bestweite im Skifliegen liegt bei 220 Metern. Wie fühlt sich das an, so weit durch die Luft zu gleiten?

Sven Hannawald: Wenn man es gewohnt ist, fühlt es sich traumhaft an. Es kommen immer wieder die Fragen, wenn man aufgehört hat: Springt ihr eigentlich hobbymäßig weiter? Die meisten, wenn sie aufgehört haben, hören dann auch wirklich ganz auf. Wenn man mich jetzt überraschen würde in Oberstdorf mit Skianzug, Helm, Brille, Schuhe – wir würden gern sehen, ob du noch springen kannst, würde ich sagen: Nein, mach ich nicht, weil ich das Vertrauen nicht mehr habe. Es ist im Kopf zwar abgespeichert, wie früher alles war, die Technik und so, aber ob das noch passt, weiß man nicht. Das testet man dann erst wieder auf kleineren Schanzen. Auch ich brauche Vorlaufzeit.

Wie weit würden Sie eigentlich heute ohne Training von der Schanze in Planica fliegen, auf der Sie 2002 Ihren persönlichen Rekord geschafft haben?

Zu den damaligen Zeiten, mit dem damaligen Material, von der damaligen Luke: vielleicht 130 bis 150 Meter. Das klingt nach viel, aber nach unten ist es ein weiter Weg. Man kommt relativ schnell an einen Punkt, an dem sich alles entscheidet. Das letzte Stück ist das schwierigste. Es ist aber nicht mehr vergleichbar, weil ich ja auch vom Gewicht her zugelegt habe. Ich habe 15 Kilo mehr, auch wenn man mir das nicht ansieht.

Wie verrückt muss man eigentlich sein, um sich von einer Schanze zu stürzen?

Ein bisschen Abenteuerlust braucht man, das gebe ich zu. Das war der Urgedanke als Kind. Kinder wachsen ohne viel nachzudenken viel schneller in was rein. Ob es gefährlich ist oder nicht, ist zu dem Zeitpunkt erstmal zweitrangig, weil man etwas erleben und aufsaugen möchte. Man muss schon auf Abenteuer gebürstet sein, deswegen macht es ja nicht jedes Kind.

Können Sie sich an Ihren ersten Sprung von einer großen Schanze erinnern?

Wenn man von der kleineren Schanze, die man gewohnt ist, auf die nächstgrößere wechselt – dieser Unterschied war schon immer beeindruckend. Man ist viel schneller in der Anlaufspur. Wenn man rausspringt, hat man ein viel größeres Luftpolster um sich. Wie wenn ich beim Autofahren bei 30 oder 60 km/h die Hand aus dem Fenster halte und den Druckunterschied merke. Das ist das, was wir als Aha-Erlebnis fühlen. Der größte und beeindruckendste Unterschied ist von der Großschanze zum Skifliegen – und wenn es gut geht, auch der schönste, weil das dem Traum vom Fliegen schon sehr nahe kommt.

Hatten Sie mal richtig Angst beim Springen?

Ja, gerade in Skandinavien, wenn es Frühjahr wird, können böige Bedingungen vorherrschen. Das ein oder andere Springen stand auf Messers Schneide. Bei zweien habe ich mir dann gesagt: Das muss ich mir nicht antun. Jeder kann das für sich selbst entscheiden. Das ist kein Zeichen für Weich­ei. Skispringen ist eine Sportart, die sich sehr abgrenzt von Tennis oder Fußball, da kann schon was passieren.

Wer ist denn der größte Gegner beim Skispringen: das Wetter, der Kopf, die Schanze?

Es sind eigentlich die Themen, die man nicht einberechnen kann. In dem Fall meist böige Winde. Wenn der Wind von vorne stabil kommt, kann man das einberechnen, wenn er von hinten oder der Seite stabil kommt auch. Das ständig sekündlich Wechselnde ist das, was gefährlich ist.

Ihre Biografie trägt den Titel „Mein Höhenflug, mein Absturz, meine Landung im Leben“. Zu Ihrem Höhenflug: Welcher Ihrer Erfolge ist Ihnen persönlich der wichtigste?

Ganz klar der Sieg bei der Vierschanzen-Tournee. Die Tournee war in meiner Karriere auch der Startpunkt. Schon als Kind bin ich nach den Weihnachtstagen mit meinen Vater auf dem Sofa gesessen und habe mitgefiebert. Ich war richtig sauer, wenn Reisetage waren, weil ich die Springer wieder sehen wollte. Ich wollte wissen, wie es ausgeht. Ich bin damit aufgewachsen, das war mein absolutes Highlight. Auch Olympische Spiele und Skifliegen haben mich wahnsinnig interessiert. Die beiden Skiflug-Weltmeistertitel und der Tournee-Sieg haben mich erfüllt. Aber die Tournee steht für mich über allem. Bei einer WM oder Olympia sind es Tageserfolge, da kann sich auch einmal der Glücklichere durchsetzen. Aber: Man muss an dem Tag schon seine Leistung bringen. Bei der Tournee gibt es keinen glücklichen Sieger, weil sich über vier Tage der Beste herauskristallisiert.

Rekorde sind dazu da, um gebrochen zu werden, hört man so oft. Bleibt ihr Vierfacherfolg einmalig?

Ich habe natürlich die Hoffnung, dass es so lange wie möglich hält. Wie bei meinen Schanzenrekorden auch, die ich früher hatte. Jetzt halte ich aber, glaube ich, keinen einzigen mehr. Wenn jemand ebenfalls alle vier Springen der Tournee gewinnen sollte, bin ich der erste Gratulant, weil ich weiß, was alles dazugehört. Vieles hat auch nicht mit Skispringen zu tun, dass man es erreichen kann. Bei der Tournee kommen irgendwie auch andere Gesetze zum Tragen, das ganze Drumherum, mentale Aspekte; viel, was man nicht trainieren kann. Bei mir hat einfach alles zusammengepasst.

Sie haben in Ihrer Karriere gutes Geld verdient. Was haben Sie sich von Ihrem ersten größeren Preisgeld gegönnt?

Ich habe mich von einem Kumpel überreden lassen und mir eine Soundanlage für zu Hause gekauft. Ich bin nicht der Sparsame, wenn ich was gewollt habe, habe mir es auch geleistet. Aber ich habe viermal hinterfragt, ob ich es mir kaufen soll. Die Anlage lebt immer noch, das ist also ein Qualitätszeichen.

Als Spitzensportler muss man viele Entbehrungen ertragen, natürlich ist man andererseits auch ein gefeierter Held. Wie sehen Sie den schmalen Grat?

Es gibt bei allem zwei Seiten, das muss einem immer bewusst sein. Wer hoch hinaus will, der kann nicht zu Hause sitzen und Fernseh schauen. Es bleibt viel private Zeit auf der Strecke. Jeder muss für sich entscheiden: Will ich höher hinaus? Muss ich mehr investieren? Reicht mir das aktuell, wo ich bin? Ich bin keiner, der sagt, der Sport hat meine Gesundheit gefährdet. Ich war derjenige, der über Jahre so fokussiert war. Dementsprechend hat der Körper über Jahre darunter gelitten. Und irgendwann zieht er die Notbremse, das ist ganz normal. Ich bin froh, dass es so ausgegangen ist, dass ich jetzt hier sitze und es mir wieder gut geht. Ich weiß natürlich schon, dass jeder Erfolg nicht vom Schlafen kommt.

Zum Absturz: Haben Sie eigentlich Höhenangst?

Ich bin tatsächlich nicht ganz frei davon. Wenn ich jetzt hier in 200 Metern Höhe sitze, fühle ich mich wohl, weil ich weiß, es ist ein stabiles Fundament darunter. Ich kann mich aber auch an das ein oder andere Springen erinnern… In Iron Mountain zum Beispiel im Interconticup war ein Holzgerüst, das hat oben sehr stark gewankt. Ich habe mich unten umgezogen und bin so hochgelaufen, dass ich direkt springen konnte.

Vor was haben Sie richtig Angst?

Ich bin keiner, der ganz enge Räume mag. Wenn ich Geschichten von Marine-Soldaten höre, die in U-Booten sind oder sich in Torpedo-Rohren einschließen müssen… wenn ich mir das vorstelle, wird’s mir mulmig.

Andreas Wellinger ist vor ein paar Jahren schwer gestürzt. Mussten Sie einmal etwas Ähnliches verdauen? Wie schwer ist es, so etwas zu verarbeiten?

Man muss nach so einer Situation immer froh sein, wenn nichts Schlimmeres passiert ist und nichts hängen bleibt. Meist resultiert das ja aus Situationen, in denen es schwierige Bedingungen gibt und man als junger Heißsporn nicht glaubt, dass irgendwo eine Grenze ist. Bei mir war es in Lillehammer, mit Aufwind, der sich gut anfühlte. Wenn man es übertreibt, tut es schnell weh. Danach weiß man dann, wo die Grenzen sind.

Haben Sie sich was gebrochen?

Ich habe zum Glück relativ stabile Knochen vererbt bekommen. Mein Vater hat sich auch erst im hohen Alter mal den Zeh gebrochen beim Barfußlaufen. Ich habe viele Situationen hinter mir, wo ich weiß, dabei haben sich viele andere was gebrochen. Meine schwierigste Verletzung war eine Nierenprellung. Und Gehirnerschütterungen haben hin und wieder mal dazugehört.

Körperliche Verletzungen sieht man, psychische Beschwerden dringen oft nicht nach außen: Wegen Burn-outs mussten Sie 2004 Ihre Karriere beenden. Was hat hauptsächlich dazu geführt?

Es ist ein Paket aus vielen Themen, das letztlich zu groß geworden ist. Das Thema Gewicht spielte natürlich immer eine Rolle. Der Körper hatte in Stresssituationen keine Reserven mehr, er hatte zu wenige Pausen. Dazu kamen noch mein Ehrgeiz und Perfektionismus. Über die Jahre ging das nach hinten los. Wobei… nach hinten losgehen… ich habe ja auch in dieser Phase noch Erfolge eingefahren, die ich nie gedacht hätte. In der Sportart und wie ich vom Charakter her bin, musste das so kommen und war vorherbestimmt.

Sie haben mit Ihrem Geschäftspartner Sven Ehricht eine Unternehmensberatung gegründet. Die Schwerpunkte liegen auf betrieblicher Gesundheit und im Sportsponsoring, Sie sind Testimonial und Corporate-Health-Botschafter. Firmen buchen Sie für Business-Talks, Gesundheitstage und Seminare. Was raten Sie Unternehmern, Führungskräften und Mitarbeitern aufgrund Ihrer eigenen Erfahrungen in Hinblick auf psychische Erkrankungen?

Bei Knochenbrüchen, Husten oder Fieber hat man von heute auf morgen einen Unterschied. Das Gefährliche bei Stress oder Burn-out ist der schleichende Prozess. Man hat sich zwischenzeitlich daran gewöhnt, dass es keine schlechte Kleidung gibt, sondern nur schlechtes Wetter. Man merkt nicht, dass es schlimmer und schlimmer wird. Es ist das Wichtigste, den Leuten mitzugeben, dass sie in sich kehren, auf die innere Stimme hören. Sie sollen die eigenen Signale wieder wahrnehmen und achtsamer sein, auch im privaten und beruflichen Umfeld. Wenn eine dauernde Müdigkeit da ist, dann ist das nicht mit Kaffee zu bekämpfen. Der Körper sendet Signale, dass etwas zu viel ist. Dem muss man entgegenkommen. Jeder muss für sich ins eigene Leben horchen und die Punkte sehen, die einem gut tun, was man mit Familie und Beruf verbinden kann. Was kann man zum Beispiel im Beruf ändern, um ruhiger zu werden? Da gibt es einfache Entspannungstechniken wie zum Beispiel etwas Ausmalen am Arbeitsplatz. Hier heißt es öfter: Mut zur Pause! Gemeinsam mit der Gezeiten-Haus-Gruppe bieten wir ab 2018 auch Seminare für Manager auf modernen Skisprungschanzen an inklusive Stress-Screening, Balance-Workshop und prägenden Gesundheitserlebnissen in kleinen Gruppen.

Gewichtsprobleme sind auch ständiger Begleiter der Berichterstattung über Skispringer. Fiel es Ihnen schwer, sich so diszipliniert zu ernähren und zu leben?

Ich habe vorher viel über Technik und Material gemacht. Ich war genetisch nicht der Schnellkräftigste, der man sein muss. Mir blieb damals nichts anderes übrig, als eher den Weg extrem über das Gewicht zu gehen. Ich war in ständigem Kontakt mit unserem Arzt. Es war ein Weg auf schmalem Grat, der aber sein musste. Ich wusste aber auch, ab dem Zeitpunkt, an dem ich aufhöre, ist das Thema erledigt. Wenn man heute in den sozialen Medien sieht, was da alles als schön gepriesen wird, ist es klar, dass so viele Jugendliche in Richtung Magersucht und Essstörungen abgleiten und völlig den Weg verlieren. Ich kann die Spekulationen um meine Person auch nachvollziehen. Wenn ich Bilder von damals sehe, erschrecke ich selber vor mir. Aber im Sport ist es immer noch so: Du musst Leistung bringen. Ich habe gemerkt, wenn’s zu wenig Gewicht war, ist die Leistung nach unten gegangen. Ich wusste, dass es nichts mit Schönheit zu tun hat. Ich musste mein Paket so schnüren, dass ich am Ende Chancen habe zu gewinnen.

Wie und wann haben Sie essenstechnisch gesündigt?

Das Nutella-Brot war ganz normal drin. Ich wusste, wie viele Kalorien darf ich zu mir nehmen, was ist mein Grundumsatz. Ich habe mich nie eingebremst. An Weihnachten habe ich auch die Gans nicht weggelassen. An Tagen, an denen alles geschmückt war, gerade da wollte ich auf nichts verzichten. Ich bin dann eben nicht eine halbe Stunde gelaufen, sondern eine Viertelstunde länger. Das Wichtigste ist, dass man seinen Grundumsatz weiß. Ich muss immer lachen, wenn Leute gerade an den Feiertagen anfangen, Gewicht abzubauen. Das ist ein Schwachsinn. Ich habe mich nie irgendwo reingezwängt.

Zur Landung im Leben: War die Umstellung von Spitzensport auf das normale Leben eine harte Landung oder eine weiche?

In meinem Fall war es eine härtere Landung, weil ich mir noch gar keine Gedanken gemacht habe übers Aufhören. Ich bin ja in meinem eigenen Film gewesen. Ab der Weltmeisterschaft in Predazzo 2003 kam bei uns im Team so ein bisschen der Zusammenbruch. Wenn es noch ein Jahr normal weitergegangen wäre, hätte ich mich eventuell mehr mit dem Thema Abschied auseinandergesetzt. Ich bin davon ausgegangen, dass nach einem schlechten Jahr wieder ein besseres kommt. Ich wusste aber die Anzeichen nicht zu deuten, dass es auch mein Karriereende bedeutet. Keinen Plan fürs zukünftige Leben zu haben, war ein bisschen schwierig.

Was war die größte Befreiung und was stellte Sie vor große Probleme?

Man möchte mit sich im Reinen und zufrieden sein und seiner Aufgabe folgen. Was ich geliebt habe, war das Skispringen. Ich habe gemerkt, dass ich mich immer mehr zurückgezogen und mein Einzelding durchgezogen habe, obwohl ich jemand bin, der sich in der Gruppe wohlfühlt und für jeden Spaß zu haben ist, eher Blödsinn redet als ernste Diskussionen führt und sich am Leben erfreut. Ich habe mich in meinen eigenen Raum verzogen und kam dort nicht mehr mit mir klar. Ich wusste nicht mehr, wer ich eigentlich bin. Das hat mir am meisten Bauchweh bereitet. Nach der Diagnose war es eine Befreiung, weil ich jetzt einen Grund hatte: Warum fühle ich mich eigentlich so, wie ich bin?

Wie sind Sie da wieder herausgekommen?

Die Zeit war ein wichtiger Faktor. Ganz wichtig war der Klinikbesuch. Ich musste von meinem bisherigen Leben Abstand bekommen beziehungsweise einen neutralen Punkt erreichen ohne Erinnerungen. Hier war ich schon mal, hier war das. Ich musste mich einfach resetten, mich hinterfragen, gewisse Dinge aufklären in der Klinik. Danach wollte ich wieder weiterspringen, weil der Kopf wieder so weit war, dass er sich mit Springen beschäftigt hat. Aber die innere Stimme hat weiter negative Gefühle gesendet. Ich wusste also, dass ich meinem Kopf noch klarmachen musste, dass es das mit dem Skispringen war.

Der Kick in Ihrem Leben blieb aber trotzdem erhalten. Sie fuhren nach Ihrer aktiven Karriere Autorennen. Haben Sie den gewissen Kick bewusst wieder gesucht?

Ich glaube ja. Es ging mir relativ schnell wieder gut. Ich konnte morgens tun und lassen, was ich mochte. Aber dann war mir schnell langweilig. Wenn ich freie Tage und nichts zu tun habe, möchte ich mich irgendwie bewegen und etwas unternehmen. Nur Fernseh gucken, da werde ich depri. Ich möchte was machen, was nicht anstrengt, und es genießen. Das kann ein Besuch im Tierpark sein. Autorennen haben mich aber schon jahrelang begleitet. Ich wollte auch beruflich gerne etwas mit Autos machen. Am liebsten in Richtung Autodesign. Ich war auch schon immer Formel-1-Fan und bin mit schnellen Autos aufgewachsen. In einer Rennserie mitfahren und mich ausleben zu dürfen, war natürlich super.

Haben Sie viel trainiert?

Das Schwierige bei mir war, dass ich in Anführungszeichen schon wieder der alte Hannawald war und gemeint habe, wenn ich jetzt drei Runden mit dem Auto fahre, fahre ich auf jeden Fall Bestzeit. Da wollte ich hin. Das war für mich auch ein guter Lerneffekt, mir beizubringen, dass gewisse Dinge eben länger dauern, und wenn ich alles forciere, dass mir dann der Spaß genommen wird. Für die Zukunft war das gut. Ich wollte den Ehrgeiz und den Perfektionismus nicht runterschrauben, weil wenn ich Sachen nur halb mache, dann bin ich nicht glücklich. Wenn das Rennen schlecht war, habe ich es aber dann dabei belassen und nicht schon wieder gegrübelt, wieso, weshalb, warum. Es war halt so, und beim nächsten Mal fange ich wieder an und habe Spaß dabei.

Auch in unteren Fußballklassen haben Sie aktiv gespielt.

Jögi Löw habe ich kennenlernen dürfen, und meine Leistung hat dafür nicht gereicht. Ich war froh, dass ich ein Team hatte, in dem ich etwas mitspielen durfte. Ich habe relativ spät mit Fußball angefangen und wusste, dass die Jungen besser sind als ich. Ich musste jetzt nicht, nur weil ich ein erfolgreicher Skispringer war, in der Startformation spielen. Mir war das Teamerlebnis an sich wichtiger. Natürlich freut man sich, wenn man spielt und gewinnt. Verlieren geht mir sowieso eher immer auf den Sack! Wenn das Thema Wintersport nicht funktioniert hätte, hätte es mich schon in Richtung Fußball gezogen.

Sie sind im Februar zum zweiten Mal Vater geworden. Wenn Ihre Söhne irgendwann einmal kommen und sagen: Papa, ich will Skispringer werden. Wie reagieren Sie dann?

Ich glaube, da gibt es eher Probleme mit der Mama, die das wahrscheinlich nicht möchte. Kinder wollen manchmal auch Dinge, die für Erwachsene nicht so positiv sind. Ich werde sie aber nicht bremsen. Mit der Achtsamkeit von heute und meinen Erfahrungen würde ich natürlich sofort reagieren, falls sich etwas falsch entwickelt. Ich würde nie sagen, das darfst du nicht.

Schließen Sie eine Trainerkarriere aus?

Ich bin gerne drumherum dabei, sehe mich aber eher nicht als Trainer. Es ist ja nicht damit getan, bei Grün abzuwinken. Es ist ein Beruf, da rattert es bei dir, wenn die Jungs schlafen. Für mich wäre diese Position schwierig zu tätigen, weil die Gefahr hoch wäre, dass dann das Kopfkino zu groß wird. Ich bin besessen von Erfolg und möchte den Jungs auch weiterhelfen. Deswegen glaube ich, dass das für mich nicht unbedingt das Positivste ist. Ich habe mit dem Verband Gespräche geführt. Mir ist so eine Art Oliver Bierhoff fürs Skispringen vorgeschwebt. Dass man bei den Jungs im Weltcup und bei Weltmeisterschaften dabei ist, den Nachwuchs besucht, sich mit den Landesverbänden abstimmt. Mich würde auch interessieren, einen Springer unter die Fittiche zu nehmen und ihn anzuleiten.

Sie arbeiten seit vergangener Saison als Experte für den TV-Sender Eurosport.

Diese Position macht mir unheimlich viel Spaß. Wenn man als Ehemaliger dabei ist, kriegt man noch so viele Dinge drumherum mit. Da bin ich noch mehr fasziniert als eh schon. Eurosport hat nun in Deutschland exklusiv die Olympiarechte. Ich freue mich, dabei sein zu dürfen.

Wie würde der Experte Hannawald die Stärken und Schwächen des Skispringers Hannawald beschreiben?

Ich würde sehen, dass er Perfektionist ist und Ehrgeiz ohne Ende hat. Dass es ihm gut tun würde, das etwas herunterzuschrauben. Ich wüsste allerdings, dass man ihm das nicht beibringen könnte. Durch die Höhen und Tiefen, die dazugehören, habe ich den Ruf, nahbar zu sein. Ich bin froh, dass ich auch durch meine Eltern nicht den Anreiz habe, zum Freiflieger anzusetzen. Gerade bei jüngeren Springern ist das oft der Fall, wenn die Eltern zu arg hintendran sind und denken, unser Junge ist der Beste. Die sind später oft schwer zu haben.

Mit Andreas Wellinger und Markus Eisenbichler hat Deutschland wieder zwei Top-Skispringer. Das Duo Martin Schmitt und Sven Hannwald für die neue Generation Fans?

Ich bin kein Freund von diesen Vergleichen. Es sind unterschiedliche Zeiten, unterschiedliche Voraussetzungen. Deswegen kann ich auch nicht sagen, wer der beste Skispringer aller Zeiten ist, was ich oft gefragt werde. Ich bin froh, dass wir in Deutschland nach Severin Freund wieder zwei junge Springer haben, die vorne mitmischen und Spaß machen. Sie sind nicht arrogant und in sich gekehrt. Sie wirken unheimlich erfrischend. Wir haben aber mit Richard Freitag noch jemanden in der Hinterhand, der unheimlich gute Voraussetzungen hat. Irgendetwas passt aber bei ihm noch nicht so richtig zusammen. Seine Paradesprünge zeigt er oft dann, wenn es nicht drauf ankommt. Sein Sieg in Innsbruck bei der Tournee war einfach sensationell. Da sieht man, wo der Junge hin kann. Da frage ich mich oft, ob sich der Junge selber im Weg steht oder ob im Umfeld irgendetwas nicht passt, dass er gerade nicht da steht, wo Wellinger und Eisenbichler jetzt stehen, weil Richie definitiv dort hoch gehört.

2002 wurden Sie zu Deutschlands Sportler des Jahres gewählt, vor Dirk Nowitzki und Michael Schumacher. Beim Ball der Wirtschaft im Landkreis Schwäbisch Hall, bei dem die drei Kreiszeitungen die Medienpreise verleihen, sind Sie Stargast. Wem würden Sie am liebsten mal einen Preis überreichen?

Gute Frage. Ich habe keine Ahnung. Ich mag es nicht, jemanden zu wählen. Ich mache mir da zu viele Gedanken. Wenn ich den einen wählen würde, würde ich den anderen auch wählen wollen, weil er es ja auch verdient hat. Da überlasse ich immer den anderen die Wahl. Ich übergebe den Preis dann lieber.

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