Hände frei für Neues

Die Erfahrungen als Leiter des Crailsheimer Wolfgangstifts helfen Manfred Reich beim Älterwerden. Der Prozess lässt sich dadurch zwar nicht aufhalten, aber doch angenehmer gestalten.

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„Gemeinsam in Bewegung“: Wenn sich Senioren zur Gymnastik auf dem Marktplatz in Crailsheim treffen, ist Manfred Reich dabei.  Foto: 

Man ist so alt, wie man sich fühlt, heißt es, und wie man sich fühlt, das hängt zum einen von äußeren Faktoren ab, kann aber auch selber beeinflusst werden. Einstellungssache also. Das hat auch viel mit Begrifflichkeit zu tun, damit etwa, ab wann man sich selbst als alt, als Senior wahrnimmt und bezeichnet.

„Ich betrachte mich als Senior, seit ich in den Ruhestand gegangen bin“, sagt Manfred Reich. Seine 74 Jahre sieht man ihm nicht an, wenn er schwungvoll und gut gelaunt ins Café kommt, fröhlich Bekannte begrüßt und einen Packen wohlsortierte Unterlagen auf den Tisch legt, bevor er sich ein Frühstück bestellt.

Gefragt, was ihn fit hält, wie seine Einstellung zum Alter und zum Altern ist, holt er weit aus, geht viele Jahre zurück, zu dem Zeitpunkt als der Schwiegervater in den Ruhestand ging und zwar ganz buchstäblich. „Er nahm das tatsächlich wörtlich und machte gar nichts mehr. Er begann sich um sich selbst zu drehen, kein Tier, kein Hobby, nichts. Innerhalb von zwei Jahren ist er vergreist“, fasst Manfred Reich zusammen. Schockierend ist der Begriff, den er für dieses Schlüsselerlebnis verwendet.

Gleichzeitig schwor er sich damals, dass ihm das später einmal nicht passieren soll.  Lebendig gehalten wurde dieser Vorsatz durch seine Erlebnisse als Leiter des Wolfgangstifts in Crailsheim, wo er 20 Jahre lang täglich mit den unterschiedlichen Facetten des Älterwerdens und des Zerfalls konfrontiert war. Auch dort erlebte er, wie ältere Menschen ihr Leben aus der Hand gaben, sobald sie über die Schwelle traten. „Das war für mich immer wieder erschreckend, wie schnell Menschen ihre Fähigkeiten verlieren, wenn sie sich nur noch bedienen lassen.“

Ganze dreimal, erzählt er, passierte es in diesen 20 Jahren, dass jemand freiwillig im Wolfgangstift wohnen wollte. Die meisten anderen Fälle gingen zurück auf äußere Zwänge wie etwa Krankheit oder Verlust des Partners. Vom Leben gezwungen werden, ein Umstand, den Reich anerkennt, jedoch so nicht wirklich akzeptieren will, zumindest für sich persönlich nicht. Deshalb hat er für sich eine Lehre aus seiner aktiven Berufszeit gezogen, die ihm die Oberhand gibt im Disput mit dem Zwang von außen: das Loslassen.

„Das Loslassen und die Gelassenheit hat man selber in der Hand. Man kann selber entscheiden, an was man sich klammert“, sagt er und wird metaphorisch, ja fast poetisch als er sagt: „Wer sich an Vergangenem festklammert, der hat die Hände nicht frei für Neues.“ Für ihn bedeutete das, sich vom großen Haus zu trennen und in eine altersgerechte Wohnung in der Innenstadt zu ziehen. Dieser Schritt ermöglichte ihm, auf das hinzuarbeiten, was er sich für das eigene Altern vorgenommen hat: Individualität, Mobilität und Selbständigkeit so lange wie möglich erhalten.

Körperliche, geistige, seelische Fitness

Doch natürlich ist der Tellerrand für Manfred Reich nicht seine Wohnungstür. Zu viele Ansprüche hat er an sich. Ganz oben auf der Liste steht dabei Fitness, körperlich und geistig und seelisch. Deshalb marschiert er nicht nur tapfer bei jedem Wetter durch die Natur zusammen mit seiner Frau, sondern versucht auch andere dazu zu bringen, sich nach ihren Möglichkeiten zu bewegen, etwa durch die Initiative „Gemeinsam in Bewegung“, die er mit dem Stadtseniorenrat auf den Weg gebracht hat. Jeden Freitag ist er dabei, wenn Senioren sich auf dem Marktplatz zur Gymnastik treffen.

Für die geistige Fitness beschäftigt sich Manfred Reich mit den Voraussetzungen für ein glückliches, zufriedenes Altern. In Vorträgen spricht er übers altersgerechte Wohnen – und darüber: Die innere Einstellung könne den Alterungsprozess zwar nicht aufhalten, aber doch angenehmer machen kann. „Ich sehe mein Zipperlein als Herausforderung, nicht als Verlust“, sagt er und zieht einen scherzhaften Vergleich zu Fallobst und reifer Frucht. Verfall, der Fokus auf das biologische Älterwerden und das damit verbundene Defizitdenken in der heutigen Gesellschaft, kritisiert er scharf und wünscht sich, dass es Senioren gelingt, sich davon zu distanzieren und sich auf die positive Seite zu konzentrieren. Ideale, Träume und Fantasie nennt er dabei als Stichworte, die nicht verloren gehen dürfen, egal wie alt man ist, geistige und seelische Reife als positives Gegengewicht zum körperlichen Altern.

Sich selber in den Hintern treten

Doch ein Träumer ist Manfred Reich nicht, auch wenn viel Idealismus mitschwingt in dem, was er sagt. „Sollte ich irgendwann einmal Hilfe annehmen müssen, dann genieße ich das“, sagt er. Es klingt wie ein Versprechen an sich selber. Mut gibt ihm die Erkenntnis, dass Senioren immer unbefangener, pragmatischer, aber auch trotziger mit dem Thema Alter umgehen und sich immer aktiver dafür einsetzen, dass die Rahmenbedingungen sich ihren Vorstellungen entsprechend verändern und verbessern.

Bis jetzt will Manfred Reich seinen Alltag in all seiner Umtriebigkeit auskosten, sich seinen zahlreichen Hobbys und Ehrenämtern widmen, sein Dasein als Opa genießen und vielleicht auch ein wenig Vorbild sein. Die Kraft dazu findet er übrigens durch seinen starken Glauben und in der eigenen Disziplin: „Sich selber in den Hintern treten, ist wichtig.“

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