Gerüchteküche: Werden in Crailsheim Kinder aus Umkleidekabinen entführt?

Kann es sein, dass in Crailsheim etwas gaaaanz Schlimmes passiert ist und die Zeitung nicht darüber berichtet?" Hoffentlich nicht, durchfährt es mich. "Ich denke nicht", antworte ich meinem Kumpel. Definitiv nicht, traue ich mich jetzt zu schreiben.

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Es geht um Sagen und ums Weitersagen, um Ängste und was sie mit uns machen - und es geht um Vorurteile.

Eine Mutter war mit ihrer Tochter in einem Modekaufhaus in Crailsheim. Sie probierte in einer Umkleidekabine etwas an, danach war das Kind verschwunden. Der Laden wurde sofort verriegelt. Die Kleine tauchte wieder auf - in einer anderen Kabine und in der Gewalt zweier Rumänen, die sie betäubt, ihr die Haare geschoren und andere Kleider angezogen hatten. Fertig zum Abtransport gen Osten.

Ein Horror, aber echt! Aber echt? Nein. Die Geschichte hat sich zwar in mancher Variation wie ein Lauffeuer in der Stadt verbreitet und für Angst und Schrecken bei Eltern gesorgt. Wahrer macht sie das aber nicht - auch wenns doch ein Bekannter der Schwester eines Arbeitskollegen mit eigenen Augen gesehen hat! Ehrlich! Womit wir bei einer Grundeigenschaft unserer Spezies wären: Der Mensch erzählt gern. Diesem Umstand haben wir zum Beispiel die sagenhaften Geschichten von Siegfried, der Lorelei, dem fliegenden Holländer und dem Schimmelreiter zu verdanken.

Wer nun aber denkt, derlei Sagen seien etwas von gestern, vorgestern und vorvorgestern, dem sei gesagt: "Unter Sagen verstehen wir mündlich überlieferte Erzählungen und Berichte von außergewöhnlichen Erlebnissen, Ereignissen oder Erscheinungen, die mit dem Anspruch auf Glaubwürdigkeit erzählt werden." Ehrlich! So definiert es Professor Rolf Wilhelm Brednich in seinem Buch "Sagenhafte Geschichten von heute".

Auch just in diesem Moment verbreiten sich also Sagen - und sorgen für Gänsehaut und werden geglaubt und überwinden Grenzen und wandeln sich mit dem Erzählen.

Kinder verschwinden im Möbelmarkt?

Zurück zur Gruselgeschichte aus Crailsheim: Varianten davon gibt es seit langer Zeit. Im Mai 1969 verbreitete sich in der französischen Stadt Orléans das Gerücht, sechs Damenmode-Geschäfte im Zentrum würden von Mädchenhändlern beherrscht. Kundinnen würden aus den Umkleidekabinen entführt, betäubt und über unterirdische Gänge weggeschafft. Es hat zwar keinen einzigen tatsächlichen Fall gegeben, aber es gab die reale Angst - und den Argwohn gegenüber den jüdischen Ladenbesitzern. Seit Jahren hält sich nun schon das Gerücht, dass in Filialen der Möbelkette "Ikea" Kinder verschwänden: Eine Mutter bittet einen Mitarbeiter um Auskunft, ihr Kind ist plötzlich weg, der Markt wird abgeriegelt, das Kind auf der Toilette gefunden - mit anderen Kleidern, geschorenem Kopf, unter Drogen. Ehrlich!

Im Jahr 2000 bereits hat "Ikea" Strafanzeige gegen den unbekannten Urheber der Geschichte gestellt. Doch diese hat längst eine Eigendynamik entwickelt - und ploppt mal hier, mal da auf. Auch in Italien, von Turin bis Palermo, hat sich laut "taz" lange eine fast wortgleiche Mär gehalten: "Zigeuner" stählen Kinder aus Umkleidekabinen in großen Einkaufszentren - klar: inklusive Betäubung, Verkleidung und Haarescheren. Ehrlich! Und jetzt also auch noch in Crailsheim. . .

"Moderne Sagen stellen sich bei näherer Betrachtung als ein Ausdruck von Ideen, Gefühlen, Befürchtungen und vor allem von Sorgen, Nöten und Ängsten in der heutigen Zeit heraus", schreibt Professor Brednich. Will heißen: Erscheinen darin Juden, "Zigeuner" oder wie in Crailsheim Rumänen als fürchtenswerte Anti-Siegfrieds, dann sagt das sicher weniger über diese Menschen aus als über das Bild, das sich unsere Gesellschaft von ihnen macht.

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