Gehütet wie einen Augapfel

Geschichte zum Anfassen: Unser heutiges Objekt ist ein kleines, unscheinbares Heft, das wohl keiner so recht bemerken würde – könnte es nicht eine verblüffende Geschichte erzählen.

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Das Schreibheft ist grau, das Papier leicht vergilbt. Doch wenn man bedenkt, wie alt es schon ist, und was es alles erlebt hat, dann sieht es doch noch verhältnismäßig frisch aus. Eselsohren hat es kaum. Auch das zeigt, wie gehütet und geschätzt das Heft war, viele Jahre lang.

Es ist 70 Jahre alt und es gehört Hilde Scherz aus Rudolfsberg. Und, nein, Hilde Scherz will keinesfalls in der Zeitung kommen. Ihr Heft freilich, das darf fotografiert werden. Denn das ist schließlich etwas Besonderes. Das weiß Scherz auch und ist zu Recht stolz darauf.

Denn dieses Schulheft ist vor 70 Jahren von Theodora Cashel und ihren Helfern organisiert worden. Es ist Teil der Spenden, die in Worthington gesammelt wurden für eine deutsche Stadt, Crailsheim, die völlig zerstört war und in der Mangel an allem herrschte – auch an Schulheften.

Diese Hilfslieferungen, die die Partnerschaft zwischen Worthington und Crailsheim begründen sollten, hätten eigentlich schon zu Weihnachten 1947 in Hohenlohe ankommen sollen, das war der Plan. Doch dann standen die Ballen und Pakete wochenlang in Bremerhaven herum, bis sie endlich nach Süddeutschland verfrachtet wurden. Im Februar 1948 kamen sie endlich an. „Jeder Crailsheimer bekam eine Seife“, erinnert sich etwa Liselotte Hägele, die damals als junge Lehrerin aus Öhringen nach Crailsheim versetzt worden war. Sie hatte ein Zimmer in der unzerstörten Spitalvorstadt und erinnert sich noch genau, wie die Güter aus dem Spital heraus verteilt wurden. Und sie erinnert sich auch noch gut an die Seife selbst: „Sie hat geschäumt. Sie war nicht so kratzig wie die Kriegsseife, an die wir gewohnt waren.“

Viele andere Dinge kamen auch an. Saatgut, zum Beispiel, von dem die amerikanischen Spender hofften, dass es den Hunger in Deutschland lindern helfen würde.

Auch die damals zwölfjährige Hilde Scherz aus Rudolfsberg kam in den Genuss. Sie bekam für ihre Familie Samen von grünen Bohnen und ein paar Kartoffeln. Und als die im folgenden Herbst geerntet und probiert wurden, hatten die amerikanischen Kartoffeln weißes Fleisch. „Das kannten wir nicht, unsere Kartoffeln waren innen gelb“, erinnert sich Scherz. „Geschmeckt haben sie aber gleich.“

Mit den Hilfslieferungen begannen auch Brieffreundschaften zwischen Crailsheimer und Worthingtoner Kindern, Hilde Scherz, damals noch Christmann, hatte auch eine Brieffreundin. Sie hieß Darlene Grattin, erinnert sich die 82-Jährige, und dass das Schreiben mit den paar Brocken Englisch, die sie damals hatte, nicht einfach war, weiß sie auch noch. Der Kontakt ging dann verloren, das bedauert sie heute.

Dass das Mädchen aus Rudolfsberg überhaupt in den Genuss der Hilfslieferungen kam – die blieben eigentlich vor allem in dem zerstörten Crailsheim –, hatte die kleine Hilde nur dem Umstand zu verdanken, dass sie kurz nach dem Krieg für ein paar Jahre in Crailsheim in die Schule ging.

Deshalb bekam sie das Heft. „Was die anderen bekommen haben, weiß ich nicht mehr.“ Für das Mädchen war dieses Heft etwas ganz Kostbares. Es war sogar so kostbar, dass sie es hütete wie ihren Augapfel – bis heute. Und bis heute hat sie kein einziges Wort hineingeschrieben, noch immer sind alle Seiten blank. „Ich hab es immer in Ehren gehalten“, sagt sie, „deshalb hab ich es auch nie verwendet oder weggeworfen.“

Das Heft ist museumsreif

Deshalb erzählt dieses Heft nicht nur von der Bedeutung, die die amerikanischen Waren im Mangel-Deutschland der Nachkriegsjahre hatten. Es zeugt gleichzeitig von der Wertschätzung, die die Hilfe aus Amerika bis heute in Crailsheim hat.

Auch deshalb hat Hilde Scherz dieses Heft nie weggeworfen, hat es auch nicht den Kindern oder Enkeln zum Schreiben gegeben. Und doch gibt sie es jetzt aus der Hand. Es soll ins Museum der Stadt kommen. Dort wird derzeit gemeinsam mit dem Stadtarchiv eine große „Worthington-Ausstellung“ geplant. Das Heft, das unscheinbare, das aber doch so viel erzählen kann, bekommt bestimmt einen Ehrenplatz.

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