Für Marion Schwarze sind Weihnachtskrippen eine besondere Art der Verkündigung

Schon über ein halbes Jahrhundert sammelt Dr. Marion Schwarze Weihnachtskrippen aus aller Welt. Ihre Schätze zeigt sie alljährlich über die Weihnachtszeit in ihrem Krippenmuseum in Amlishagen.

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Die Initialzündung für ihre lebenslange Leidenschaft erhielt die promovierte Theologin und ehemalige Bächlinger Pfarrerin als junge Vikarin auf dem Weihnachtsmarkt am Berliner Funkturm.

Dort traf sie die Professorin Gertrud Weinhold, die in den 1950er-Jahren für das Völkerkundemuseum Berlin-Dahlem eine später weltberühmte Krippenausstellung aufbaute. Ihr Interesse galt den Krippen überall auf der Welt, und unter dem Motto „Freude der Völker“ zeigte die Völkerkundlerin ihre Stücke auf dem Weihnachtsmarkt. Von ihrem bescheidenen Vikarsgehalt sparte sich Schwarze damals immer wieder mühsam etwas vom Munde ab, um ein neues, einzigartiges Stück zu erwerben – zum Beispiel die aus einem Stück geschnitzte polnische Baumkrippe die heute zusammen mit über 300 weiteren Exponaten aus allen erdenklichen Materialien und Ländern in den verwinkelten Räumen und Fluren des alten Handwerkerhäuschens in Amlishagen ausgestellt ist.

„Das Haus hat förmlich darauf gewartet“, erzählt die rührige 83-Jährige, die im Oktober ihr 60-jähriges Pfarrdienstjubiläum feierte. Ihre kontinuierlich gewachsene Sammlung begleitete sie auf vielen beruflich bedingten Umzügen – von Berlin über Stuttgart schließlich nach Bächlingen, wo Schwarze von 1981 bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 1995 als Gemeindepfarrerin tätig war. „Krippen vertragen es auf die Dauer nicht, ständig unterwegs zu sein und in der Zwischenzeit in Kartons zu verschwinden. Sie brauchen ein Zuhause“, sagt sie, und ist froh, dass sie vor 13 Jahren das Häuschen in der Gerabronner Straße 37 dafür erwerben konnte. „Mit seinen niedrigen Räumen ist es wie geschaffen dafür“, sagt sie.

Ein ganzes Haus voller Weihnachtskrippen – und dennoch reicht der Platz inzwischen nicht mehr aus. Ihr besonderes Sammelgebiet Papierkrippen stellt Marion Schwarze dieses Jahr erstmalig in dem früheren Geschäftshaus in der Gerabronner Bahnhofstraße vor, wo sie seit drei Jahren auch regelmäßig Ausstellungen zu Weihnachten, Passion und Erntedank organisiert. Die Papierfiguren, die das Geschehen von Bethlehem anschaulich machen, entstanden vor etwa 100 Jahren, „aus dem Bestreben, eine Weihnachtskrippe für jeden erschwinglich zu machen“, teilt die Sammlerin mit. Sie ist stolz, aus dieser Zeit noch ein paar besonders schöne Exemplare der empfindlichen und vergänglichen Bildwerke zu besitzen, wie etwa die beiden aufklappbaren Krippen, die einmal die ganze Heilige Familie und ein andermal nur das Jesuskind mit einem Heiligenschein zeigen. „Die erste stammt aus einem katholischen Haushalt, die zweite aus einem evangelischen“, weiß die Theologin. In der katholischen Kirche sei die Tradition der Weihnachtskrippen viel verbreiteter als in der evangelischen, berichtet sie. Deshalb sei ihre Krippenpassion bei ihren katholischen Kollegen auch auf viel mehr Resonanz gestoßen als bei den evangelischen, erzählt die Pfarrerin im Unruhestand, die damals die erste Weihnachtskrippe in die Bächlinger Dorfkirche brachte.

Ihre älteste Papierkrippe ist eine böhmische Krippe aus dem Jahr 1900. Vor dem Stall zu Bethlehem tummeln sich Heerscharen von böhmischen Musikanten, Bauern, Hirten und Handwerkern neben Muselmanen und Mohren aus dem Orient, Elefanten und Kamele treffen auf Ziegen und Rindvieh aus dem Böhmerwald. Jede Krippe ist auch Ausdruck der Volks- und Alltagskultur einer Region, von der die weit gereiste Pensionärin anschaulich zu berichten weiß: Ihre Krippen aus Peru und Venezuela zeigen das Jesuskind als Indiobaby mit Strickmütze, während der südkoreanische Jesusknabe als feudal gekleideter Prinz seidenbedeckt in der Krippe ruht.

Dr. Marion Schwarze will mit ihrer öffentlichen Sammlung aber nicht nur weihnachtliche Volkskunst zeigen, sondern versteht ihre Ausstellungen „als einen anderen Weg, dem Menschen die christliche Botschaft nahezubringen“, so die Theologin. Die Geburt von Jesu stehe dabei jedoch nicht für sich alleine. Dass das Ereignis von Bethlehem eng mit dem von Golgatha verknüpft ist, zeigt sie am Beispiel ihrer südamerikanischen Osterkrippen aus Eierschalen, die weihnachtliche Szenen beherbergen.

In ihrem neunten Lebensjahrzehnt macht sich die Theologin Gedanken, wie es mit ihrer Sammlung mal weitergeht. Sie denkt über die Gründung eines Fördervereins nach, sucht nach Menschen, die sie unterstützen. Von dem Spendengeld der Besucher jedenfalls wird sie nichts für die anstehenden Renovierungsarbeiten verwenden. Das geht wie immer als Spende an „Brot für die Welt“.

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