Experten sehen keine Gefahr: Dialogforum in Langenburg widmet sich Windkraft

Hochkarätige Experten beschäftigten sich bei einem „Dialogforum“ in der Langenburger Stadthalle mit der Frage, ob Windräder gravierende Folgen für das Wohlbefinden von Mensch und Natur haben.

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Zwei Diskussionsrunden über Windräder und ihre möglichen Folgen für Mensch und Natur bot das »Dialogforum« in Langenburg an. Im Bild (von links): Clemens Mehnert, Dr. Johannes Pohl, Martin Zorzi und Dr. Gunther Matthäus.  Foto: 

Brücken über einen tiefen Graben, den die 18 geplanten Windräder im Brüchlinger Wald quer durch die Bürgerschaft von Langenburg und umliegenden Dörfern aufgeworfen haben, will das Umweltministerium in Stuttgart bauen: Mit einem „Dialogforum“ wurde jetzt eine „Informationsmesse“ fortgesetzt, bei der im Juni 2014 schon Minister Franz Untersteller für die Windkraft warb. Im Auftrag (und auf Rechnung) seines Ministeriums organisierte die Kommunikationsagentur IFOK erneut eine Expertenrunde mit sieben Fachleuten, die in ihrer jeweiligen Disziplin einen zum Teil sogar bundesweit exzellenten Ruf genießen.

Einige eingefleischte Rotoren-Gegner hielt das aber nicht davon ab, die Podiumsdiskussion in der Langenburger Stadthalle pauschal als „einseitige Farce“ und einen Wissenschaftler als „Sprachrohr der Windkraft-Industrie“ zu schmähen – wobei die „Besorgten Bürger“ aus Langenburg selbst zwei Experten ihrer Wahl entsandt hatten, wie der IFOK-Moderator Dr. Michael Wormer betonte. Das Misstrauen sitzt offenbar tief bei den Windkraft-Gegnern und wird durch zahllose „Studien“ beflügelt, die durch das Internet geistern, etliche gesundheitliche Gefahren durch die Windmühlen heraufbeschwören und damit die Bürger zutiefst verunsichern – was übrigens auch dem Langenburger Bürgermeister Wolfgang Class missfällt.

Wissenschaftler wie Ulrich Ratzel von der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz (LUBW) halten sich lieber an Fakten. Wie zum Beispiel beim viel diskutierten Infraschall – jene Frequenzbereiche unter der menschlichen Hörschwelle von 20 Hertz, die auch von Kühlschränken oder Wärmepumpen produziert werden.

Keine Hinweise auf gesundheitliche Folgen

Bei einer Messreihe an Windrädern der Ein- und Zwei-Megawatt-Klasse hat der Physiker in 150 Metern Entfernung einen Infraschall von bis zu acht Hertz festgestellt – und in 700 Metern Abstand machte es absolut keinen Unterschied mehr, ob die Rotoren liefen oder nicht: „Infraschall wird hier höchstens noch vom Wind erzeugt und nicht von der Anlage.“ Bei Windrädern der Drei-Megawatt-Klasse, wie sie auch im Brüchlinger Wald stehen sollen, rechnet Ulrich Ratzel mit ähnlichen Ergebnissen.

Den „normalen Lärm“ von Windrädern sieht Ulrich Ratzel durch die gesetzlichen Vorgaben (nachts maximal 35 bis 40 Dezibel je nach Status des Wohngebietes) ausreichend eingedämmt. Auf eine psychologische Komponente stieß Dr. Johannes Pohl von der Universität Halle-Wittenberg bei einer Untersuchung in Niedersachsen: Zehn Prozent der Anwohner eines Windparks fühlten sich „mittelstark“ lärmbelästigt und klagten über Symptome wie Schlaflosigkeit. Unter den Befragten, die sich „stark belästigt“ fühlten, befanden sich zu 75 Prozent Bürger, die schon vor dem Bau der Anlagen zu den erbitterten Gegnern zählten: „Weichen für die Akzeptanz werden offenbar schon in einem sehr frühen Stadium gestellt“, so Dr. Pohl.

Aus medizinischer Sicht kam Professor Dr. Caroline Herr vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit zum gleichen Infraschall-Schluss: Es gebe bislang keine seriösen Hinweise darauf, dass die Frequenzen von Windrädern negative Auswirkungen auf die Gesundheit habe.

Christian Eulitz von der Firma Möhler und Partner Ingenieure AG hat die Infraschall-Problematik bundesweit untersucht. Sein Fazit: „Die Lästigkeit der Anlagen und das veränderte Landschaftsbild sind eher ein Thema bei den Beschwerden, die bei Behörden angekommen sind.“

Fast komplette Fehlanzeige herrscht zudem bei den elektromagnetischen Feldern: „Windräder erreichen an der Haustür von Anwohnern eines Windparks nur noch 0,1 Prozent des einschlägigen Grenzwertes“, hat der LUBW-Fachmann Clemens Mehnert in einer Studie festgestellt.

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Kommentare

12.11.2014 20:24 Uhr

Hat man Körperschall und Resonanzphänomene "vergessen"?

Ich will den Experten ja nicht zu nache Treten, aber beim Thema Infraschall muss ich auch den Körperschall (Übertragung durch Schwindungen über den Boden) und Resonanz (Gebäude gerät bei bestimmten Frequenzen in Resonanz, wodurch die Stärke der Schwingungen im Gebäude stärker wird als draußen.
Warum können Erdbebenwarten Infraschall von Windrädern über 10 km entfernt nachweisen? Hier müsste nach Aussagen der Experten auch der Infraschall des Windes stärker sein als der der WKA. Ist er aber nicht, weil die Schwingungen der WKA über das Fundament als Körperschall in den Boden eingekoppelt werden, Infraschall von Wind aber nicht.
Messen muss man IN den betroffenen Gebäuden, nicht nur draußen.
Setzen, 6!

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