Einer aus 17 Trilliarden ist’s gewesen

Versuchte schwere räuberische Erpressung wird in Ellwangen verhandelt: Crailsheimer Autohändler handelt bemerkenswert unerschrocken.

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Dieser Autohändler, Habib K., ist der Alptraum eines Räubers: Da geht man mit einem großen Messer auf einen älteren, leichteren, kleineren Mann los und hält ihm das Ding vor die Brust um Geld zu erpressen, und dann verhält der sich so gar nicht, wie das gemeinhin von  Opfern erwartet wird. Er drückt die Messerhand weg, rennt am Angreifer vorbei, raus aus dem Bürocontainer in der Theodora-Keshel-Straße, ins Freie, wo er in Sicherheit ist und um Hilfe rufen kann.

Als  der verhinderte Räuber wegläuft, immer noch unkenntlich durch Motorradhelm und Sonnenbrille, nimmt Habib K. kurzerhand die Verfolgung auf. „Wer bist du. Ich will dein Gesicht sehen“, ruft der Überfallene mehrfach. Und er gibt einfach nicht auf, erst recht nicht, als der Täter in einem Gebüsch das Messer entsorgt hat. Er sieht das Gesicht schließlich, erkennt es: Früher im Jahr hat dieser Mann ihm ein Auto abgekauft. Das ist die Geschichte, die nun vor der Großen Strafkammer in Ellwangen unter dem Vorsitzenden Richter Gerhard Ilg verhandelt wird.

Die Verfolgung war wohl einfach; in einer Verhandlungspause erzählt der Angeklagte, dass das Essen in Untersuchungshaft nicht ausreiche, um davon  zu leben: 20 Kilo in vier Monaten habe er abgenommen. Mit 150 Kilo wurde er festgenommen –  da leichtfüßig davonzurennen ist schwer. Ein bei McDonald‘s Kaffee trinkender Bekannter von Habib K.,  Kfz-Meister im Ruhestand, hat an diesem Tag, wie er vor Gericht aussagt, mitbekommen, wie der überfallene Autohändler den Täter gestellt und sich mit ihm auseinandergesetzt hat.

„Aus wirtschaftlicher Not“

Stimmt alles, lässt der Angeklagte seinen Verteidiger Timo Fuchs verlesen. Mit dem in einer Pizzaschachtel versteckten Messer sei er zum diesem Autohändler gegangen, um sich in wirtschaftlicher Not Geld zu besorgen. Nur habe er eben drohen wollen, auf gar keinen Fall aber verletzen. Er wisse, dass er damit eine Grenze überschritten habe, die er nicht hätte überschreiten dürfen.

Habib K. nimmt vor Gericht die Entschuldigung an, lehnt aber ab, als der Angeklagte anbietet, für eine Wiedergutmachung seinen einzigen Besitz zu verkaufen, den Scirocco, den er – ohne Führerschein – bis zu seiner Verhaftung fast täglich gefahren hat. Sein Opfer lehnt ab. Ihm sei kein materieller Schaden entstanden, sagt der in Afghanistan geborene Wahl-Crailsheimer; Vergebung sei sowieso besser als Rache. Er wolle nur mit seiner Familie in Frieden   und ohne Angst leben.

Es waren Nachbarn und Freunde, die ihn an diesem heißen Mittwoch Mittag im August gedrängt haben, in jedem Fall die Polizei zu rufen. Vor Gericht ist er bemerkenswert ruhig, freundlich. Seine Frau, die ihren Mann nach Ellwangen begleitet hat und nun im Publikum sitzt, erzählt freilich, wie aufgewühlt ihr Mann nach dieser Attacke war; später habe er kaum fassen können, wie unerschrocken er reagiert hat.

Damit war nach zweistündiger Verhandlung eigentlich alles gesagt. Die einzigen, die dabei waren, schildern denselben Tathergang. Da ist es wenig überraschend, dass das erst seit Montag vorliegende molekulargenetische Gutachten die DNA-Spuren an Pizzaschachtel, Messergriff und -klinge dem Angeklagten zuordnet. Von 17 Trilliarden  Menschen – das ist eine 17 mit 21 Nullen –, so lässt sich das Ergebnis hochrechnen, hat nur einer, vielleicht noch ein eineiiger Zwilling, dieselben Merkmale.

Strafmaß entscheidend

Mehr Beweisaufnahme bräuchte es eigentlich nicht. Der Vorsitzende Richter Gerhard Ilg lädt dennoch ein Dutzend weitere Zeugen. Und als Richter Dr. Jens Beynio die Akten aus früheren Verurteilungen auf dem Richtertisch auftürmt, macht er zwei Stapel, sonst würde er dahinter verschwinden. Auch diese kriminelle Vergangenheit ist aufzuarbeiten. Vor allem geht es jetzt um die Frage, was zur Tat geführt hat, wie sich das Leben des 38 Jahre alten, in Backnang geborenen Angeklagten mit seiner Ex-Freundin in der Tiefenbachstraße gestaltet hat und vor allem, wie ein solcher Mann zu bestrafen ist, der immer und immer wieder gegen Bewährungsauflagen verstoßen hat.

Habib K. ist das Beste, was einem Räuber passieren kann. Er hätte sich verletzen können bei dem Handgemenge  mit einem, der ein 25 Zentimelter langes Messer mit sich führt. Er hätte vor Gericht von Spätfolgen erzählen können. Und wenn er dem Angeklagten das Geld gegeben hätte, wäre es nicht bei der versuchten Tat geblieben. Dann stünde jeweils eine ganz andere Strafe im Raum.

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