Ein Tag mit Bundestagsabgeordnetem Christian von Stetten unterwegs

Christian von Stetten sitzt auf einem schwarzen Ledersessel im Paul-Löbe-Haus, das sich ein paar Schritte vom Reichstag entfernt am Spreeufer erhebt. „Heute ist ein Großkampftag“, kündigt der Abgeordnete an.

|

Im Sitzungssaal nebenan diskutiert der Arbeitskreis Wirtschaft der CDU/CSU-Fraktion ein letztes Mal vor der Sommerpause darüber, wie sich die Abgeordneten in den Plenarsitzungen positionieren sollen.

Gleich ist Christian von Stetten an der Reihe. Er hat eine Rede zum Bürokratieentlastungsgesetz vorbereitet, welches das Bundeskabinett im März dieses Jahres beschlossen hat – und das nach Meinung des 44-Jährigen noch nicht weit genug geht. So will er etwa durchsetzen, dass die Abschreibungsmöglichkeiten für Unternehmen verbessert werden. Noch wenige Minuten zuvor saß der Abgeordnete in der Arbeitsgruppe Finanzen, die parallel zur Arbeitsgruppe Wirtschaft tagt. „Ich bin der Einzige, der in beiden Gruppen Mitglied ist“, erzählt von Stetten. „Ich spring’ dann zwischen den Sitzungen hin und her.“

Das wichtigste Fest in der Berliner Politikszene

Doch das ist nicht der einzige Grund, der den Tag für den Abgeordneten zu einem „Großkampftag“ macht. Am Abend findet das Sommerfest des Parlamentskreises Mittelstand (PKM) statt, „das wichtigste Fest in der Berliner Politikszene“, wie von Stettens wissenschaftliche Mitarbeiterin Caroline Bernhardt stolz betont. Seit November 2011 ist von Stetten Vorsitzender des PKM – und somit Gastgeber des Sommerfestes, auf deren Gästeliste keine Geringere als Kanzlerin Angela Merkel steht.

Und dann ist da noch die Griechenland-Krise. Am Montag ist von Stetten von einer Reise nach Athen zurückgekehrt. „Vom Taxifahrer bis zum Passanten, alle waren der Meinung, dass Europa schuld ist“, erzählt er. Den Bart, den er sich für die Reise hatte wachsen lassen, hat er mittlerweile abrasiert. „Aber ich war nicht inkognito unterwegs, wie es in der Zeitung stand“, sagt er schmunzelnd.

Entgegen seiner Fraktion und dem Kurs von Kanzlerin Merkel hat von Stetten gegen das zweite Rettungspaket gestimmt, „weil die Griechen einfach keine Reformen umsetzen können“, wie er sagt. Doch wenn Journalisten ihn nun nach seiner Meinung fragen, schweigt er lieber. „Ich will ja nicht als Besserwisser dastehen, der vorausgesehen hat, was kommt.“ Die Überlegung, ein drittes Rettungspaket für Griechenland zu schnüren, findet er „absurd“. So viel verrät er dann doch.

Kurz vor 12 Uhr eilt von Stetten in sein Büro im sechsten Stock des Paul-Löbe-Hauses. Wer ihn dabei begleitet, hat Mühe, Schritt zu halten. An der Tür hängt ein Plakat des Bundestagsabgeordneten aus dem Wahlkampf 2013. „Hohenlohes starke Stimme in Berlin“, steht unter einem Foto des Abgeordneten, das einen deutlich jüngeren Christian von Stetten zeigt und an die Wahl zum „Mister Bundestag“ 2003 erinnert.

Zeit zum Verweilen hat von Stetten nicht. Bis zum Sommerfest muss er noch an drei Sitzungen teilnehmen und eine Besuchergruppe aus dem Wahlkreis treffen. Zwischendurch beantwortet er eine Anfrage der Deutschen Presseagentur (dpa): Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) lockert ein halbes Jahr nach Einführung des Mindestlohns die Dokumentationspflicht für Unternehmen. Die dpa möchte wissen, was von Stetten von der Entscheidung hält. „Wenn jetzt der gesunde Menschenverstand in das Arbeitsministerium zurückkehrt, begrüße ich das sehr“, schickt er per SMS an die dpa.

Um 17 Uhr ist von Stetten schließlich im Kronprinzenpalais, einem imposanten Prachtbau, in dem lange das preußische Herrscherhaus residierte – und der an diesem Abend als Schauplatz für das PKM-Sommerfest dient. Im Garten haben Verbände und mittelständische Unternehmen ihre Stände aufgebaut, darunter eine Firma aus der Heimat: Haller Löwenbräu. „Wir kommen seit einigen Jahren her“, sagt Peter Heinze. „Einige freuen sich immer schon auf unser Bier.“

Bundeskanzlerin schneidet Schleswig-Holstein ab

Der Stargast des Abends kommt kurz nach 18 Uhr. Im mintgrünen Blazer geht Angela Merkel in Begleitung von Christian von Stetten von Stand zu Stand. Besonders angetan ist sie von der „Deutschlandtorte“ des Konditors Michael Wiecker aus Wernigerode. Stellvertretend für die Bundesländer hat der Zuckerbäcker historische Bauwerke aus Marzipan, Zucker und Gelatine auf der Landkarte verteilt. „Ganz toll sehen die aus“, sagt die Kanzlerin entzückt, während Wiecker ihr ein Messer reicht. „Schneiden Sie Bayern ab“, schlägt er vor. „Nein“, sagt Merkel fast entsetzt. „Bayern schneide ich nicht ab.“ Stattdessen muss Schleswig-Holstein dran glauben.

Dann tritt die Kanzlerin hinters Rednerpult. Sie lobt den Mittelstand als Rückgrat der Gesellschaft und betont, dass der Bundeshaushalt zum zweiten Mal in Folge ausgeglichen ist. „Das war über 40 Jahre nicht so.“ Schließlich äußert sie sich noch zu Griechenland, dessen Hilfsprogramm noch am selben Abend ausläuft: „Bevor das Referendum nicht durchgeführt ist, werden wir gar nichts neu verhandeln“, gibt sie bekannt.

Von Stetten meidet das Thema in seiner Rede. Stattdessen spricht er über den Mittelstand: „Kein Unternehmen soll aufgrund der Erbschaftssteuer Deutschland verlassen müssen. Wir leben von diesen Familienunternehmen. Wenn Sportvereine Unterstützung brauchen, sind sie es, die helfen“, betont er.

Einer dieser Mittelständler ist Jochen Stepp, Vorstand des Verbands zur Rücknahme und Verwertung von Elektro- und Elektronikaltgeräten. „Ich erkenne mich da überhaupt nicht wieder, wenn ich die vom Mittelstand reden höre“, sagt er. Seit 20 Jahren höre er, dass die Bürokratie abgebaut wird. Doch nichts geschehe.

Nicht alle sind so kritisch wie Stepp. So ist etwa Konditor Wiecker von dem Fest begeistert: „Hier kommen Politik und Mittelstand auf ungezwungene Art in Berührung.“ Angetan ist auch Eberhard Spies, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Schwäbisch-Hall/Crailsheim: „Wir sind stolz darauf, dass der Vorsitzende des PKM aus unserer Heimat kommt“, sagt er.

Den Kopf durchlüften

Als Angela Merkel das Fest nach einer halben Stunde verlässt, um weitere Krisengespräche in Sachen Griechenland zu führen, ist der Garten des Kronprinzenpalais prall gefüllt wie bei einem Rockkonzert. Unter den Gästen befinden sich einige prominente Politiker der Union, darunter Innenminister Thomas de Maiziere, Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, und PKM-Mitglied Wolfgang Bosbach, der in Polit-Talkshows ein häufig gesehener Gast ist. Ob das Sommerfest eine Pflichtveranstaltung für ihn ist? „Nein“, sagt Bosbach. „Das ist Vergnügen pur. Man muss auch mal den Kopf durchlüften.“ Bis 2.30 Uhr vergnügen sich Politiker und Mittelständler auf dem Fest. Als von Stetten nach Hause geht, ist es fast 3 Uhr. Am nächsten Morgen muss er um 9 Uhr in der Sitzung des Finanzausschusses sein. Doch die kurze Nacht stört ihn nicht: „Das gehört dazu.“

Kommentieren

Kommentare

08.07.2015 08:12 Uhr

Stechschritt?!

Weiß der Author was ein Stechschritt ist?

Antworten Kommentar melden

08.07.2015 08:09 Uhr

Stechschritt?

Weiß der Autor, was ein Stechschritt ist?

Antworten Kommentar melden

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Italienische Lieder im Park stoßen auf große Resonanz

„Don & Giovannis“ sorgen für einen gelungenen Auftakt des Kulturwochenendes. Ganz italienisch: Tenor Andreas Winkler sucht Kontakt zum Publikum. weiter lesen