Ein Stein des Anstoßes

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Der Bildhauer Franz Raßl sagt: „Der Aufbruch ist immer gut.“ Mit seiner Skulptur „Wandlung“ hat er den Moment des Herauslösens aus einem erstarrten, kontrollierten Leben thematisiert.  Foto: 

An der Ecke vom Karlsplatz zum Schweinemarktplatz laufen Fußgänger in Crailsheim an einer Skulptur des Künstlers Franz Raßl vorbei. Je nachdem, aus welcher Richtung man auf die Figur zugeht, zeigt sie unterschiedliche Formen. Von vorne sieht man in derber Bearbeitung eine Person, die im Begriff ist, sich zu erheben. Dabei ist der eine Fuß auf eine Stufe gehoben, der andere steht tiefer. Im Bereich des Kopfes sind mehrere, teilweise maskenartige Gesichter zu erkennen, die sich überlagern und ineinanderschieben. Von rechts ist der Körper mit seinen übergroßen, fast gigantischen Körperteilen deutlich aus dem Stein gehauen.

Die Art der Steinbearbeitung und damit auch die Art der künstlerischen Form und Aussagekraft ändern sich an den beiden anderen Seiten: Zur Linken ist der blockartig belassene Stein glatt geschliffen, einzelne Konturen des sitzenden Körpers sind linear eingesägt, nur das Ohr ist bildhauerisch betont.

Auch die Rückseite ist glatt, hier ist im unteren Teil der Schriftzug „Aller Augen warten a“ eingefügt, was gedanklich zu „auf dich“ ergänzt werden kann, ein Vers aus Psalm 145. An der oberen Kante der Rückenlehne ist ein Auge sichtbar.

Die vorne auf einer Art Schriftband über dem erhobenen Knie eingemeißelte Zahl „89/90“ gibt einen Hinweis auf eine Deutung der Skulptur, die den Titel „Wandlung“ trägt und im Mai 1990 auf dem Karlsplatz aufgestellt wurde. Der Gerabronner Bildhauer Franz Raßl hat während seiner Studienzeit bei Aufenthalten in der DDR den extremen Druck erlebt, dem die Bürger dort ausgesetzt waren, das Beobachtetsein und Belauschtwerden, die vollständige Kontrolle.

Aus dieser Erfahrung ist die Skulptur entstanden: „Diese große Sehnsucht nach Veränderung, die die Menschen dort hatten, das kommt in dieser Skulptur zum Ausdruck,“ sagt Raßl und mit Nachdruck fügt er an: „Diese Skulptur ist mir aus dem Herzen gekommen. Sie sollte ein Anstoß sein.“

Viele Details an dem Aufstehenden nehmen auf die harte Wirklichkeit Bezug, wie das beobachtende Auge und das lauschende Ohr, andere Motive sind Zeichen der Hoffnung, wie der Abdruck einer Kinderhand an der rechten Seite. Die Skulptur, der im Moment ein würdiger Sockel fehlt, ist aus Crailsheimer Muschelkalk gearbeitet. In ihrem Buch zur modernen Skulptur in Crailsheim hat Marinela Seitz auch die Skulptur Raßls besprochen. Sie bemerkt zu Raßls Materialwahl: Der Stein „wird passend zum Motiv gewählt und wirkt, je nach Wahl, weicher oder härter, fließender oder statischer, grober oder glänzender.“

Bei der Crailsheimer Figur wird durch den harten Muschelkalk und die Art seiner Bearbeitung die Schwere und Starrheit betont, die Figur scheint sich nur mit großer Mühe aus dem Steinblock herauszuarbeiten. Seitz verweist daher auf mögliche allgemeine Deutungen der Skulptur: „Die stete Wandlung, die eine Stadt wie Crailsheim täglich vollzieht, oder auch eine allgemeinmenschliche Wandlung sind hier als weitere Motivkreise denkbar.“ Beim nächsten Vorbeilaufen an der Skulptur Raßls lohnt sich daher ein genauerer Blick.

Info Das Buch zur modernen Skulptur in Crailsheim ist im Stadtarchiv erhältlich.

Franz Raßl lebt und arbeitet seit 1983 in Gera­bronn. Er wurde 1952 in Gaggenau geboren und begann eine Lehre als Steinbildhauer, die er als Landessieger abschloss. Von 1977 bis 1983 studierte er an der staatlichen Akademie der bildenden Künste in Stuttgart. Seine Lehrer waren Karl-Henning Seemann, der in Crailsheim den Brunnen auf dem Schweinemarktplatz geschaffen hat, und Alfred Hrdlicka. Raßl zog nach Gerabronn, wo er als freischaffender Bildhauer tätig wurde. Zahlreiche Werke in der Region stammen von seiner Hand. Er war Mitbegründer der Haller Akademie der Künste. Im Moment stellt er zusammen mit Susanne Neuner und Katja Sehl im Hofratshaus in Langenburg aus. Die Ausstellung „Alles Paradies“ ist bis 29. Oktober geöffnet. hst

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