Ein Schaffer und Macher: Lothar Geistbeck im Alter von 89 Jahren gestorben

Dieses Bild hat sich ins kollektive Gedächtnis der Crailsheimer eingeprägt: Lothar Geistbeck sitzt im Ratssaal am Tisch der AWV-Fraktion und poltert gegen Baubürgermeister Josef Klug.

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Wurde 89 Jahre alt: Ex-Stadtrat Lothar Geistbeck.  Foto: 

Dieses Bild hat sich ins kollektive Gedächtnis der Crailsheimer eingeprägt: Lothar Geistbeck sitzt im Ratssaal am Tisch der AWV-Fraktion und poltert gegen Baubürgermeister Josef Klug. Auf dem Stuhl neben ihm liegt ein Kurzhaardackel, sein Dackel, und lässt sich vom lautstarken Auftritt seines Herrchens nicht aus der Ruhe bringen. Die Szene erinnert an Thomas Manns Erzählung "Herr und Hund", in der es um die Bedeutung der Beziehung zwischen Hund und Mensch geht.

Der Geschäftsmann und Kommunalpolitiker Geistbeck ist am Montag im Alter von 89 Jahren gestorben, heute wird er beerdigt. In den vergangenen Jahren war es ruhig um ihn geworden. Er lebte im Seniorenpark auf dem Kreuzberg, war auf den Rollstuhl angewiesen. Aber auch im hohen Alter hatte er sich eine Eigenschaft bewahrt, die ihn Zeit seines Lebens auszeichnete: Er wollte bewegen und gestalten und ließ sich deshalb in den Heimbeirat wählen.

Ständig im Land unterwegs

Lothar Geistbeck war ein Schaffer und Macher. Bürokraten und Bedenkenträger, Paragrafenreiter und Abwäger gehörten nie zu seinen Freunden. Der Kaufmann, der 1955 ins Modehaus Oechsle kam, prägte nicht nur dieses Unternehmen über Jahrzehnte hinweg, sondern auch die Stadt, die dem gebürtigen Landshuter zur neuen Heimat geworden war. Er gründete zusammen mit Fritz Ruby und Paul Walter die Werbegemeinschaft, er war ständig im Land unterwegs auf der Suche nach neuen Ideen für eine attraktivere Einkaufsstadt Crailsheim.

Auch als Stadtrat hat sich Geistbeck große Verdienste erworben, wurde 2004 mit dem goldenen Horaff, der höchsten Auszeichnung der Stadt, geehrt. Der AWV-Stadtrat war ein Kommunalpolitiker mit Ecken und Kanten, ein unbequemer Mahner und ein kritischer Geist. Er war ein - durchaus liebenswerter - Grantler, der nie verstehen wollte, warum im Rathaus und in der Kommunalpolitik nicht so schnell entschieden und gehandelt werden kann wie in der Wirtschaft.

Niemals nachtragend

Sooft er auch polterte und grantelte - er war nie nachtragend. Das mochten die Crailsheimer an ihm und schickten ihn von 1968 bis 1975 und von 1980 bis 1999 in den Gemeinderat. Dort sorgte er immer wieder für Schlagzeilen - mal kritisierte er das Wartehäuschen am Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) als indisches Grabmal, mal mäkelte er am Glaspalast, also am neuen Verwaltungsgebäude der Stadtwerke, herum. Diplomatie war seine Sache nicht, er sagte stets frei heraus, was er gerade dachte.

Wie gesagt, nachtragend war Geistbeck nie - mit einer Ausnahme. An Baubürgermeister Josef Klug konnte er sich nie gewöhnen. 2001, also schon im gemeinderätlichen Ruhestand, schrieb er in einer Zeitungsanzeige: "16 Jahre Klug sind genug!!!". Nur Monate später war Klug nicht mehr Bürgermeister. Wer in Geistbeck nur den bayrischen Poltergeist sah, verkannte wesentliche Fähigkeiten von ihm - etwa die der messerscharfen Analyse oder auch die des schnellen, entschiedenen Handelns. Davon lebte er als Geschäftsmann, davon profitierte er als Stadtrat.

Unter einer rauen Schale verbirgt sich oft ein weicher Kern, das trifft auch auf ihn zu. Er hatte ein großes Herz, half Menschen in Not stets gerne. Geistbeck hat nicht nur gute Tage erlebt, weder in der Kommunalpolitik noch im Geschäftsleben. Aber sein Blick war auch in schweren Zeiten stets nach vorne gerichtet. Er war ein grantelnder Optimist, einer, dem es Pflicht und Freude zugleich war, zu gestalten - sowohl das eigene Leben als auch sein Lebensumfeld.

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