Doula: Die Freundin im Kreißsaal

In vielen Ländern ist sie eine Selbstverständlichkeit, in Deutschland noch wenig bekannt – die Doula. Die erfahrenen Frauen unterstützen Schwangere während der Geburt.

|
Persönliche Begleitung von Anfang bis Ende: Während der Wehenphase im Kreißsaal blieb Michaela Frisch-Winkelbeiner an der Seite ihrer Freundin.  Foto: 

Doulas gibt es vermutlich bereits so lange, wie es die Menschheit gibt. Denn schon immer waren es erfahrene Frauen, die Schwangeren bei der Geburt beigestanden haben – unabhängig davon, ob eine speziell ausgebildete Hebamme anwesend war oder nicht.

Es waren Tanten, ältere Schwestern, Freundinnen oder Nachbarinnen, die für frische Wäsche sorgten und Feuerholz holten, die eine Tasse Tee reichten und die Hand hielten. Aus dieser historischen Solidarität unter Frauen ist die Tätigkeit der Doula entstanden. Ihre wichtigste Aufgabe ist, sich ganz auf die Bedürfnisse der Schwangeren einzustellen und unter der Geburt nicht von ihrer Seite zu weichen.

Vor sechs Tagen hat Christina Trapp (33) ihr erstes Kind zur Welt gebracht. Die Geburt dauerte 28 Stunden und war für Mutter und Kind ein echter Kraftakt. „Ich bin unendlich glücklich, dass der kleine Fabian nun endlich auf der Welt ist“, sagt die junge Mutter und im selben Atemzug fügt sie an: „Ohne die Unterstützung von Michi hätte ich es nicht geschafft, über so lange Zeit durchzuhalten.“

Michaela „Michi“ Frisch-Winkelbeiner war von Anfang an bei der Geburt dabei – und zwar als Freundin und angehende Doula, denn die zweifache Mutter aus Gröningen lässt sich gerade zu einer „Dienerin der Frau“ ausbilden. „Ich habe mit Christina geatmet, sie zur Toilette begleitet, ihr Essen und Trinken gebracht, mit ihr gelacht und geweint, sie ermutigt, wenn sie nicht mehr konnte, sie massiert, ihr die Spuckschüssel gehalten, ihr gesagt, was als Nächstes kommt und Christinas Wünsche an die Hebammen weitergegeben, wenn sie selbst es nicht konnte“, berichtet Michaela Frisch-Winkelbeiner. Bis auf eine kurze Pause, in der der Vater die Stellung bei der Gebärenden hielt, hat die Doula in Ausbildung die Geburt komplett begleitet – bis hin zum Durchschneiden der Nabelschnur, was die 28-Jährige am Ende machen durfte.

Nachdem der kleine Fabian auf der Welt war, hat sich die Geburtsbegleiterin zurückgezogen, damit die frischgebackenen Eltern in aller Ruhe ihr neues Familienglück genießen konnten. „Es war ein wunderschönes Erlebnis für mich – auch wenn ich zwischendurch kräftemäßig an meine Grenzen kam. Aber ich konnte sie zum Glück schnell wieder aktivieren und wieder für meine Freundin da sein“, erzählt Michaela Frisch-Winkelbeiner.

Eine Doula im Kreißsaal ist in der Region ein seltenes Ereignis. Im Haller Diak ist das noch nie vorgekommen. „Meistens kommt der Partner als Begleitung mit. Es kommt auch vor, dass eine andere nahestehende Person die Gebärende begleitet. Das empfinden wir ganz klar als Unterstützung“, sagt Chefarzt Professor Dr. Andreas Rempen. Die Zahl der Begleitpersonen sollte aber auf ein bis zwei Personen beschränkt bleiben.

„Mir sind Doulas heute vor allem im amerikanischen Raum bekannt. Auch weiß ich, dass es in Deutschland in Großstädten einige Doulas gibt. Bei uns auf dem Land ist der Einsatz von Doulas noch nicht – oder nicht mehr – sehr verbreitet“, berichtet Hebamme Ute Krippner aus Bad Mergentheim. Wenn sich eine Schwangere an die Bad Mergentheimer Hebammenpraxis wendet, bekommt sie eine Eins-zu-eins-Betreuung durch eine erfahrene Hebamme, egal ob die Geburt zu Hause oder im Kreißsaal stattfindet. „In unserer Arbeit war eine Doula bisher nie nötig, da die Hebamme exklusiv für die Gebärende da ist“, so Krippner.

Anders kann es aussehen, wenn eine Frau zur Entbindung in die Klinik geht, ohne vorher eine Beleghebamme engagiert zu haben. Die diensthabenden Hebammen geben selbstverständlich ihr Bestes, um der Frau während der Geburt beizustehen. Allerdings müssen sie manchmal zwei oder drei Geburten gleichzeitig betreuen und können sich nicht exklusiv um eine Gebärende kümmern. Auch endet die Schicht nach acht Stunden, eine Gebärende, die viele Stunden in den Wehen liegt, erlebt so die Begleitung von zwei oder drei Hebammen. „In Kliniken können Doulas wirklich gute Dienste leisten – bei der Stellenknappheit ist das ideal für die Gebärende und eine Entlastung für das Klinikpersonal“, meint Hebamme Martina Eirich aus Braunsbach. In der Hausgeburtshilfe, in der sie selbst seit vielen Jahren tätig ist, finden die Frauen eine zusätzliche Doula-Begleitung jedoch überflüssig.

„Ich könnte mir vorstellen, dass eine Doula, die sich nur auf Wehenbegleitung beschränkt, sehr hilfreich sein kann“, meint Martina Wolf-Thiessat. Die Hebamme aus Oberrot betrachtet eine Doula nicht als Konkurrenz – so lange diese ihre Kompetenzen nicht überschreitet. Damit ist vor allem die Unterstützung der Gebärenden im Kreißsaal gemeint. „In der Vorsorge teilen sich bereits Hebammen und Gynäkologen die Aufgaben, und die Nachsorge gehört ebenfalls zum Aufgabengebiet von uns Hebammen. Schon die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Hebammen läuft nicht immer optimal. Wenn da noch eine weitere Person ins Spiel kommt, stelle ich mir das schwierig vor“, so Wolf-Thiessat. In jedem Fall müsse eine Doula viel Fingerspitzengefühl mitbringen.

Bei der Geburt von Fabian in der Klinik Rothenburg ob der Tauber hat die angehende Doula Michaela Frisch-Winkelbeiner den Spagat zwischen einer Betreuung der Gebärenden und der nötigen Zurückhaltung gegenüber dem Klinikpersonal offenbar gut gemeistert. „Die Schwestern, Hebammen und Ärzte waren sehr nett und offen. Es war eine gute und harmonische Zusammenarbeit, wir haben viel gelacht und die Stimmung war sehr locker“, resümiert die 28-Jährige.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Keiner soll zurückbleiben

Die Agentur für Arbeit, das Jobcenter und das Landratsamt im Kreis Ansbach bilden eine Jugendberufsagentur – zur besseren Förderung benachteiligter Jugendlicher. weiter lesen