Die Sprengkraft der gelebten Hoffnung gegen die der Bomben

Mit der Kranzniederlegung wird an die Zerstörung Crailsheims vor 72 Jahren erinnert. Diakon Werner Branke verweist auch auf das Schicksal von Aleppo.

|
Vorherige Inhalte
  • Am Mahnmal auf dem Ehrenfriedhof gedenken auch Vertreter der Gemeinderatsfraktionen den Toten des Zweiten Weltkriegs. 1/2
    Am Mahnmal auf dem Ehrenfriedhof gedenken auch Vertreter der Gemeinderatsfraktionen den Toten des Zweiten Weltkriegs. Foto: 
  • Erster Bürgermeister Harald Rilk trägt den Kranz der Stadt zum Mahnmal auf dem Ehrenfriedhof; neben ihm Diakon Werner Branke und Dekanin Friederike Wagner. 2/2
    Erster Bürgermeister Harald Rilk trägt den Kranz der Stadt zum Mahnmal auf dem Ehrenfriedhof; neben ihm Diakon Werner Branke und Dekanin Friederike Wagner. Foto: 
Nächste Inhalte

Hat man angesichts des tagtäglichen Leids in der Welt nicht allen Grund zum Verzagen? Nein, sagt der katholische Diakon Werner Branke, für Christen darf Nichtstun nicht die letzte Option sein. Zusammen mit der evangelischen Dekanin Friederike Wagner gestaltete Branke am Donnerstag, den 72. Jahrestag der Zerstörung Crailsheims, das ökumenische Friedensgebet in der Kapelle auf dem Ehrenfriedhof. Zuvor hatten Erster Bürgermeister Harald Rilk und Vertreter der Gemeinderatsfraktionen einen Kranz am Mahnmal niedergelegt.

Aktuelle Botschaft

Woher die Hoffnung nehmen, dass das Leid in der Welt nicht überhand nimmt? Angesichts der Bilder vom April 1945 in Crailsheim, im Angesicht der Bilder von Aleppo 2017. Diakon Branke erinnerte am Donnerstag an die Würzburger Synode der katholischen Kirche. Die Welt braucht nicht noch mehr Hoffnungslosigkeit ,,sie braucht die „Sprengkraft der gelebten Hoffnung“. Diese Botschaft sei heute vielleicht sogar noch aktueller als 1976, als sie in die Welt gesetzt worden ist. Auch bei dieser Aussage hatten sicherlich viele der Zuhörer die schlimmen Bilder von Aleppo und Mossul vor Augen.

Und trotzdem nicht verzagen? Der Redner verwies auf Gottes Plan: „Er will mit uns die Erde verwandeln.“ Zum Besseren. Also gelte es, sich zum Werkzeug des Frieden Gottes machen zu lassen, betonte Branke. Dann solle man an der Stelle, an der Gott einen hingestellt hat, „Hoffnung leben, und mithelfen, Gottes Friedensbotschaft zu verwirklichen.“ Dann könne die Sprengkraft gelebter Hoffnung Gutes bewirken, dann könne das Wort Sprengkraft in einem christlichen, einem positiven Kontext gelesen werden. Aber, so der Diakon: „Allein schaffen wir es nicht. Und darum bitten wir den Herrn um seinen Frieden.“ Dieses Stichwort griff Erster Bürgermeister Rilk auf und wünschte zum Abschluss der Gedenkveranstaltung den Zuhörern eine „friedvolle Zukunft“.

Die hatten die Menschen, die während des Zweiten Weltkriegs in der Stadt lebten, nicht. Die Schlacht um Crailsheim hat Eingang in die Annalen der US-Armee gefunden, die Stadt war nach der zweiten Einnahme der Alliierten und dem zuvor erfolgten Beschuss auch durch deutsche Einheiten so gut wie komplett zerstört. Auch in Crailsheim wurde die Jerusalem-Prophezeiung von Jesus, „es wird hier nicht ein Stein auf dem anderen bleiben, der nicht zerbrochen werde“, zur grausamen Realität. Eine Wirklichkeit, die noch heute die Stadt prägt, ergänzte Dekanin Wagner. Noch immer erinnern Lücken im Stadtbild an das, was einmal war und im Krieg zerstört worden ist.

Zuvor hatte Diakon Branke am Beispiel des Crailsheimer Bahnhofes das Ausmaß der Zerstörung veranschaulicht. Er erinnerte an die Luftangriffe der Alliierten auf den von ihnen als strategisch wichtig eingestuften Eisenbahn­knotenpunkt. Am 21. April 1945 war der Bahnhof komplett zerstört, hatten deutsche Truppen, bevor sie abrückten, auch die beiden Eisenbahnüberführungen gesprengt. Das Ergebnis: „Das ganze Areal eine einzige Trümmerwüste“ (Branke).

Wie sehr die Folgen des Krieges die Stadt noch immer prägen, lässt sich gerade am Bahnhof gut ablesen. Noch immer steht ein kümmerliches Provisorium an der Stelle, an der einst ein stattliches Bahnhofsgebäude die Reisenden begrüßte. 2017, in dem Jahr, in dem 150 Jahre Eisenbahn in Crailsheim gefeiert wird, bietet sich ein trauriger Anblick an den Gleisen, die die Stadt in eine Ost- und eine Westhälfte trennen. Ihre Stadt haben die Crailsheimer wieder aufgebaut, beim Bahnhof bleibt ihnen die Hoffnung auf die positive „Sprengkraft gelebter Hoffnung“ (Branke).

Ausführlich widmet sich das HT-Magazin „Katastrophenjahre“ auch der Crailsheimer Tragödie am Kriegsende 1945 – mit einer Chronik, Zeitzeugen-Interviews und zum Teil bis dahin unveröffentlichten Fotos. In einem profunden Beitrag geht Stadtarchivar Folker Förtsch der Frage nach, warum Crailsheim derart verheerend getroffen wurde. Das Magazin gibt es im HT-Shop in der Ludwigstraße in Crailsheim. ht

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Grimmer im HT-Interview: „Viel Zeit zum Freuen bleibt nicht“

Der neue Crailsheimer Oberbürgermeister Dr. Christoph Grimmer spricht über Ehrgeiz, die geplante Verschlankung des Gemeinderats und seine Vision für eine nachhaltige Innenstadt-Belebung. weiter lesen