Die Menschen und das große Rad

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Man kann den Ersten Weltkrieg aus der nüchternen Zahlenperspektive betrachten: Von 1914 bis 1918 dauerte er an, er kostete rund 17 Millionen Menschen das Leben, in Artikel 231 des Friedensvertrags von Versailles wurde Deutschland zum Hauptschuldigen für den Kriegsausbruch erklärt, innerhalb von 59 Jahren sollte das Land deshalb 112 Milliarden Goldmark an Reparationsleistungen zahlen. Man kann in diplomatische Akten blicken, kann Truppenbewegungen nachvollziehen und Schlachten rekonstruieren.

Das HOHENLOHER TAGBLATT indes hat sich – bei aller notwendigen Einordnung – dafür entschieden, wann immer möglich, ganz konkrete menschliche Schicksale in den Mittelpunkt seiner Weltkriegs-Serie zu stellen. Menschen haben den Krieg gemacht, Menschen haben den Krieg erlitten. Hohenloher Bauern, gerade mit der Ernte beschäftigt, wurden zu Soldaten des Kaiserreichs, die sich nach ihrer Heimat sehnten, die nach Hause schrieben, die fehlten, die als andere Menschen zurückkehrten oder auch gar nicht.

Jubelnd in die Schlacht

Zu Beginn des Krieges gab es noch Szenen von jubelnd in die Schlacht ziehenden Männern. Als im August 1914 erste Erfolge von der Westfront gemeldet wurden, berichtete der Crailsheimer HT-Vorgänger „Fränkischer Grenzbote“ von „lebhaften Kundgebungen, die in begeisterten Hoch- und Hurrarufen spontanen Ausdruck fanden“. Und säbelrasselnde Seelsorger wie der Crailsheimer Dekan Friedrich Hummel trommelten auch später noch für den Waffengang: „Nun möge der Krieg, der Beweger der Menschenherzen, das Gute, Edle, Reine wieder emporwecken, daß die Herzen sich wieder viel bewußter hinwenden zu Gott.“

Doch von Begeisterung war bald keine Spur mehr. Etwa bei der Familie Holzinger in Heroldhausen: Sohn Georg starb am 30. November 1914 in der Nähe des Dorfes Véry an der Westfront, sein Bruder Leonhard kurz vor Ende des Krieges bei Reims. Beide hatten sie im Landwehr-Infanterieregiment 124 ihren Dienst getan, das von Bad Mergentheim aus auf die Schlachtfelder zog und in dem besonders viele Hohenloher kämpften.

Für die deutsche Heimat

Auch hiesige Juden – allein 52 aus Crailsheim, darunter Hermann Rosenfeld und Albert Stein – zogen für ihre deutsche Heimat in den Krieg, mussten sich aber des Vorwurfs erwehren, „Drückeberger“ und „Etappenhengste“ zu sein. Und es sollte bald noch viel schlimmer für sie kommen.

Otto Gutöhrlein, ein junger Notar aus Raboldshausen, kam nie nach Hause zurück. Aber einige Briefe erreichten die Eltern: „Man glaubt gar nicht, was der Mensch aushalten kann. Vom Frieden hört man im Schützengraben viel, aber wann er einmal zustande kommt, ist eine Frage der Zeit.“ Ein Kopfschuss raffte Gutöhrlein 1916 dahin.

August Ströbel aus Kleinbrettheim war da schon tot: Der Hohenloher gehörte zu den Flugpionieren seiner Zeit, hatte 1914 beim Pfingstmarkt in Blaufelden mit einer Show für Furore gesorgt – und starb 1915 am Steuer eines Albatros-Doppelsitzers. Ein französischer Pilot schoss das Flugzeug während eines Aufklärungsflugs über die Frontlinie ab. Abenteuerlust führte ins Verderben.

Andere Abenteuer

Andere Abenteurer – der in Kirchberg geborene „Meisterspion“ Karl Ernst Gellichsheimer etwa oder der in Kamerun kämpfende und später in Hornberg wohnende Leutnant Kurt Strümpell – kamen derweil mit dem Leben davon. Krieg und deutsche Großmannssucht boten ihnen die Möglichkeit, ihrem Draufgängertum zu frönen. Den Amlishagener Maler Otto Albrecht hingegen machte das Erlebte zum Pazifisten und später zum Hitler-Gegner. Dafür bezahlte er 1943 mit seinem Leben.

Kurzum: Der Erste Weltkrieg hatte viele Gesichter. Das HT hat einige davon aus dem Schatten der Vergangenheit zurückgeholt.

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