Theater: Der Wahnsinn hat Methode

In der Komödie „D’r nackte Wahnsinn“ zeigt das Theater Lindenhof, wie Schauspieler während einer Aufführung in ein selbstverschuldetes Chaos stürzen.

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Ein in dieser Form noch nie dagewesenes Chaos ereignete sich in der Ingersheimer Festhalle: Eine Schauspieltruppe außer Rand und Band agierte derartig ungeordnet, dass das stetige Eingreifen mehrerer Personen erforderlich war: Der im Publikum sitzende Regisseur gab den hilflos agierenden Akteuren und Akteurinnen Handlungsanweisungen, die diese aber nicht hinreichend in die Tat umzusetzen wussten; die Regieassistentin musste immer wieder mit dem Textbuch aushelfen, der Bühnenhandwerker, übermüdet, bereits seit achtundvierzig Stunden im Dienst, musste sich um nicht funktionierende Türen kümmern, die entweder nicht ordentlich schlossen oder sich nicht öffnen ließen.

Wer nun also denken mag, irgendeine Laienspielertruppe wäre am Werk gewesen, befindet sich gewaltig auf dem Holzweg. Das beschriebene Chaos hatte durchaus Methode und war zutiefst gewollt – wie es von dem beim Crailsheimer Theatergemeinde-Publikum bestens bekannten Lindenhof-Theater Melchingen nicht anders zu erwarten war. Mochten sich noch nach dem ersten von drei Akten einige vielleicht die Augen reiben, dass es vielleicht  am gewohnten Schwung zu fehlen schien – merkwürdig still war es in der ersten Pause –, doch danach nahm das Geschehen gewaltig an Fahrt auf und gelangte nach der zweitem Pause zu einigen Höhepunkten.

„Humor ist, wenn man trotzdem lacht“ lautet ein Aphorismus von Otto Julius Bierbaum. Und gerade englischer Humor, auch als schwarzer Humor bezeichnet, wie er bei dem in der Nähe Londons geborenen Autor Michael Frayn zum Ausdruck kommt und sehr stark an die berühmt(-berüchtigt)e Komikertruppe Monty Python erinnert, trifft nun nicht unbedingt aller (Deutschen) Geschmack. Das Bühnengeschehen ist um die General- oder Hauptprobe einer Theatertruppe zentriert, die kurz vor der Premiere mit allen nur möglichen Widrigkeiten zu kämpfen hat. Ein Telefon herkömmlicher Prägung ist es, das mit seinem langen Kabel für Verwirrungen und Verwicklungen sorgt. Um die bereits mehrfach mit Absicht erwähnten Türen dreht sich die ganze Handlung ein und raus, auf und zu, oder eben nicht auf, dafür aber (die Klinke) ab. Selbstverständlich gibt es auch eine Treppe zum Auf und Ab, Hoch und Runter, aber ein menschliches Zusammenkommen funktioniert letztlich doch nicht.

Missverständnisse sind ebenfalls programmatisch: Die attraktive Blondine sucht eine bestimmte (wieder mal) Türe, doch wird sie erst durch eine Badezimmertüre geschickt, dann durch eine zweite, danach in eine Besenkammer. Und als sie dann – endlich! – die Schlafzimmertüre gefunden hat, klemmt diese. Und so geht es am laufenden Band: Ein weiteres, sich alleine wähnendes Paar taucht in der Hoffnung auf ein ungestörtes Schäferstündchen auf der Bildfläche auf, während das andere wieder einmal hinten den Türen verschwindet.

Chaos pur

Apropos auftauchen und verschwinden: Es gibt leitmotivische Sardinen, die die sich ebenfalls alleine im Haus wähnende Haushälterin mal hat, mal nicht hat, ebenso wie andere Gegenstände (das Kleid der Blondine, eine Wärmflasche, eine Kiste mit Akten und eine Kiste mit Lebensmitteln), die spukhaft ihren Ort wechseln, also Chaos pur, das  jeder kennt, der eben noch etwas in der Hand hatte, das aber ganz plötzlich verschwunden ist.

Dann fehlt wieder eine Person, die gesucht wird, dann aber plötzlich, als schon die Polizei angerufen wird, urplötzlich doch auftaucht. Paradoxerweise jemand, der als Einbrecher zu fungieren hat und sich immer wieder zu Unzeiten einmischt, sodass das Ganze immer wieder neu aufgerollt werden muss. Ja, tatsächlich, dem Titel entsprechend, „Wahnsinn“! Und auch durchaus „nackter Wahnsinn“, denn die erwähnte Blondine präsentiert sich lange Zeit in Dessous. Diverse rutschende Hosen der Männer, von denen einer im Stringtanga von hinten zu sehen ist, reizen, Humor vorausgesetzt, zum Lachen.

Nach der ersten Umbaupause spielt der zweite Akt hinter der Bühne und das Publikum erhält einen Blick hinter die Kulissen und sieht eine „verkehrte“ Welt mit Abgründen, Aggressionen und privaten Tragödien. Während das bisherige Geschehen des ersten Aktes nun nicht von vorne, sondern nach hinten zu sehen ist, wo die Schauspieler Komödie zu spielen haben, spielt sich vordergründig umgekehrt Menschliches und Allzumenschliches ab. Fehlgeleitete Blumen und Alkohol, Sardinen, ein Kaktus und eine Axt sind Requisiten, die die verkorksten Beziehungen symbolisieren, die nicht nur zu seelischen, sondern auch zu konkreten körperlichen Verwundungen führen.

Nach der zweiten Umbaupause mit einem nun sehr lebhaft gewordenen Publikum erlebt dieses das Endprodukt der hinter der Bühne sich ereigneten Beziehungsschlacht nun von vorne. Sichtbar gezeichnet und körperlich beeinträchtigt, vom originalen Text ständig abweichend und improvisierend, schafft es die fiktive Schauspielertruppe, das Stück mehr schlecht als recht zu Ende zu bringen. So darf es auch nicht verwundern, dass es kein echtes Happy End gibt und verschiedene Vorhänge des fiktiven und des realen Stücks letztendlich chaotisch fallen.

Engagiertes Spiel

Viel, viel Slapstick, absurdes Theater, Komödienchaos, Situationskomik (am Schluss verdoppelt, ja verdreifacht sich die Zahl der Einbrecher) und Sprachwitz waren zu sehen.  Sehr engagiert ist die neunköpfige Truppe des Lindenhoftheaters ans Werk gegangen und allein dafür zu bewundern, dass ein derartig gewollt chaotisches Werk sehr viel schwerer umzusetzen ist als ein sonst gewohntes.

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