Der Kampf um die Perfektion: Jedes dritte Kind hat eine Diät hinter sich

Selbstwahrnehmung: Bin ich zu dick? Bin ich zu dünn? Bin ich zu klein? Bin ich hässlich? Für Kinder können solche Fragen quälend sein. Eltern können zu einem positiven Gefühl beitragen.

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Kinder beim Ballettunterricht. Sie können lernen, den Blick in den Spiegel zu genießen.  Foto: 

Jedes Jahr werden Kinder und Jugendliche bundesweit zu ihrem Wohlbefinden befragt. Die Ergebnisse werden im LBS-Kinderbarometer veröffentlicht. Ergebnis: Das Wohlbefinden der Kinder leidet unter einem schlechten Körpergefühl. Von den 10.000 befragten Kindern zwischen neun und 14 Jahren sagte jedes vierte Kind von sich, es sei zu dick, jedes dritte Kind hat schon mindestens eine Diät hinter sich, und jedes 20. Kind denkt sogar darüber nach, sich Fett absaugen zu lassen.

Zu dem Ergebnis äußerte Dr. Christian Schröder, Sprecher des LBS-Kinderbarometers: „Wenn Kinder in einem so radikalen Schritt die einzige Möglichkeit sehen, sich in ihrer Haut wohlzufühlen, ist das mehr als bedenklich. Die Zufriedenheit mit dem eigenen Körper beeinflusst das Wohlbefinden der Kinder in allen Lebensbereichen.“

Doch wie gelingt es Kindern und Jugendlichen heute, da überall das perfekte Aussehen zelebriert wird, eine gesunde körperliche Selbstwahrnehmung zu entwickeln? Im Laufe der eigenen Lebensgeschichte entwickelt jeder ein Bild von sich, in dem sich Erfahrungen widerspiegeln, die aus der Auseinandersetzung mit der sozialen und materiellen Umwelt gewonnen werden. Dazu gesellen sich die Erwartungen, die von der Umwelt an einen herangetragen werden.

Dieser Prozess beginnt in frühester Kindheit, und mit der Zeit entwickelt sich ein System von Annahmen über die eigene Person mit dem Ziel, die Frage zu beantworten, wer man eigentlich ist und ob man sich damit gut fühlt.

Zwei Faktoren spielen bei dieser Entwicklung eine entscheidende Rolle. Zum einen sind es die neutral beschreibbaren Eigenschaften, das Wissen über das eigene Aussehen, die Fähigkeiten und Stärken. Zum anderen ist es die Bewertung der eigenen Person, sprich die eigene Zufriedenheit mit den Persönlichkeitsmerkmalen. Beeinflusst werden diese Faktoren durch emotionale Wahrnehmungen und soziale Erfahrungen, und sie wirken sich in hohem Maß auf das Verhalten aus, denn jede Information zur Person wird subjektiv bewertet, interpretiert und verarbeitet. Doch leider neigt der eigene Kopf dazu, Informationen auch falsch zu deuten, will heißen, das Konzept von sich selbst, von den eigenen Fähigkeiten, Begabungen und dem eigenen Können muss nicht Abbild der Wirklichkeit sein.

Der eigene Körper fungiert als Bindeglied zwischen einem selbst und der Umwelt. Aus diesen vielen Informationen eine positive körperliche Selbstwahrnehmung entstehen zu lassen, fällt gerade Kindern und Jugendlichen nicht immer leicht. Zu viel Information und Anspruch prasselt von außen auf die sich noch entwickelnden und wachsenden Körper und Charaktere ein, als dass der freundliche Blick auf sich selbst immer die Oberhand behalten kann.

Den Blick in den Spiegel genießen

Für Tina Estner (38), Tanzlehrerin aus Crailsheim ist es eine tägliche Aufgabe, Kindern und Jugendlichen zu helfen, diesen liebevollen Blick auf sich selbst zu entwickeln und zu lernen, den Blick in den Spiegel zu genießen – trotz kleiner Makel.

Estner tanzt seit ihrem zehnten Lebensjahr und seit ihrem 16. Lebensjahr unterrichtet sie andere. Die große Spiegelwand gehört immer dazu. Zu der hat sie heute als Erwachsene und Tanztrainerin ein entspanntes Verhältnis: „Als Trainer nimmt man durch den Spiegel nicht mehr sich selbst wahr, sondern ist auf die Teilnehmer fixiert, er wird zum Medium.“ Doch sie schränkt ein: „Es gibt kurze Momente, da blickt man doch hinein und auf sich selbst, etwa ob die Haare sitzen, denn als Trainer habe ich Vorbildfunktion, da muss schon alles passen. Aber was ich dann wahrnehme, kommt darauf an, wie ich an diesem Tag drauf bin.“

Estner erinnert sich gut daran, wie es war, sich als Jugendliche in diesen großen Spiegeln beim Tanzen zu betrachten: „Ich fand es toll, dort zu sehen wie die Bewegungen aussehen und wirken und wie die Gestik und Mimik ist.“

"Ich bin zu dick"

Doch aus ihrer beruflichen Erfahrung weiß Estner, dass die körperliche Selbstwahrnehmung mit der Zeit bewusster und vor allem selbstkritischer wird. „Die ganz Kleinen suchen ihren Platz vor dem Spiegel und finden es ganz toll sich zu sehen. Sie wollen alle vorne stehen. Die Teenies wandern nach und nach weiter nach hinten.“ Doch Tina Estner findet es nicht schlimm, wenn die jungen Tänzer mit ihren Blicken nicht ständig am eigenen Abbild kleben. „Es ist viel wichtiger, den Körper und seine Haltung zu fühlen. Dies zu lernen, finde ich persönlich wichtig, denn im Alltag hat man ja auch nicht immer einen Spiegel, sondern muss sich auf sein Empfinden verlassen.“ Deshalb wird bei ihr auch teilweise gezielt ohne Spiegel trainiert, um diese körperliche Selbstwahrnehmung zu fördern. Doch manchmal muss der Blick in den Spiegel sein und die Trainerin versucht dann, dieses Medium positiv zu besetzen. „Der kritische Blick in den Spiegel fällt leichter als der liebevolle. Der liebevolle entsteht durch Lob, wenn man sagt du siehst toll aus, ihr seht hübsch aus. Ich sage auch ganz bewusst, dass die Gruppe zusammen als Team hübsch aussieht, um den Blick vom Einzelnen zu nehmen,“ erklärt Estner. Trotzdem passiert es, dass Kinder oder Jugendliche sich ihr gegenüber mit Sätzen äußern wie: „Ich bin zu dick oder ich sehe blöd aus“, doch in den meisten Fällen lässt sich dies als Heischen nach Lob einordnen, ist sie sich sicher. Doch gleichzeitig betont sie: „Wenn ich aber das Gefühl habe, jemand hat ein Problem mit der Selbstwahrnehmung, dann spreche ich das an und versuche einen Draht zu finden. Wenn es sein muss, rede ich auch mit den Eltern.“

Wie viel Einfluss sie als Tanzlehrerin vor dem Spiegel auf die körperliche Selbstwahrnehmung der Kinder und Jugendlichen hat, darüber ist sich Tina Estner sehr bewusst. Deshalb wird sie auch nicht müde ihren Schülern zu vermitteln: „Das optimale Selbstbild ist es, sich so zu nehmen wie man ist und kleine Makel zu akzeptieren. Dann kann man sich an dem freuen, was gut an einem ist.“

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