Der „Kopf mit Flugzeug“ erinnert ans Kriegsende

|

Mehrere Kunstwerke in der Stadt Crailsheim haben Krieg und Gewalt zum Thema. Sie spiegeln die erschütternden Erfahrungen der Menschen in Crailsheim wider, die miterleben mussten, wie in wenigen Tagen im April 1945 ihre Heimatstadt in Schutt und Asche gelegt wurde.

Die Zerstörung Crailsheims ist ein zentrales Thema der Stadtgeschichte und wird auch an zentralen Orten thematisiert, beispielsweise mit dem „Kopf mit Flugzeug“ auf dem Schlossplatz. Die HT-Serie „Kunst in der Stadt“ widmet sich in der zweiten Folge dieser Eisenplastik von Wolfgang Bier, deren Anschaffung 1988 im Stadtrat beschlossen worden war und die 1991 aufgestellt wurde.

Die Plastik besteht aus mehreren zusammengefügten Teilen aus schwarzem Stahl. Über einem halbrunden, in der Tiefe gestauchten, schulterartigen Sockel sitzt ein ebenfalls schmal angelegter Kopf. Dieser ist leicht aus der Richtung gedreht, sodass die Blickrichtung in die Stadtmitte geht. Allerdings ist die Stelle, wo die Augen zu erwarten wären, mit einem groben Riffelblech belegt. Stattdessen öffnet sich an der Seitenfläche des Kopfes ein großes „Fenster“, in dem sich glänzende Metallteile wie Schwerter kreuzen. Sie bilden damit ein Flugzeug im Sinkflug nach. Der Hintergrund im Inneren ist feurig rot.

In ihrem Buch „Moderne Kunst in Crailsheim“, das vom Stadtarchiv herausgegeben wurde und dort auch zu erwerben ist, unterstreicht Marinela Seitz die Bezüge zwischen Skulptur und Stadtgeschichte: „Es ist eine statische, übergroße Kopfdarstellung, die schemenhaft an einen Rüstungshelm erinnert. Damit soll bereits vom formalen Standpunkt die Thematik des Krieges, des Kampfes und der Zerstörung verdeutlicht werden.“

Seitz ordnet die Skulptur in das Spätwerk Wolfgang Biers ein, der sich in seinen großformatigen, zusammengeschweißten Plastiken intensiv mit Gewalt und Aggression auseinandersetzte. Während seiner Zeit in Hohenlohe schuf er zahlreiche solcher Helmdarstellungen. Sie wurden zu seinem Hauptthema, wie er selbst betonte: „Ich mache meistens Köpfe. Denn im Kopf, am Kopf, im Gesicht, in dessen Bewegungen und Zuckungen entsteht das, widerspiegelt sich das, was die Menschen so faszinierend macht. So bewundernswert, geheimnisvoll, unverständlich, widersprüchlich, grauenhaft.“

Zahlreiche solcher Plastiken finden sich an prominenten Stätten Süddeutschlands. Allerdings hat Bier den „Crailsheimer Kopf“ mit seiner eigenständigen Gestaltung tatsächlich in der Stadt und ihrer Geschichte verortet, worauf Seitz hinweist: „Den Beweis für den direkten Bezug auf Crailsheim ist nicht in den Vordergrund gerückt, sondern ziemlich unscheinbar im unteren Teil der Büste angebracht. Ebenfalls in roter Farbe zeigen je drei übereinandergesetzte Dreiecksfelder mit darunterliegendem Kreis eine stilisierte Form des Stadtwappens.“

Doch auch das glänzende Flugzeug verweist auf die Nacht vom 20. auf den 21. April, als sämtliche Gebäude der Innenstadt niederbrannten. Der „Kopf mit Flugzeug“ erinnert an die Bombardierung und mahnt zugleich zum Bewusstmachen der eigenen Aggressionen. Der Standort der Plastik am Schloss war sicherlich mit Bedacht gewählt.

Info Das Buch „Moderne Kunst in Crailsheim“ von Marinela Seitz ist im Stadtarchiv erhältlich.

Der Künstler Wolfgang Bier wurde 1943 in Mährisch-Trübau geboren und wuchs in Waiblingen auf. Der Beruf seiner Vorfahren, die seit mehreren Generationen Messerschmiede waren, schlug sich in seinen Werken schon während des Studiums an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart nieder: Im Jahr 1967 entstanden die ersten Metallplastiken, die bereits Gewalt und Aggressivität zum Thema machten.

Wolfgang Bier wechselte an die Hochschule für Bildende Künste in Berlin, leitete dort nach Abschluss des Studiums 1974 für zwei Jahre die Metallwerkstatt. Mit seiner ersten Frau, der Bildhauerin Gerda Bier, zog er 1976 nach Hohenlohe, auf einen alten Bauernhof in Fichtenau.
Zentrales Motiv wurden großformatige, derb zusammengefügte Köpfe aus Stahl und teilweise Leder. Für sein künstlerisches Schaffen erhielt er mehrere Preise und Stipendien. Von 1987 bis 1990 hatte er die Professur für Bildhauerei an der FH Aachen inne. 1997 gründete er den Haller Kunstverein. Wolfgang Bier starb im April 1998 in Schwäbisch Hall. hst

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo