Britt Windmüller ist allein auf dem Jakobsweg gewandert, hat sich aber selten einsam gefühlt

Der Jakobsweg: Was tun, wenn der Alltag einen fest im Griff hat? Die Familie, der Arbeitgeber, der Haushalt? Es ist ganz einfach, kurz mal abzuschalten. Britt Windmüller hat es vorgemacht.

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  • Der Jakobsweg ist mehr als ein normaler Wanderpfad. Erstens zeigt die blaugelbe Muschel in Richtung Santiago (in diesem Fall nach links), außerdem ist an vielen Stellen, wie hier im Schwäbisch-Fränkischen Wald hinter Uttenhofen, Zeit zum Innehalten. 1/2
    Der Jakobsweg ist mehr als ein normaler Wanderpfad. Erstens zeigt die blaugelbe Muschel in Richtung Santiago (in diesem Fall nach links), außerdem ist an vielen Stellen, wie hier im Schwäbisch-Fränkischen Wald hinter Uttenhofen, Zeit zum Innehalten. Foto: 
  • Wer sich für die Erfahrungen und Bilder von Britt Windmüller interessiert: britt.windmueller@t-online.de. 2/2
    Wer sich für die Erfahrungen und Bilder von Britt Windmüller interessiert: britt.windmueller@t-online.de. Foto: 
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Vor genau einem Jahr kam Britt Windmüller vom Jakobsweg zurück. Noch heute zehrt sie davon. „Es war eine tolle Erfahrung“, sagt die Homöopathin aus Gaildorf.

Frau Windmüller, Sie sind im vergangenen Jahr 300 Kilometer des Jakobswegs gewandert, und zwar von Leon nach Santiago de Compostela. Ist der Jakobsweg etwas für Familien oder Paare?

BRITT WINDMÜLLER: Das muss natürlich jeder für sich entscheiden. Aber die meisten wandern alleine. Denn man will ja den Alltag ein Stück weit hinter sich lassen. Wenn die Familie dabei ist, kommt der Alltag ja ein Stück weit mit. Auch Paare sieht man selten, und wenn, dann meist aus Asien. Was man aber sagen kann: Es gibt keine Altersgrenzen. Man sieht vom Jugendlichen bis zum 80-Jährigen alles.

Wenn man allein wandert, ist man da nicht sehr allein?

WINDMÜLLER: Nein, ich bin nur etwa ein Drittel der Etappen allein gewandert. Sonst mit anderen. Das ergibt sich so. Einmal habe ich mir ein Einzelzimmer gegönnt – und nur an diesem Abend war ich einsam. Deshalb kann ich nur empfehlen, in den Pilgerherbergen zu übernachten. Dort trifft man in der Regel am Nachmittag ein. Und diese Nachmittagsroutine, wenn alle Wäsche waschen, ausruhen und einfach gemütlich beisammen sind, die ist sehr schön – was ich übrigens niemals gedacht hätte.

Dann haben Sie also in den berüchtigten Massenunterkünften übernachtet?

WINDMÜLLER: Nein, nicht ganz. Ich habe meistens private Pilgerunterkünfte gewählt, da kann man sich morgens anmelden und ein Bett reservieren. Wobei man aber auch da mit anderen übernachtet, zum Teil bis 30 Personen in einem Zimmer. Ich hatte Ohropax dabei.

Welche Erfahrungen haben Sie mit anderen Pilgern gemacht?

WINDMÜLLER: Es heißt, dass man immer mit dem wandert, den man gerade braucht. Das ist tatsächlich so. Ich habe sehr gute Gespräche geführt – mit vielen Deutschen, aber auch mit anderen. Es ist ja alles sehr international auf dem Jakobsweg. Es heißt außerdem, dass jeder Pilger auf der Strecke einmal weint. Das kann ich auch bestätigen.

Sie haben geweint? Warum?

WINDMÜLLER: Ich weiß es selbst nicht so genau. Es war vielleicht eine Mischung aus körperlicher Anstrengung und aus dem, dass man beim Wandern schon ins Nachdenken kommt. Man will ja oft Ballast hinter sich lassen. Es gibt übrigens einen Ort, an dem man das ganz wörtlich tun kann: Am Cruz de Ferro gibt es einen Steinhaufen, auf den jeder Pilger einen Stein ablegen kann, den er von zu Hause mitgeschleppt hat.

Und da liegt jetzt also ein Hohenloher Feuerstein?

WINDMÜLLER: (lacht ) Nein, eher ein Gaildorfer Kiesel. Aber den Stein dort zu lassen, war ein sehr eindrucksvoller Moment – obwohl das ein ganz touristischer Ort ist und die Leute mit Bussen hingekarrt werden. Aber wir hatten Glück. Wir waren am frühen Morgen dort. Die Sonne ging gerade auf und es waren erst sehr wenige Leute unterwegs.

Das Cruz de Ferro ist ein Eisenkreuz, das ein Eremit errichtet haben soll, der die Gegend christianisierte. Es steht auf dem höchsten Punkt des Camino Francés – dem spanischen Teil des Jakobswegs. Nimmt man wahr, dass man auf dem Jakobsweg einer Tradition folgt, die über 1000 Jahre alt ist?

WINDMÜLLER: Natürlich. Das denkt man immer wieder, wenn man abgetretene Trittsteine oder in den Kirchen ausgetretene Schwellen sieht. Es ist ein ganz besonderes Gefühl, sich da einzureihen.

Ist das das Besondere am Jakobsweg?

WINDMÜLLER: Ja, auch. Aber nicht nur. Man macht dort viele Erfahrungen. Die Landschaft ist etwas Besonderes. Das Gehen auch. Aber die eindrücklichste Erfahrung war für mich doch, dass alles so elementar war. Dass man einen Salat zum Mittagessen unheimlich genießen kann. Dass man dem eigenen Körper und vor allem seinen Füßen so dankbar ist, dass sie einen nicht im Stich lassen.

Hat der Jakobsweg Sie verändert? Sind Sie jetzt ein anderer Mensch?

WINDMÜLLER: Ein anderer Mensch wahrscheinlich nicht. Aber es ist schon so, dass ich mich jetzt häufiger frage, ob ich das, was gerade ansteht, auch wirklich machen muss. Und wenn nicht, ob ich es machen will. Das hat zur Folge, dass ich öfter mal nein sage und etwas nicht nur aus falschem Pflichtbewusstsein mache. Dadurch nutze ich die Zeit sinnvoller für mich.

Wenn jemand auf den Jakobsweg will – was würden Sie raten?

WINDMÜLLER: Dass er es unbedingt tun soll – aber nur, wenn er pilgern will und nicht gehen will, weil es gerade „in“ ist. Außerdem rate ich zu einer guten Vorbereitung. Man sollte alles ausprobieren. Einen langen Marsch mit vollem Rucksack und den Kleidern, die man auch auf dem Jakobsweg tragen will. Dann sieht man schnell, was passt und was nicht.

Haben Sie noch Kontakt mit Mit-Pilgern?

WINDMÜLLER: Ja, habe ich, mit mehreren. Ich schreibe zum Beispiel immer noch mit einer Italienerin, die ich auch danach noch mal getroffen habe. Wir waren nämlich zufällig in ihrer Gegend in Italien im Urlaub. Es war schön, in den gemeinsamen Erinnerungen zu schwelgen.

Die Fragen stellte Ute Schäfer.

Info

Wer sich für die Erfahrungen und Bilder von Britt Windmüller interessiert: Sie hat bereits einen Vortrag bei der Gaildorfer Volkshochschule gehalten und tut das gerne auch bei anderen Gruppen und Institutionen. Kontakt: britt.windmueller@t-online.de.

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