Alleinreisende Kinder verursachen Sorgen, lernen aber auch fürs Leben

Scheidungskinder auf Reisen: Das regelmäßige Pendeln zwischen Mama und Papa ist ein körperlicher und emotionaler Kraftakt, der Loslassen und Vertrauen der Eltern fordert.

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Nächster Halt: Papa. Scheidungskinder pendeln nicht selten zwischen ihren Elternteilen.  Foto: 

Nur knapp 20 Prozent aller getrennt lebenden Elternteile wohnen höchstens 15 Gehminuten von ihren Kindern entfernt. 23 Prozent leben in größerer Entfernung mit mindestens einer halben Stunde Fahrtzeit per Auto, Bus oder Zug. Das bedeutet, eine Trennung schafft nicht nur neue Konturen im unmittelbaren Umfeld der Kinder, sondern durch das Bedürfnis und das Recht des Kindes, beide Elternteile in seinem Leben zu haben, auch einen neuen räumlich-zeitlichen Rahmen. Kinder werden zu regelmäßigen Pendlern, im jüngeren Alter begleitet von einem Elternteil, ab einem gewissen Alter allein. Das Unterwegssein wird zum Element des Alltags.

Susanne M. (43) aus der Nähe von Gaildorf (Name von der Redaktion geändert) weiß aus eigener Erfahrung, dass es für Eltern und Kinder kein einfacher Schritt ist, sich für das Pendeln zu entscheiden. Die zweifache Mutter ist seit fünf Jahren geschieden, der Vater der Kinder lebt eine Stunde entfernt. Alle zwei Wochen besuchen die Kinder den Vater übers Wochenende mit dem Zug.

Kinder wollen beide Elternteile

Was heute für die Familie Normalität ist, war vor allem für die Mutter der beiden Kinder, die mittlerweile zwölf und 14 Jahre alt sind, lange unvorstellbar. „Ich wollte einfach nicht, dass sie alleine unterwegs sind, man weiß ja nie, wen sie treffen“, beschreibt sie ihre Ängste. Dabei hätte sie ihren Kindern die Zugfahrt ohne Weiteres zugetraut – „Es war die Angst, dass jemand sie mitnimmt oder sie belästigt.“ Neben dieser konkreten Sorge sprach für die junge Mutter noch etwas anderes gegen das selbstständige Pendeln: „Ich wollte sie nach der unruhigen Zeit der Scheidung nicht auch noch alleine mit dem Zug herumschicken. Der Wechsel zwischen den Welten an den Wochenenden ist anstrengend genug.“ Obwohl es für den Vater der Kinder jedes zweite Wochenende mehrere Hundert Kilometer Fahrt bedeutete, zeigte er Verständnis für die Einstellung seiner Exfrau. „Wir wollten schon immer beide das beste für unsere Kinder, und wir haben es immer geschafft, uns für sie zurückzunehmen“, betont Susanne M. Wie wichtig genau diese Absprachen und gegenseitiges Verständnis bei solchen Entscheidungen sind, bestätigt auch Bernhard Rutkies, Familientherapeut bei der psychologischen Beratungsstelle des Landkreises in Crailsheim: „Je besser die Absprachen zwischen den getrennten Eltern sind und je respektvoller sie miteinander umgehen, umso eher nehmen die Kinder diverse Unannehmlichkeiten in Kauf. Kinder wollen in der Regel Kontakt zu beiden Eltern, egal wie kompliziert das ist.“

Nach der Anschaffung des ersten Handys des älteren Kindes trafen die Eltern schließlich gemeinsam die Entscheidung, dass die Kinder alleine mit dem Zug fahren dürfen. Susanne M. erinnert sich: „Wir haben die Kinder gefragt, ob sie möchten und sich das zutrauen.“ Bedingung war, dass sie immer zu zweit fahren, nicht umsteigen müssen und mit dem Handy immer erreichbar sind. Rückblickend lacht Susanne M., als sie erzählt: „Als sie das erste Mal alleine gefahren sind, habe ich dem Schaffner Bescheid gesagt, weil ich Angst hatte, sie würden die schweren Türen nicht aufbekommen. Außerdem haben wir die gesamte Fahrtzeit telefoniert.“

Mittlerweile hat sich Routine eingestellt. „Ich stehe da und winke bis der Zug weg ist, und wenn sie kommen, dann stehe ich direkt am Gleis und nehme sie in Empfang. Der Vater hält es am Zielort genauso.“ Intuitiv schafften die Eltern durch dieses Verhalten eine Wohlfühlsituation, so Bernhard Rutkies: „Ich werde von Mama oder Papa erwartet oder gar abgeholt, bin dort willkommen und habe dort auch eine Umgebung, in der ich mich wohlfühlen kann.“

Vernünftige Vorsicht entwickelt

Per Whatsapp koordinieren die Eltern das Pendeln, geben durch, wenn die Kinder im Zug sitzen und wo sie sitzen, damit der Abholende im Zweifelsfall mit der Türe helfen kann. Während der Fahrt gibt es mittlerweile nur noch einen Anruf, ob alles in Ordnung ist. Trotzdem hält eine gewisse Sorge an und Susanne M. gibt zu, dass sie immer noch darauf achtet, zu wem die Kinder ins Abteil steigen. „Man schaut sich schon am Gleis die potenziellen Mitfahrer an. Am liebsten sind mir immer Frauen mit Kindern, auch wenn meine beiden jetzt in ein Alter kommen, wo es sie eher in Richtung anderer Jugendlicher zieht“, bekennt sie und schmunzelt. Zu ihrer eigenen Erleichterung konnte sie jedoch in den letzten beiden Jahren feststellen, dass ihre beiden Kinder eine vernünftige Vorsicht gegenüber Fremden entwickelt haben und bereits selbst achtsam sind.

Doch obwohl das Pendeln so gut klappt, hat die zweifache Mutter auch festgestellt, dass dadurch andere Aspekte des Kontaktes leiden. „Meinen Exmann treffe ich praktisch nicht mehr persönlich, und durch das Wegfallen der Abhol- und Bringfahrt geht den Kindern natürlich auch Papazeit verloren – auch wenn ihnen das vielleicht nicht bewusst ist. Sie haben einfach weniger Gelegenheit, ihm etwas aus ihrem Alltagsleben zu zeigen.“ Dazu Bernhard Rutkies: „Hier ist es an den Eltern, die Kommunikationszeit ganz bewusst woanders hinzulegen, wenn sie merken, die Kommunikation kommt zu kurz. Außerdem kann die Fahrt für die Kinder auch eine Art Vorbereitung oder Zeit zur Verarbeitung des Erlebten sein. Sie haben dadurch eine Pause, können sich auf sich selbst besinnen.“

Am wichtigsten findet der Psychologe, dass Eltern einschätzen lernen, wie ihr Kind die Situation bewältigt. „Manche stecken das Pendeln gut weg, und manchen wird es irgendwann zu viel, sie verweigern sich dann und werden krank, um nicht reisen zu müssen. Hier hängt es viel daran, wie Eltern mit der Situation und mit den Befindlichkeiten der Kinder umgehen“, betont der Therapeut. Dass Kinder, wenn sie das Pendeln gut aufnehmen, auch in ihrer Persönlichkeit gestärkt werden können, davon ist Bernhard Rutkies überzeugt: „Ein Vorteil kann sein, dass sie selbstbewusster werden, handlungsfähiger und selbstständiger. Davon können sie als Erwachsene, wenn sie sich vom Elternhaus lösen und auf eigenen Beinen stehen, nur profitieren.“

Auch für die Entwicklung ihrer Kinder kann Susanne M. das Pendeln als Plus verbuchen. Nach nunmehr zwei Jahren Erfahrung sagt sie: „Ich sehe jedes Mal, dass ich mich auf meine Kinder verlassen kann. Für ihr Selbstbewusstsein ist es toll. Sie finden es klasse, das alles allein und selbstverantwortlich zu meistern.“

Info Die Kontaktdaten der psychologischen Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche des Landkreises Schwäbisch Hall gibt es unter der Adresse www.psychologische-beratungsstelle-crailsheim.de.

Reisen ohne Eltern zu Land und in der Luft
 

Multilokalität als Ausprägung unserer Zeit

Mit den Ausprägungen der Multilokalität – also des Verstreutseins über verschiedene Orte – in der Familie und deren Auswirkungen auf das Familienleben befasst sich derzeit auch eine Studie der SchumpeterNachwuchsgruppe am Deutschen Jugendinstitut. Neben der Multilokalität der Erwachsenen, meist bedingt durch den Arbeitsplatz, beleuchtet die Studie auch andere Formen der flexiblen Aufenthaltsgestaltung in Familien, wie das Pendeln von Kindern zwischen zwei Elternhäusern. Es geht dabei um die Frage, wie Kinder den periodischen Wechsel der Wohnorte bewältigen. Ein wichtiges Ergebnis der Studie ist schon jetzt, dass Kinder diese Pendelsituation sehr schnell als Normalität wahrnehmen. Damit sie ihren eigenen Gefühlen zwischen Traurigkeit, Abschiednehmen, Vorfreude, Aufregung und Wiedersehensfreude und die Erwartungen der Eltern oder Geschwister managen können, entwickeln sie recht rasch Anpassungsmechanismen, um diese emotionale Anforderung zu bewältigen.

Das können Routinen während der Fahrt sein, wie das immer gleiche Computerspiel, oder Routinen bei der Ankunft am Zielort oder bei der Rückkehr, wie der Wunsch nach dem immer gleichen Essen als Beginn oder Abschluss. Mutter und Vater sind dabei lediglich passive Akteure, die zwar für die Organisation und Koordination zuständig sind, jedoch loslassen und dem Kind vertrauen und vor allem zutrauen müssen, dass es den Weg von A nach B schafft. Die Zwischenergebnisse der Studie und viele weitere Informationen dazu gibt es unter www.dji.de.

JUVO

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