„Ruhig bleiben“ als Erfolgsrezept

Das Volksfest ist kein Selbstläufer. Damit sich so viele amüsieren können, leisten Josef Köder und Christian Böttinger von den Gästen weitgehend unbemerkt Bemerkenswertes.

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Josef Köder und Christian Böttinger, die Marktmeister des Crailsheimer Volksfests, auf einem der städtischen Festwagen, der für den großen Umzug vorbereitet wird. Die beiden arbeiten im zweiten Jahr zusammen und sind ein gutes Team.  Foto: 

Zu entscheiden, wo welche Bude, welcher Stand und welches Fahrgeschäft steht, ist nur ein Teil dessen, was ein Marktmeister leistet. Das Fränkische Volksfest hat nun in Walter Meisers Nachfolge im zweiten Jahr eine Doppelspitze: Marktmeister Josef Köder, 60 Jahre alt, und sein noch nicht mal halb so alter Kollege Christian Böttinger sind derzeit von frühmorgens bis spätabends auf dem Volksfestplatz unterwegs. Wer sie wiederholt sieht, kann sich gut vorstellen, dass sie mittlerweile mit Messrad und Meterstab verwachsen sind.

Jetzt sind sie im Endspurt. Für Josef Köder ist der Volksfest-Freitag einer der schönsten des Jahres: Wenn sich gegen 13 Uhr zeigt, dass wiederum alles seine Ordnung hat, dass das große Ganze des Volksfestes funktioniert, dann ist das die schönste Belohnung für so viel Aufwand und Arbeit.

Auf den Zentimeter genau

Viel und lange wird vorbereitet. Begonnen wird bereits im Juli, wenn die Kanäle der Innenstadt im Allgemeinen und die am Platz im Besonderen gespült werden. Zum Volksfest werden diese Kanäle stark belastet, und auf Verstopfungen in diesen Tagen legen Köder und Böttinger nun wirklich keinen Wert. Bereits um diese Zeit steht auch das Gesamtkonzept; so wurden in den letzten Jahren die „Wildpinkler“ zunehmend als Belästigung empfunden, weshalb heuer mit zehn zusätzlichen und gut abgeschirmten Urinalständen gearbeitet wird, „Sterndixi“ genannt.

Ende Juli werden die Zelte und die Fahrgeschäfte eingemessen – da haben dann Maßband und des Messrad Hochsaison, außerdem Kreide und Tablet, das mehr und mehr den Notizblock ersetzt. Fast ein Dutzend Fixpunkte gibt es auf dem Platz, an denen sich die gesamt Planung orientiert. Auf den Zentimeter genau wird da gearbeitet und Standort um Standort eingezeichnet – wenn die großen Aussteller nicht genau im Winkel stehen, gibt’s mit allem anderen Probleme. Dass mittlerweile GPS eingesetzt wird, erleichtert die Arbeit ebenso wie Luftaufnahmen per Drohne. Damit lässt sich ein Schausteller überzeugen, der schimpft, ihm sei früher mehr Platz zugewiesen worden, darauf greift aber auch ein Zeltbetreiber gerne zurück, der sich nicht mehr genau erinnert, wie im ver­gangenen Jahr die Küche beliefert ­wurde.

Parken verboten

Bereits wenn im August der Zelt­aufbau beginnt, gibt es erste Zonen auf dem Platz, in denen keine Fahrzeuge mehr abgestellt werden dürfen. Seit Montag besteht grundsätzlich ein Parkverbot. Immer wieder neu aber gibt’s Träumer, die Verbotsschilder übersehen, sowie besonders Entschlossene, die Absperrbänder durchbrechen. Köder und Böttinger versuchen mithilfe des Ordnungsamtes bei den Haltern anzurufen, manchmal gibt es auch Durchsagen in den benachbarten Schulen, die den Parksündern ein bisschen Zeit geben, den Platz zu räumen. Wenn dann nämlich tatsächlich abgeschleppt wird, geht das richtig ins Geld.

Die ganze Zeit über ist der Baubetriebshof zur Stelle, wenn der Wohnwagenplatz gemäht werden muss oder Wasser und Strom für die Schausteller organisiert wird. Wenn hier Schotter und dort ein Hackschnitzelbelag fehlt. Beide Marktmeister betonen mehrfach, dass das Volksfest nur im Team zu stemmen ist – wenn alles Hand in Hand läuft. Namentlich nennen sie Tanja Hirsch, Susi Vogt sowie Irene Klein, deren Nachfolge heuer Anne Sophie Frank antritt.

Man muss reden mit den Leuten

Ganz wichtig ist auch die Gelassenheit. Von Vorteil ist, sagt Köder, dass die Schausteller gerne nach Crailsheim kommen; „in diesen vier Tagen geht richtig was“, heißt es, und die Atmosphäre passt auch. Viele Familien sind so lange dabei, dass herzliche Beziehungen entstanden sind. Natürlich wird’s auch mal ruppiger im Ton; alle haben zu wenig Schlaf während des Volksfestes. Aber dann wirken Freundlichkeit und Ruhe Wunder – in Verbindung mit effektiver Organisation: Das wird schon, das geht schon, das kriegen wir hin. Ein Satz, der ganz viel Druck raus­nimmt: „Des isch jetzt halt mol so.“

Vieles ist gesetzt: Fluchtwege müssen nun mal frei bleiben, und festgelegte Uhrzeiten werden eingehalten, ganz gleich ob’s frühmorgens um die Reinigung des Platzes geht oder um die Belieferung der Zelte. Pfützen sind zu beseitigen; hier wird dringend eine Kabelbrücke gebraucht, dort ist ein Streit zu schlichten. Wenn um 11 Uhr die ersten Gäste kommen, ist außer dem von sechs Rössern gezogenen Engelgespann kein Fahrzeug mehr auf dem Platz. Für die Marktmeister ist das dann wieder ein ein kleiner Lichtblick: Alles in Ordnung.

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