„Nächstes Mal wird die Luft dünn“

Angeklagter entschuldigt sich und zeigt Reue. Auflagen erfüllt und Alkoholsucht angegangen. Verurteilt wegen vorsätzlicher Körperverletzung.

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Noch einigermaßen glimpflich davongekommen ist der 29 Jahre junge Mann, der im November vergangenen Jahres in der Crailsheimer Wilhelmstraße einen Zeitungsausträger angegriffen, getreten und geschlagen hat. Vor dem Amtsgericht hatte sich der Spätaussiedler jetzt für seine Attacke zu verantworten. Er zeigte sich einsichtig und reumütig, entschuldigte sich bei seinem Opfer und den anderen Beteiligten des Vorfalls und gelobte Richterin Uta Herrmann Besserung.

Jetzt auf dem rechten Weg?

Die wiederum zeigte sich überzeugt, dass der junge Mann durchaus Chancen haben dürfte, auf den rechten Weg zurückzufinden. Schließlich habe er nicht nur begonnen, seine Alkoholsucht zu therapieren – seit einigen Monaten sei der Angeklagte trocken, hieß es –, er zeige auch gute Ansätze in der Betreuung durch den Bewährungshelfer. „Aber“, so Uta Herrmann, „Sie haben es ja selbst gemerkt: Immer wenn bei Ihnen Alkohol im Spiel war, ist was passiert. Noch mal kommen Sie damit nicht durch. Das nächste Mal wird die Luft dünn.“

Was war geschehen? An einem frühen Morgen im November 2016 wollten der 31-jährige Geschädigte und die Frau seines Bruders in der Wilhelmstraße Zeitungspakete in ihr Auto laden, als sich der volltrunkene Angeklagte („Ich kann mich an gar nichts mehr erinnern.“) näherte und den 31-Jährigen unvermittelt auf die Seite schubste. Der entgegnete, er wolle in Ruhe gelassen werden, doch der Angeklagte ließ nicht von ihm ab. Nach einigem Gerangel und Schlägen kugelten die beiden auf dem Boden, wo der Spätaussiedler seinem Opfer mindestens zweimal in den Rücken getreten hat. Als sich die Schwägerin des Geschädigten einmischte, ließ der 29-Jährige von den beiden ab und verschwand letztlich in Richtung Jagstbrücke.

Inzwischen war auch der 24-jährige Bruder des Opfers von seiner Nachtschicht zurück. Gemeinsam verfolgte man den Schläger, der gerade in der Bahnhofstraße in Höhe des Kinos von einer Autofahrerin in einem dunklen Fahrzeug aufgelesen wurde. Der Bruder wollte die Fahrerin noch zum Halten bewegen. Er habe gegen das Fenster geklopft, doch dann sei das Auto in Richtung Ilshofen davongefahren. Die Nummer habe man sich immerhin merken können, was dann letztlich – nach der Anzeige auf dem Revier – zum Fahndungserfolg führte.

Bei der Polizei identifizierten die Geschädigten anhand von Fotos unabhängig voneinander ihren Peiniger eindeutig, sodass sich die ermittelnden Beamten schnell einen Reim auf die Geschichte machen konnten. Die Verletzungen erwiesen sich im Nachhinein als nicht sehr schwerwiegend, wie das Opfer im Zeugenstand einräumte. Allerdings hätten alle drei „schon Angst gehabt“, wie die Dolmetscherin übersetzte. Gewehrt habe man sich nicht, nur laut geschrien. Der Angeklagte, so die junge Frau im Zeugenstand, habe „stark nach Alkohol gerochen“.

Richterin Herrmann verurteilte den jungen Mann lediglich zu drei Monaten Haft auf Bewährung, weil er sich reumütig zeigte und vom Alkohol wegkommen wolle. Außerdem muss er 1000 Euro an die Aufbaugilde zahlen. Die Staatsanwaltschaft hatte sechs Monate beantragt. Gegen ihn sei vorzubringen, dass er in einem Jahr bereits zweimal wegen anderer Delikte in Erscheinung getreten war – einmal ebenfalls wegen Körperverletzung, ein weiteres Mal wegen einer gefährlichen Trunkenheitsfahrt mit 2,25 Promille. Die Zeugenaussagen wertete die Richterin als „schlüssig“ und „absolut glaubwürdig“.

Irgendwie war es zu spüren: Im Amtsgericht knisterte gewissermaßen die Luft. Das lag allerdings weniger an der Brisanz der verhandelten Fälle als vielmehr an dem Umstand, dass gleich drei junge Referendarinnen (und ein Kollege) vor ihrem ersten Einsatz in der Rolle als Staatsanwalt standen. „Irgendwann ist es halt so weit“, sagte die erfahrene Staatsanwältin Alexandra Müller-­Seigfried, die die vier Nachwuchs-Juristen an diesem Tag betreute. „Da müssen sie eben durch.“ Leichte Nervosität war den jungen Leuten dann zwar anzumerken, in der Summe erledigten sie ihren neuen Job aber souverän. Die Robe indes wanderte noch von einem zum anderen weiter. els

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