"Leben heißt aufstehen und weitergehen"

Walter Ludwig hat seine Frau Renate beim Sterben begleitet, zuletzt im Hospiz der Anna-Schwestern in Ellwangen. Jetzt setzt er sich für eine solche Einrichtung in Crailsheim ein.

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  • Die letzten drei Monate ihres Lebens verbrachte die an Krebs erkrankte Frau im Hospiz der Anna-Schwestern in Ellwangen. Walter Ludwig besuchte sie jeden Tag. 1/2
    Die letzten drei Monate ihres Lebens verbrachte die an Krebs erkrankte Frau im Hospiz der Anna-Schwestern in Ellwangen. Walter Ludwig besuchte sie jeden Tag. Foto: 
  • Renate und Walter Ludwig während ihres ersten gemeinsamen Urlaubs am Gardasee im Jahr 1971. 2/2
    Renate und Walter Ludwig während ihres ersten gemeinsamen Urlaubs am Gardasee im Jahr 1971. Foto: 
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Wie viele Liebesgeschichten in Crailsheim beginnt auch diese auf dem Fränkischen Volksfest. Walter Ludwig, ein Mann, der seine Jugend heute als rebellisch und sich selbst als „Enfant terrible“ beschreibt, lernt die hübsche Bauerstochter Renate Bartelmäs kennen. Und er weiß sofort: „Das ist die Frau, mit der ich durchs Leben gehen möchte.“ Das Wetter muss schön gewesen sein. Denn in der Erinnerung von Walter Ludwig trägt sie ihre Jacke an diesem Tag nicht. Er trägt sie für Renate über den Rummelplatz. Das war 1970.

Nach 40 Jahren ist das gemeinsame Leben vorbei

Drei Jahre später heißt Renate nicht mehr Renate Bartelmäs, sondern Renate Ludwig. Weitere 40 Jahre später, am 13. Dezember 2013, ist das gemeinsame Leben vorbei. An diesem Tag stirbt die große Liebe von Walter Ludwig im Hospiz der Anna-Schwestern in Ellwangen an den Folgen eines Hirntumors.

Doch zurück zum Anfang: Die Jahre vergehen und die Ludwigs kaufen sich ein prachtvolles Jugendstilhaus mit steinernen Fensterrahmen, dunkler Wandvertäfelung und feinem Parkettboden. Walter Ludwig hat eine Anstellung bei der Flurneuordnung in Crailsheim, seine Frau arbeitet als Sonderschullehrerin an der Käthe-Kollwitz-Schule. Ein Traum von Haus, ein Traum von Leben. In diesen Traum werden die Söhne Hendrik und Bernhard geboren. Das Glück der Ludwigs ist perfekt.

Das ändert sich an einem Herbsttag im Jahre 1993 schlagartig. Seit Jahren leidet Renate Ludwig unter Kopfschmerzen. Um ihnen auf den Grund zu gehen, geht sie zu einem Neurologen. Nach einigen Untersuchungen stellt er die Diagnose: Ein sogenanntes Oligo-Astrozytom hat sich in das Gehirngewebe nahe der Zentren, die für Bewegung und Sprache zuständig sind, geklammert. Zu diesem Zeitpunkt ist die Sonderschullehrerin 41 Jahre alt, ihr jüngster Sohn ist gerade einmal elf. Renate Ludwig fährt zu weiteren Untersuchungen nach Freiburg. Sie will den Tumor aus ihrem Gehirn haben. Doch die Neurochirurgen vor Ort raten ihr von einem Eingriff ab. Die Gefahr, gesundes Gehirngewebe zu schädigen, ist zu groß. Noch dazu wächst der Tumor nur sehr langsam.

Über viele Jahre bleiben Kopfschmerzen die einzige Begleiterscheinung. Und die lassen sich mit Medikamenten in den Griff bekommen. Das geht zehn Jahre lang. Erst 2003 wird der Tumor so groß, dass sich Renate Ludwig einer Chemotherapie unterziehen muss. Die Kopfschmerzen verschwinden. Dafür kommen andere, heftigere Symptome. 2005 hat sie erste Krampfanfälle und Ausfallerscheinungen, die das Leben der Ludwigs auf den Kopf stellen. Die Lehrerin geht weiterhin zur Schule. Doch Autofahren kann sie nicht mehr. Auch vor dem Skifahren, einer der großen Leidenschaften der Ludwigs, bekommt sie Angst. Zu groß ist die Gefahr, dass ein Krampfanfall sie von den Skiern holt.

Über die Jahre werden die Anfälle stärker

Walter Ludwig beginnt, sich nach und nach aus seinem Beruf zurückzuziehen, um für seine Frau da zu sein. Ab 2008 ist der heute 65-Jährige bei fast jeden Schritt und Tritt dabei.

Anfang 2012 muss sich Renate Ludwig trotz der großen Risiken operieren lassen. „Man kämpft ums Leben, da nimmt man alles in Kauf“, erzählt Walter Ludwig. Durch den Eingriff werden das Sprach- und Bewegungszentrum der krebskranken Frau beeinträchtigt. Die damals 60-Jährige kann kaum mehr sprechen. Außerdem sind der rechte Arm und das rechte Bein teilweise gelähmt. Doch Renate und Walter Ludwig geben den Kampf nicht auf. Die schwer kranke Frau nimmt logopädischen Unterricht. Sie will wieder sprechen können. Ihr Ehemann ist, wie stets, direkt an ihrer Seite. „Leben heißt, aufstehen und weitergehen.“ Das ist das Motto der Ludwigs.

Auch die Lebensfreude will sich das Paar nicht nehmen lassen. Sie fahren weiterhin in den Urlaub, versuchen das Leben zu genießen. Ihre letzte gemeinsame Reise unternehmen sie im August 2013. Sie fahren nach Paris und an den Lago Maggiore. Dort wird die Lähmung so schlimm, dass das Paar den Urlaub abbrechen muss. „Ich habe Renate ins Auto geholfen und bin dann wie ein Teufel durch die Schweiz gefahren“, erinnert sich Walter Ludwig heute an diesen Tag. „Ich dachte nur: Wir müssen nach Hause.“

Als eine befreundete Ärztin kurze Zeit darauf zu Besuch kommt, um sich den Zustand der schwer kranken Frau anzusehen, muss Walter Ludwig einsehen, dass er mit der Krankheit seiner Frau nicht mehr alleine fertig wird. „Weihnachten feiert ihr alleine.“ Das sind die Worte, mit denen die Ärztin dem 65-Jährigen die Schwere der Situation bewusst macht. „Mit einer solchen Brutalität hatte mir das noch niemand gesagt“, erinnert er sich.

Am 8. Oktober 2013 zieht Renate Ludwig in ein Zimmer im Hospiz der Anna-Schwestern in Ellwangen. Der Leiter der Einrichtung, Bernhard Amma, macht keinen Hehl darum, dass dies das letzte Zuhause der 61-Jährigen wird: „Wir sind jetzt im Hospiz, und das heißt, Abschied nehmen.“ Obwohl es ihn zuerst mit Trauer erfüllt, seine Frau nicht mehr zu Hause pflegen zu können, ist Walter Ludwig schnell dankbar für die Unterstützung im Hospiz. „Man braucht Zeit. Die will man nicht mit pflegerischen Tätigkeiten zubringen“, sagt er.

Auch von einem Gefühl der Geborgenheit erzählt der heute 65-Jährige. „Man wird aufgefangen, als Sterbender, aber auch als Angehöriger. Ich habe mich gefühlt wie in einer großen Familie.“ In den darauf folgenden Wochen ist das Sterben ständig präsent. „Renate hat viel darüber mit Schwester Mechthild gesprochen“, erzählt Walter Ludwig rückblickend.

20 Jahre gegen den Krebs gekämpft

Am 13. Dezember 2013, wenige Tage vor Weihnachten, besucht Walter Ludwig seine Frau zum letzten Mal im Ellwanger Hospiz. Nach 20 Jahren Kampf hat der Krebs Renate Ludwig getötet.

Heute sitzt der 65-Jährige alleine unter der Pergola der Jugendstilvilla in der Feuerseestraße, in der einst nichts als Glück herrschte. Mit dem Kämpfen hat er noch nicht aufgehört. Seine Vision: ein Hospiz für Crailsheim. Vielleicht kann, wer Jahre lang um und mit einem sterbenskranken Menschen gekämpft hat, nicht einfach damit aufhören. „Meine außergewöhnliche Liebe zu Renate ist die Triebfeder, die mich antreibt“, sagt Ludwig selbst. Er tut es aber auch, um weiterzugeben, was er selbst erfahren durfte im Hospiz der Anna-Schwestern.

Wer den 65-Jährigen besucht, merkt schnell, dass seine Frau noch immer überall präsent ist. Die Erinnerung an sie klebt an den geblümten Vorhängen im Wohnzimmer, an den Skulpturen im Garten, die Ludwig für seine Frau gefertigt hat, und an dem wuchtigen Ledersofa, „ihrem Sofa“, wie er es nennt.

Immer wieder kämpft der Witwer mit den Tränen, wenn er von der Krankheit der Verstorbenen erzählt. Sein Brustkorb bebt. Zu schmerzhaft ist der Verlust. „Ich mag den Kerl gar nicht“, sagt er über den Tod. Eine gute Freundin habe ihm gesagt, man könne gegen den Tod nicht kämpfen, erzählt er. „Aber ich habe es versucht.“

Mit dem Tod seiner Frau ist vieles in Walter Ludwigs Leben gestorben. Die Skulpturen im Garten sind nur noch stille Zeugen eines einst kreativen Kopfes. Eines ist mit der großen Liebe des 65-Jährigen aber nicht gestorben. Es wurde dadurch erst zum Leben erweckt: die Hospiz-Idee in Crailsheim.

ANNA BERGER
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