"Keiner will sich mehr festlegen"

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Lieber individuell skaten gehen, als im Sportverein schwimmen, laufen oder Handball spielen.  Foto: 

Kinder sollten Freude an Bewegung haben, an Gemeinschaft, an Teamzusammenhalt. Sie sollten sportlichen Ehrgeiz haben, sich sportlich weiterentwickeln wollen und im Idealfall als aktives Mitglied in eine Vereinsstruktur hineinwachsen, die sie bis ins Erwachsenenalter, bis sie selbst Eltern sind und darüber hinaus, begleitet. Sie sollten. Doch schon seit einigen Jahren ist das Phänomen Drop-out, das Verlassen des Sportvereins, der Mannschaft, meist zu Beginn der Pubertät oder mit dem Übertritt in die weiterführende Schule, ein erkanntes Problem, dem Sportvereine und Verbände aktiv entgegenwirken wollen und leider auch müssen.

Wissenschaftliche Untersuchungen und Beobachtungen aus der Praxis machen verschiedene Faktoren für dieses Phänomen verantwortlich. Eines der größten: Sportvereine sind auf Langfristigkeit und Kontinuität angelegt, sind abhängig vom Ehrenamt und damit vom aktiven Engagement ihrer Mitglieder und im Fall von Kindern und Jugendlichen auch von deren Eltern. Um dies zu leisten, ist es oft gar nicht möglich, das sportliche Angebot so vielseitig und umfassend zu gestalten, wie es früher oft der Fall war, als Kinder noch viele sportliche Grundfertigkeiten beim Spielen draußen erlernten und im Sportverein die Gemeinschaft noch im Vordergrund stand.

Der Zugang zu Sport heute ist schon für die Kleinsten institutionalisiert und organisiert und vor allem schon früh sportartspezifisch spezialisiert, um den Weg in den Erwachsenensport möglichst eben zu gestalten. Doch Kinder wünschen sich Vielseitigkeit, wünschen sich Spaß, wollen sich in ihrer Körperlichkeit ausprobieren, was gerade in Gegenden, wo das Angebot der Sportarten groß ist, zu Fluktuation führt. Heißt, Kinder wechseln die Sportarten und bleiben nicht bei einer Sache. Kinder, die früh anfangen und bei einer Sportart bleiben, sind nach vielen Jahren oft gelangweilt, suchen neue Herausforderungen. Sie steigen aus dem vereinsorganisierten Sport aus. Angebote kommerzieller Sportanbieter, die nur eine kurzfristige Bindung verlangen, machen hier oft ebenso das Rennen wie nicht organisierte Sportarten. Im Skatepark Sport zu machen ist gerade im Drop-out-Alter oft interessanter, als nach der Pfeife eines Trainers zu tanzen.

Doch mittlerweile haben Sportvereine erkannt, dass sie in der Art, wie Sport angeboten wird, vom traditionellen Sport- und vielleicht auch Leistungsverständnis abweichen müssen, um neue Wege in der Kinder- und Jugendarbeit zu gehen. Dabei berücksichtigt wird nicht nur, dass Kinder von heute, um es in der Werbesprache auszudrücken, "Spiel, Spaß und Spannung" suchen, sondern auch, welche Einflüsse für die Jugendarbeit im Verein hilfreich sein können, etwa der Bezug zu neuen Medien oder die Peergroup, die gerade im Drop-out-Alter zunehmend wichtig wird.

Bereits vor mehreren Jahren wurde das Phänomen Drop-out auch in der Handballabteilung des TSV Crailsheim zum Thema. "Seit zwei Jahren gehen wir das Thema offensiv an", bestätigt Gerhard Strauss, der Vorsitzende der Abteilung. Aus jahrelanger Beobachtung und Erfahrung weiß er: "In den jüngeren Jahrgängen, wo es nicht so sportartspezifisch ist, finden sich die Kinder wieder, später, wenn es spezifischer wird, tun sie sich schwer."

Ein Ansatz der Handballer ist deshalb, schon bei den Kleinsten die Begeisterung für den Verein und Spaß an der Bewegung zu wecken. Zu diesem Ansatz gehört auch, den durchschnittlich recht jungen Übungsleitern Jugendliche an die Seite zu stellen, die beim Training helfen. Doch Gerhard Strauss weiß auch: "Viel steht und fällt auch mit den Eltern. Meine Beobachtung ist, wenn Kinder lange dabei sind, kann es entweder sein, dass die Eltern abstumpfen oder dass sie sich immer mehr einbringen. Fakt ist aber leider: Je älter die Kinder werden, desto seltener sind die Eltern bei Spielen und Turnieren dabei."

Um auch hier entgegenzuwirken und um aus dem Vereinsleben auch ein für die ganze Familie attraktives Angebot zu machen, gibt es mittlerweile viele Aktivitäten, die noch neben dem Handballtraining laufen. Ein jährliches Familiengrillfest beispielsweise oder ein gemeinsamer Ausflug in einen Freizeitpark. Auch für besondere Erlebnisse versucht die Abteilung zu sorgen, indem die Handballkinder zum Beispiel als Einlaufkinder bei Bundesligaspielen mitmachen dürfen.

Als besonders wichtig bewertet Gerhard Strauss die Kooperationen mit Schulen. Mit dem Ausbau der Ganztagsschule sehen sich auch Vereine in der Pflicht, mit ihrem Angebot auf die veränderten Rahmenbedingungen zu reagieren und in der Zusammenarbeit mit Schulen eine Chance zu sehen, die auch dem Phänomen Drop-out entgegenwirken kann. Ein "amerikanisches System", in dem Sport nur noch über die Schule läuft, will hierzulande jedoch keiner, sondern die Zusammenarbeit mit bestehenden Vereinen soll mehr in den Fokus genommen werden. So können sich nach dem neuen Landeskonzept Grundschulen budgetieren lassen und so außerschulische Partner, wie eben Sportvereine und deren Übungsleiter, bezahlen.

Seit 2013 gibt es als Projekt des Württembergischen Landessportbunds (WLSB), eine dezentrale Koordinierungsstelle in den Sportkreisen, die Kooperationen von Vereinen und Ganztagsschulen fördert. Das Projekt läuft gemeinsam für die Sportkreise Schwäbisch Hall, Bad Mergentheim und Hohenlohe. Koordinator Schule-Verein für den Sportkreis Hall ist Martin Vinnai. Der Realschullehrer betont: "Für Sportvereine ist es eine neue Chance. Sie sollten sich mit dem Thema befassen, weil die Schüler bis zum späten Nachmittag in der Schule sind und im ländlichen Raum weite Wege zurücklegen müssen." Er weiß auch: "Wo sich Sportvereine heutzutage schwertun, ist Verbindlichkeit. Keiner will sich mehr festlegen."

In der Kooperation von Schulen und Vereinen sieht er deshalb auch eine Chance, dieser Einstellung entgegenzuwirken. Das Argument, die Ganztagsschule mache Vereine kaputt, weil sie Übungsleiter bezahlt im Gegensatz zum Verein, weist Vinnai als falsche Sichtweise zurück: "Die Übungsleiter sind meist sehr engagiert im Verein und gut ausgebildet. Diese Menschen sollten das Geld, dass sie durch Kooperationen bekommen können, mitnehmen." Als Konkurrenz um Kinder sieht er die Ganztagsschule nicht: "In den AGs präsentieren sich auch Kinder, die den Weg in den Verein sonst nicht finden würden!"

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