"Erfolg ist auch eine Holschuld"

Als einen Erfolg werteten die Organisatoren den ersten Infoabend für junge Türken, die vor der Entscheidung stehen, welchen Beruf sie ergreifen sollen - oder ob sie alternativ weiter zur Schule gehen.

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Mehmet Kurt, Tanja Wiedmann, Ertan Kurt und Selin Beyazit diskutierten über Berufschancen für junge Ausbildungswillige mit türkischem Hintergrund. Gemeinsame Erkenntnis: "Ohne persönlichen Einsatz geht gar nichts." Foto: Mathias Bartels

"Beruflicher Erfolg ist auch eine Holschuld", sprach Mitorganisator Seydan Eslikizi diejenigen an, die sich entgegen ihrer Ankündigung nicht bei dieser Veranstaltung in den Räumen des Kolping-Bildungswerks in Crailsheim hatten blicken lassen. "Schade", ergänzte er, "aber beim zweiten Versuch werden wir versuchen, die Schulen mit ins Boot zu bekommen."

Dass der Abend unter dem Titel "Wie gelingt der Start ins Berufsleben?" dennoch als gelungen bewertet werden muss, wurde im Anschluss an den offiziellen Teil deutlich, als zahlreiche junge Leute Tanja Wiedmann und Axel Schmidt vom Kolping-Bildungswerk umlagerten, fleißig Fragebögen ausfüllten und die beiden Dozenten mit detaillierten Fragen zum möglichen eigenen beruflichen Weg eindeckten.

Ob das vom Europäischen Sozialfonds geförderte Projekt "Azubi attraktiv - Ausbildung bewerben" in Crailsheim fortgesetzt wird, hängt laut Eslikizi nun vom Feedback der Teilnehmer ab: "Wer als junger Mensch erkannt hat, dass ihm die gebratenen Hähnchen nicht ins Maul fliegen, sondern dass er selber was tun muss, der ist schon auf dem richtigen Weg." Dass es da zuweilen durchaus Verständigungsprobleme gibt, die über die sprachliche Ebene hinausgehen, mochte der Vertreter des Türkischen Elternbeirats Crailsheim (TEC), der als Mitveranstalter auftrat, nicht verhehlen. "Wir haben ganz bewusst die Eltern mit angesprochen", sagte Eslikizi. Und TEC-Vorsitzender Ömer Tasgit fügte deshalb erklärend an: "Speziell in türkischen Familien gibt es oft andere Entscheidungswege." Wie wichtig elterliche Unterstützung ist, verdeutlichten die drei erfolgreichen türkischstämmigen Geschäftsleute Mehmet und Ertan Kurt sowie Selin Beyazit. Alle drei stehen als Bankkaufmann, Bürokaufmann und Industriekauffrau erfolgreich mitten im Berufsleben, haben teilweise studiert oder sich entsprechend weitergebildet. Sie profitieren von ihrer Zweisprachigkeit, die ihnen zusätzliche Chancen im geschäftlichen Kontakt mit der Türkei und/oder mit Türken eröffnen. "Türkische Mitarbeiter pflegen vielleicht etwas mehr als deutsche Kollegen die menschlich-sozialen Kontakte", meinte etwa Ertan Kurt, der darauf hinwies, wie sehr ihn neben dem unabdingbaren Eigenantrieb die Unterstützung seiner Eltern vorangebracht habe, zusätzlich zum Beruf dreimal wöchentlich abends je drei Akademie-Stunden zu absolvieren.

Sein Bruder Mehmet Kurt schilderte, wie sehr ihn Sprüche wie "der Türke schaffts doch sowieso nicht" angestachelt hätten. Heute begegne er solchen Vorhaltungen mit "Deutscher, was willst du überhaupt?". Alle drei indes waren sich einig, dass bei ihnen ohne die Erkenntnis, selber fürs Vorankommen verantwortlich zu sein, nichts gelaufen wäre.

Axel Schmidt vom Kolping-Bildungswerk hatte den rund 30 Gästen des Abends zuvor die zum Teil verschlungenen Wege vom Hauptschulabschluss zum erfolgreichen Berufseinstieg aufgezeigt. Lehre mit Berufsschule und Zusatzqualifikation, Berufsvorbereitungsjahr und Berufskolleg, (Werk-)Realschulreife und Fachschule, Fachhochschulreife und der Sprung auf die Hochschule - der Möglichkeiten gibt es viele. "Wenn Sie wollen", sprach Tanja Wiedmann die Gäste an, "können Sie Karriere machen." Sie war es auch, die die eindrücklichen Interviews mit den drei erfolgreichen Türken führte. Das Publikum zeigte sich ausnehmend beifallsfreudig, viele junge Leute meldeten sich gleich zu Folgeveranstaltungen an - ein Indiz, dass die Botschaft angekommen war.

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