Schüler erinnern an Reichspogromnacht in Crailsheim

„Initiative Erinnerung und Verantwortung“ und Lise-Meitner-Gymnasium bringen zur Reichspogromnacht zwei Namen zurück ins Gedächtnis der Stadt.

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Schüler des Lise-Meitner-Gymnasiums stellen  in der Adam-Weiß-Straße das Leben und Sterben zweier Crailsheimer dar.  Foto: 

Josef Böhm und Babette Kochendörfer sind nicht vergessen. Die Stadt, die die beiden einst verraten und ausgestoßen, dem Terror geopfert hat, gedenkt ihrer mittlerweile und nennt ihre Namen voller Trauer. Die Pogromnacht-Aktion der „Initiative Erinnerung und Verantwortung“ und des Lise-Meitner-­Gymnasiums an der früheren Synagoge war aber auch ein Blick in die Zukunft, ein dringender Appell, Humanität zu wagen und in die Öffentlichkeit zu bringen, im Sprechen und im Handeln.

Familienvater und junge Kranke

„Judenauspeitschung“ nannten die Nazis die grausame Misshandlung jüdischer Mitbürger im März 1933 im Crailsheimer Rathaus. Unter den Opfern war der Kaufmann Josef Böhm, Vater zweier kleiner Töchter, der ein Textilgeschäft in der Ringgasse 7 hatte und eine Filiale in der Karlstraße 9. Noch am selben Tag wurde der übel Zugerichtete ins Polizeigefängnis Heilbronn gebracht. Als er zurückkam, war er ein gebrochener Mann, der seiner Depressionen und Angstattacken nicht Herr werden konnte. 1937 war er das erste Todesopfer der NS-Judenverfolgung der Stadt.

Babette Kochendörfer, in Hengstfeld geboren, erlitt ihren ersten „Anfall von Geistesstörung“ im Alter von 18 Jahren, kurz nachdem sie sich bei einem Unfall eine Kopfverletzung zugezogen hatte. Sieben Jahre später erlitt sie einen zweiten Anfall. Vom Krankenhaus in Gerabronn kam sie in die Heilanstalt Weinsberg und dann 1940 ins berüchtigte Grafeneck, wo sie, wie so viele andere Kranke, ermordet wurde.

Schülerinnen und Schüler des Lise-Meitner-Gymnasiums unter der Leitung ihrer Lehrer Joachim Wöllner und Tobias Wiegand zeigten das Zerbrechen dieser beiden am Naziterror. Das von Bernhard Hubner geleitete Klarinettenensemble spielte dazu Aufwühlendes und Klagendes; Glucks „Reigen seliger Geister“ etwa, Motive der israelischen Hymne, und mehrfach klang Schumanns „Armes Waisenkind“ an. Am beleuchteten Grundriss der ehemaligen Synagoge erinnerte Christiane Pappenscheller-Simon an den 9. November 1938, als sich auch in Crailsheim „20 SA-Leute eines heutigen Teil­orts zusammenfanden, in die Synagoge eindrangen und die Einrichtung zerstörten“. Nur weil das Unterstadtviertel so dicht bebaut ist, hätten sie das Gebäude nicht abgefackelt. In der Folgezeit, so die Rednerin, „wurden 46 Crailsheimer Bürger, die nicht der Ideologie der Nazi-Diktatoren entsprachen, diskriminiert, verfolgt, ausgebeutet, gequält und getötet“. 46 Todesopfer.

Pappenscheller-Simon versuchte in ihrer Ansprache, sich dem Ansatz der jüdischen Philosophin Hannah Arendt zu nähern, die unbedingt verstehen wollte, was da geschehen war. Allein, es gelinge ihr nicht, das Eindringen in ein Gotteshaus, die Schändung und Zerstörung zu verstehen und emotional zu begreifen, auch nicht Demütigung, Verfolgung und Tötung. „Das ist für mich unvorstellbar.“

Hannah Arendt kam zum Schluss, die Gleichschaltung der Gefühle mit den Nazi-Gedanken sei das Problem, also die Koppelung von Ideologie mit Ängsten, Ärger, Eifersucht, Furcht. Pappenscheller-Simon fragte sich und die Versammelten, ob die Demokratie stark genug bleibe, den lauter und schamloser werdenden rassistischen und nationalistischen Gedanken zu widersprechen und zu widerstehen. Ein Abkoppeln der Gefühle wäre dienlich. Sie zitierte den „wunderbaren“ Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes – die Würde des Menschen ist unantastbar: „Wie wunderbar wäre es, wenn wir alle nach diesem Grundsatz lebten.“

Unter dem Titel „Ausgrenzung – Verwertung – Vernichtung“ laden Stadtarchiv und Historischer Verein am morgigen Sonntag um 14 Uhr zu einem vom Marktplatz ausgehenden Stadtrundgang ein. Es geht um das Schicksal der Crailsheimer jüdischen Gemeinde in den Jahren 1933 bis 1945.

Christiane Pappenscheller-Simon  erinnert an das geplante  Denkmal für Hans Scholl und Eugen Grimminger. Nach wie vor werden Unterstützer gesucht. Informationen dazu gibt es bei Folker Förtsch im Stadtarchiv. bt

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