"Das Kino war meine Heimat"

Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Gerhard Hippert dafür gesorgt, dass in den Crailsheimer Kinos Filme auf die Leinwand kamen. Der Filmvorführer feierte jetzt seinen 90. Geburtstag.

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  • Gerhard Hippert hat viele schöne Erinnerungen an seine Zeit als Filmvorführer in den Crailsheimer Kinos - die Original-Filmspule ist nur eine davon. Erst seit zwei Jahren ist der 90-Jährige im Ruhestand. 1/2
    Gerhard Hippert hat viele schöne Erinnerungen an seine Zeit als Filmvorführer in den Crailsheimer Kinos - die Original-Filmspule ist nur eine davon. Erst seit zwei Jahren ist der 90-Jährige im Ruhestand. Foto: 
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Wenn Gerhard Hippert in seinem gemütlichen Sessel am Fenster seines kleinen Appartements im betreuten Wohnen des Wolfgangstifts sitzt, bleibt sein Blick, bevor er ins Grüne hinausgeht, an einer großen schwarzen Filmspule hängen. Selbstverständlich ist es eine Originalspule. Genau so eine legte der 90-Jährige jahrzehntelang in die Filmprojektoren der Crailsheimer Kinos ein. In den letzten Jahren seines langen Arbeitslebens, in dem er zwei Berufe gleichzeitig ausübte - tagsüber arbeitete er bei einer Baufirma und abends als Filmvorführer - kam er freilich ohne Filmspule aus. Als 76-Jähriger begleitete er den Umbau der mechanischen auf digitale Projektoren. Fortan hatten die Spulen ausgedient. Trotzdem blieb Gerhard Hippert seinem Beruf und vor allem der Crailsheimer Kinobetreiberfamilie Wagner treu, der er über drei Generationen freundschaftlich verbunden ist.

"Zum Kino kam ich durch meine Frau, die Platzanweiserin war. Ich holte sie oft von der Arbeit ab. Eines Abends vertrat ich den Filmvorführer - so ging es los", erzählt Hippert. Er legte eine Prüfung ab und wurde selbst zum Mann hinter dem Projektor. Den Beruf übte er mit großer Leidenschaft aus. "Das Kino war eine Heimat für mich", betont er.

Vor zwei Jahren erst ging Gerhard Hippert als Chef-Filmvorführer in den Ruhestand. Die neueste Entwicklung bekam er nicht mehr mit: Die Einführung des Theatermanagementsystems, das den Beruf des Filmvorführers gänzlich überflüssig macht.

Gerhard Hippert wurde am 2. November 1924 im schlesischen Brieg geboren. Hier besuchte er die Schule und begann anschließend eine Lehre als Kaminfeger, die er jedoch nicht beendete, da er mit der Hitlerjugend zum Arbeitsdienst nach Bordeaux ging. Krieg und Gefangenschaft führten den jungen Mann von Frankreich über Italien bis nach Amerika, wo er in einem Lager in Colorado lebte und arbeitete. "Wir staunten über das Leben in Amerika und lernten unglaubliche Dinge kennen. Zum ersten Mal benutzten wir beispielsweise Haarshampoo", erinnert sich der 90-Jährige. Per Schiff wurde er mit anderen Gefangenen schließlich nach England gebracht. Die letzte Station vor der Entlassung in die Freiheit 1947 war das Lager in Dachau.

Gerhard Hippert kam nach Crailsheim, suchte sich eine Arbeit und heiratete am Tag seines Geburtstags desselben Jahres. Er hat zwei Kinder, vier Enkel und 20 Urenkel, die beim großen Familienfest alle persönlich ihre Glückwünsche zum runden Geburtstag überbracht haben. Zufrieden blickt der Jubilar, der stets ein offenes Ohr und ein großes Herz für andere hatte, heute zurück. "Ich hatte keinen Plan für mein Leben. Alles hat sich einfach so ergeben. Und im Rückblick war es gut - genau so wie es war", sagt er lächelnd.

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