"Das Gehirn reift und die Symptome verändern sich"

Fragen zu ADHS und ihre Folgen beantworten Dr. Friedrich Frieß, Oberarzt der Psychiatrie am Kreiskrankenhaus in Tauberbischofsheim sowie Caroline Ott, Diplompsychologin und Psychotherapeutin.

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Wie unterscheidet sich ADHS bei Erwachsenen und Kindern?

FRIEDRICH FRIESS: Das klinische Bild verändert sich. An Erwachsene werden ganz andere Erwartungen herangetragen als an Kinder und Jugendliche, und das Gehirn reift, deshalb verändern sich die Symptome. So schlägt zum Beispiel Hyperaktivität in innere Unruhe um. ADHS wirkt sich dann als desorganisiertes Verhalten, geringe Stresstoleranz, Inkonstanz der Leistungsfähigkeit oder durch Affektlabilität aus.

CAROLINE OTT: Ich würde sagen, Erwachsene werden ruhiger, haben sich besser unter Kontrolle als Kinder. Die psychomotorischen Auffälligkeiten sind nicht mehr so stark zu sehen.

Muss ADHS immer ein Problem sein, oder gibt es auch Erwachsene, die durch die Krankheit gar nicht wirklich beeinträchtigt sind?

OTT: Ein Erwachsener kann anders mit den Symptomen von ADHS umgehen, kann sich zum Beispiel eine Nische im Arbeits- oder Privatleben suchen, also sich anders beschäftigen, zum Beispiel mit Dingen, die keine Konstanz erfordern. Da fällt ADHS dann nicht mehr so auf. In einem selbst gestalteten Arbeitsumfeld kommen Betroffene mit ADHS besser zurecht. Manchen Betroffenen gelingt dies jedoch nicht.

FRIESS: Zu den Symptomen gehört ja auch das sogenannte Sensation-Seeking, die Suche nach dem Adrenalinkick und den eigenen Grenzen. Das können Erwachsene natürlich ganz anders ausleben, etwa durch Extremsport oder durch Kunst.

Ist ADHS bei Erwachsenen immer eindeutig diagnostizierbar?

FRIESS: Das Problem ist, dass bei Patienten, die mit ADHS erwachsen werden, die Gefahr besteht, eine Persönlichkeitsstörung, Depressionen, Angststörungen oder eine bipolare Störung zu entwickeln. Auch die Gefahr einer Suchterkrankung ist hoch. Durch das ADHS steigt auch das Potenzial für Misserfolgserlebnisse, wie Ausbildungsdefizite, inkonstante Leistungsfähigkeit und mangelndes Selbstwertgefühl. Dies alles überdeckt oft das eigentliche Problem ADHS. Es wird dann häufig erst entdeckt, wenn der Patient wegen dieser Probleme zu einem Facharzt kommt. Und die Diagnose ist dann oft auch erschwert.

Und wenn die Diagnose nicht gestellt wird?

OTT: Dann ist die Gefahr groß, dass sich die Patienten praktisch selbst behandeln, zum Beispiel auch mittels Drogen oder Alkohol. Die Probleme werden dann umso größer.

Wird ADHS von Erwachsenen als Krankheit angenommen?

FRIESS, OTT: Nicht immer. Viele sagen auch: Ich war schon immer so, ich bin wie ich bin. Doch sie sehen nicht, dass sie sich gegebenenfalls viel verbauen, Umwege gehen und sich selbst im Wege stehen. Manche sind aber auch dankbar, weil sie endlich wissen, was mit ihnen los ist.

Wer darf medikamentös und psychiatrisch behandelt werden?

FRIESS: Bei Erwachsenen muss belegt werden, dass die Symptome schon im Jugendalter, also vor dem zwölften Lebensjahr, bestanden haben. Zeugnisse und Arbeitszeugnisse lassen da oft objektive Rückschlüsse zu, ansonsten muss man sich auf die Angaben und Erinnerungen des Patienten und von Angehörigen verlassen. Ist die Diagnose auch retrospektiv gesichert, kann der Erwachsene sowohl medikamentös als auch psychotherapeutisch und soziotherapeutisch behandelt werden. Es gibt in unserer Region auch die Möglichkeit, sich an Spezialambulanzen, zum Beispiel an der psychiatrischen Klinik der Universität in Würzburg, zu wenden.

Ist ADHS heilbar?

FRIESS: Es gibt bei vielen Erwachsenen einen Punkt, wo sie um Strategien wissen, um besser zurechtzukommen. Doch es ist ein lebenslanger Prozess. Auch den Punkt, an dem man die Medikamente weglässt oder reduziert, gibt es. Man muss Erwachsene mit ADHS nicht kontinuierlich behandeln, sondern kann zum Beispiel das Medikament auch situationsbezogen einsetzen.

Die Fragen stellte Julia Vogelmann

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