Weniger ist mehr

Größtes Interesse zeigte das Publikum am Mittwochabend in der Buchhandlung Rupprecht. Meinhard Miegel las in Crailsheim aus seinem neuen Sachbuch "Hybris. Die überforderte Gesellschaft".

URSULA RICHTER |

Größtes Interesse zeigte das Publikum am Mittwochabend in der Buchhandlung Rupprecht. Meinhard Miegel las in Crailsheim aus seinem neuen Sachbuch "Hybris. Die überforderte Gesellschaft". Das recht anspruchsvolle Thema hatte 140 Zuhörer veranlasst, den Ausführungen des Professors der Soziologie aufmerksam zu folgen. Er ist der wohl bekannteste Sozialwissenschaftler Deutschlands, war bis 2008 Leiter des Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft und ist seit 2007 Vorstandsvorsitzender von "Denkwerk Zukunft. Stiftung kulturelle Erneuerung".

Miegel präsentierte in seiner ruhigen, sachlichen Art einen Parforceritt durch das gesamte Werk. Gewidmet ist es bezeichnenderweise "Denen, die sich in der Kunst der Beschränkung üben". Bevor er diese Position entwickelt, zeigt er auf fast 150 Seiten das auf, was er die Hybris unserer Gesellschaft nennt. Die Vermessenheit und Verblendung belegt er mit einer Fülle von Zahlen und Beispielen. Er nennt das erste Kapitel "Die Türme von Babylon". Aber anders als die Zikkurat von Babel mit einer Höhe von wahrscheinlich 91 Metern, geht es bei uns jetzt richtig in die Höhe. Miegel erzählt, dass in seiner Kindheit in einem Nachschlagewerk seines Vaters unter den höchsten Bauwerken beispielsweise der Kölner Dom aufgeführt war. Mit seinen 157 Metern im Zeitalter der Hyperwolkenkratzer kaum mehr nennenswert. Bauten, die Mobilität, der technische Fortschritt liefern anschauliche Beispiele.

Er hält aber auch das Konzept von Schule, Hochschule und Bildung für rauschhaft überzogen: Alle sollen Abitur machen, möglichst alle studieren. Und mit welchem Ziel? Die Grenzen seien auch im Sport überschritten. Die modernen Gladiatoren beweisen für ihn nur die beachtenswerten Leistungen der Pharmaindustrie. Wir arbeiten zu viel und falsch, und die Zahlen aus der Wirtschaft und Finanzwirtschaft verstehe sowieso keiner mehr.

Diese permanente Entgrenzung des "Homo rapax", des räuberischen Menschen unserer Zeit führt er in seinem zweiten Kapitel auf die sogenannte Diesseitswendung zurück. Die Säkularisierung habe religiös entgrenzte Räume besetzt und mit Diesseitigem, meist Materiellem ausgefüllt, das jetzt dem Diktat der Entgrenzung folge. "Wir wollen hier auf Erden schon / Das Himmelreich errichten. . ." aus Heinrich Heines berühmtem Wintermärchen veranschaulicht diesen Vorgang.

Diese herzhafte Begriffsbildung ist wohl eine der schwächsten Passagen der Ausführungen. Sie leuchtet in ihrem Analogieverfahren unmittelbar ein, bleibt aber philosophisch und religionssystematisch erstaunlich vage. Im dritten Teil, mit dem die Lektüre vielleicht auch begonnen werden könnte, versucht sich Miegel in einer Problemlösung. Er fordert ebenso unbedingt wie in der Zielrichtung letztlich undeutlich einen Paradigmenwechsel. Was brauchen wir wirklich für ein erfülltes Leben? Was ist gut für mich?

Er schlägt vor: Selbstakzeptanz, Selbstbewusstsein, Selbstwirksamkeit, Achtsamkeit, Gemeinsinn, Weisheit. Der Einzelne solle sich nicht hinter dem nötigen Systemwechsel verstecken, findet Miegel, er solle es auch nicht, wie der Papst in Straßburg, zur obersten Chefsache machen, sondern selbst aktiv werden.

Die vielen Fragen des Publikums gingen alle von einer grundsätzlichen Zustimmung aus. Ein Zuhörer formulierte die größte Sorge: Was geschieht, wenn wir uns vom Wachstumswahn verabschieden? Gibt es dann überhaupt noch genug Arbeit? Er meinte bezahlte Arbeit und sagte es auf Hohenlohisch: Erbed. Darauf wusste niemand eine Antwort. Wobei es auf schwierige Fragen auch nicht gleich eine Antwort geben muss. Aber der Weg zur Antwort beginnt mit dem Nachdenken.

Zahlen, die die Welt bedeuten

66 000 Positionen umfasst die Mängelliste der Baustelle des Berliner Flughafens

80 Stunden steht der Durchschnittsdeutsche im Jahr im Stau

23 Stunden stehen deutsche Autos am Tag ungenutzt

1882 ist der letzte Jahrgang in Deutschland, der sich selbst ersetzt hat

100 Prozent höher ist die Lebenserwartung eines Neugeborenen heute als 1920

165 000 000 000 000 Dollar hoch sind die globalen Schulden zurzeit

1 Prozent der Weltbevölkerung verbraucht 60 Prozent der Güter

20 Prozent der Ärmsten verbrauchen 1,1 Prozent

4:1 war dieses Verhältnis zu Beginn der Industrialisierung

1,5 Erden und deren Ressourcen verbraucht die Menschheit zurzeit

2 Erden sind es 2030

2,8 Erden sind es 2050

50 Prozent der Tier- und Pflanzenarten sind seit 1970 ausgestorben

14-mal so viel wie zu Beginn des 19. Jahrhunderts erwirtschaftet Deutschland

50 Prozent der deutschen Arbeitnehmer sagen, ihre Arbeit sei vollkommen sinnlos

Diese Zahlen stammen aus dem Crailsheimer Vortrag beziehungsweise aus dem Buch "Hybris" von Professor Dr. Meinhard Miegel. urs

SWP

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