Fahrt in den Tod selbst bezahlt
Crailsheim. Vor genau 70 Jahren erreichte der staatliche Massenmord der Nazis auch Crailsheim: 28 jüdische Männer, Frauen und Kinder wurden von hier aus nach Lettland in ein Vernichtungslager nahe Riga deportiert.
Die erste von drei Deportationen am 28. November 1941 markiert für den Raum Crailsheim einen Wendepunkt: Fortan gab es auch hier für jüdische Menschen absolut keine Möglichkeit mehr, dem NS-Rassenwahn zu entfliehen.
Ohne eine Vortragsreihe über NS-Opfer in Crailsheim wäre der Jahrestag still und leise verstrichen. So aber zeichnete Stadtarchivar Folker Förtsch in einem profunden Vortrag bei der VHS im Spital den Weg in die staatliche Barbarei nach.
Der Historiker verknüpfte den reichsweiten Terror gegen Juden mit dem lokalen Geschehen, das schon im März 1933 mit der Auspeitschung von jüdischen Bürgern im Crailsheimer Schloss begann. In diesem Jahr wohnten noch 130 jüdische Bürger in Crailsheim.
Nicht alle hatten sich rechtzeitig in Sicherheit bringen können, als die Stuttgarter Gestapo im November 1941 auch für Württemberg die Deportation von 1000 Menschen anordnete - auf perfide Weise: Die Auswahl der Opfer hatten die jüdischen Kultusgemeinden selbst zu treffen und auch die Transportkosten von exakt 57,64 Reichsmark pro Person einzutreiben.
Mit bürokratischer Gründlichkeit, an der auch Bürgermeister, Polizisten, Eisenbahner, Notare, Finanzbeamte und Gerichtsvollzieher bis hin zu Hebammen für die Durchsuchung der Frauen mitwirkten, wurde in Crailsheim der Deportationszug befüllt: Am 28. November 1941 brachten Polizisten zwölf Juden aus Crailsheim, 13 aus Michelbach/Lücke und eine Frau aus Dünsbach in ein Sammellager auf dem Stuttgarter Killesberg (die Namen von zwei weiteren Opfern ließen sich nicht mehr sicher ermitteln). Der Sonderzug "DA 33" transportierte die Opfer dann am 1. Dezember nach Lettland in das Lager Jungfernhof bei Riga. Wer nicht an Hunger und Krankheit starb, wurde im März 1942 bei der Auflösung des Lagers von der SS erschossen.
Nur zwei Menschen aus diesem Transport überlebten - die damals 16-jährige Dorothea Gundelfinger und der 47 Jahre alte Moritz Eichberg (siehe auch Bericht unten).
Nach zwei weiteren Deportationen am 26. April 1942 und am 22. August 1942 jubelte die "Hohenloher Zeitung": "Crailsheim ist judenfrei". Dieses Ziel hatte 46 jüdischen Menschen das Leben gekostet.
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Autor: HARALD ZIGAN | 30.11.2011
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Fahrt in den Tod: Am 4. Dezember 1941 kam der Sonderzug mit 1013 Juden aus Württemberg auf dem Bahnhof Skirotava bei Riga an - unter ihnen auch 28 Männer, Frauen und Kinder aus Crailsheim und Umgebung. Fotos: Stadtarchiv Crailsheim
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