Anschluss an die weite Welt

Crailsheim.  Erst die Eisenbahn hat Crailsheim zu einer richtigen Stadt mit Anschluss an die weite Welt gemacht, und sie sorgt bis heute dafür, dass die Große Kreisstadt international vernetzt ist.

Die Stadt und die Eisenbahn - das ist ein Thema mit vielen Facetten. Und wenn ein Experte wie Willi Glasbrenner darüber spricht - beispielsweise beim heimatgeschichtlichen Abend am Sonntag im Forum der Sparkasse - dann hat ein solcher Abend auch für alteingesessene Crailsheimer noch einen erheblichen Erkenntnisgewinn.

Noch um 1970 wohnten rund 750 Eisenbahner in Crailsheim, heute sind es nur noch stark 100. Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts war Crailsheim tatsächlich eine Eisenbahnerstadt, waren hier doch knapp 500 Eisenbahnerfamilien ansässig (das waren ein Drittel aller Crailsheimer Familien). Der Bahnbetrieb in dem bis dahin eher verschlafenen Landstädtchen begann 1866 mit sechs Zügen. Ab 1875 war Crailsheim ein Eisenbahnknotenpunkt, war die Stadt angeschlossen an die große weite Welt. Von hier aus konnte man nach Berlin und Paris reisen, oder auch nach Karlsbad und Prag. Damals stellte der Fränkische Grenzbote, die Vorgängerzeitung des Hohenloher Tagblatts, mit Stolz fest, dass Crailsheim nun an die große, weite Welt angeschlossen sei.

Auch wenn die Bezeichnung Eisenbahnerstadt heute nicht mehr zutrifft, so Willi Glasbrenner, so ist die Stadt doch nach wie vor relativ gut ins deutsche Eisenbahnnetz eingebunden. Crailsheim verfügt über einen IC-Anschluss (Stuttgart - Nürnberg) und ist damit besser dran als Heilbronn, die Hauptstadt der Region. Von Crailsheim aus ist man in 50 Minuten in Nürnberg und in 75 Minuten in Stuttgart und hat in beiden Großstädten Anschluss ans ICE-Netz. Das ist dann fast so wie im späten 19. Jahrhundert, als der so genannte Kleine Orient-Express, der D-Zug von Paris nach Prag, in Crailsheim haltmachte.

Wie prägend die Eisenbahn für die Stadt war, zeigt sich noch heute in manchen Bauten. Zwar steht der prächtige, württembergisch-bayerische Grenzbahnhof mit seinem fast 30 Meter hohen Uhrturm nicht mehr und sind auch viele andere Bahnbauten abgebrochen worden, aber der Turm, in dem bis zu 600 Kubikmeter Wasser für die Dampflokomotiven gebunkert werden konnten, prägt bis heute die Silhouette der Stadt und auch die mäjestätische, über 100 Meter lange Eisenbahnbrücke über die Jagst mit ihren fünf Gewölbebögen präsentiert sich heute noch fast im Urzustand.

Crailsheim ist längst nicht mehr Nabel der Eisenbahnwelt, aber mit bis zu 2500 Reisenden pro Tag, die hier ein- oder aussteigen, immer noch ein gut frequentierter Knotenpunkt. Was schmerzlich fehlt, ist ein neues Bahnhofsgebäude. 1981 war der Spatenstich kurzfristig abgesagt worden, und die Stadt muss bis heute mit dem Provisorium aus der Nachkriegszeit auskommen. Das schmerzt nicht nur den Eisenbahnexperten Willi Glasbrenner.


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Autor: ANDREAS HARTHAN | 09.02.2010

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