Aktionstag "Halt vor Gewalt" - Fürsorge wird oft falsch verstanden

Das Grundgesetz sagt, dass die Freiheit der Person unverletzlich ist. Doch was ist mit der geschlossenen Demenzstation? Eine Gratwanderung zwischen Schutz und Freiheitsberaubung.

UTE SCHÄFER |

Christine Schönfeld hat's in der eigenen Familie erlebt. Die Urgroßmutter war im Pflegeheim, saß im Rollstuhl, war aber fit im Kopf. Doch auf einmal "wurde sie angeblich verrückt", erzählt Christine Schönfeld. Sie war verwirrt, schrie nachts, ließ sich nicht beruhigen. Sie bekam mehr Beruhigungsmittel. Aber es wurde eher schlimmer. "Mir kam das alles komisch vor", sagt Christine Schönfeld, gelernte Krankenschwester. "Das war nicht meine Uroma, so wie ich sie kannte." Sie ging ins Pflegeheim und ließ sich die Medikamentenliste zeigen. Dort entdeckte sie das Problem: Die Uroma hatte wegen einer anderen Krankheit viel Gewicht verloren. Das Beruhigungsmittel, das sie ohnehin bekam, war überdosiert - sie vertrug es einfach nicht mehr. Es wurde abgesetzt, und siehe da, die Uroma wurde wieder normal, "nach nur wenigen Tagen", wie Schönfeld erklärt. Die alte Dame starb dann zwar doch, aber an der anderen Krankheit. "Und wenigstens bei klarem Verstand."

Deshalb ist es so wichtig, sagt Christine Schönfeld, sich freiheitseinschränkende Maßnahmen gut zu überlegen - und die Uroma mit Medikamenten nachts ruhig zu stellen wäre eine solche gewesen. Ein typisches Beispiel. Denn oft setzt eine Spirale nach unten ein, wenn die Betroffenen in ihrer Freiheit eingeschränkt werden. Wenn sie im Rollstuhl fixiert werden, um Sturzgefahr zu mindern, "dann werden sie doch erst recht wackelig". Oder man verhindert durch ein Bettseitenteil, dass Menschen nachts aufstehen und durchs Heim wandern. "Zur Sicherheit kommt dann eine große Windel dran. Doch so wird die Inkontinenz natürlich schlimmer."

Christine Schönfeld ist nicht nur Krankenschwester, sie ist auch Verfahrenspflegerin und vertritt Betroffene vor Gericht. Denn wann immer in Heimen sogenannte freiheitsentziehende Maßnahmen angewendet werden - und der Bewohner das nicht will oder sich nicht ausdrücken kann -, dann muss ein richterlicher Beschluss her. Das erklären Christine Schönfeld und Betreuungsrichterin Katja Kopf (siehe unten) vorgestern im Azurit-Seniorenzentrum Hohenlohe in Gerabronn. Das Heim hatte zu einem Aktionstag "Halt vor Gewalt" geladen, das Thema waren diesmal die freiheitsentziehenden Maßnahmen. "Wir haben seit einigen Jahren unseren Fokus darauf", erklärt Heimleiter Dieter Reipert. Im Unternehmen seien danach die Fixierungen deutlich weniger geworden.

Allerdings, und das weiß auch Christine Schönfeld, Krankenschwester und Verfahrenspflegerin: "Die Grenze zwischen einer notwendigen Sicherheitsmaßnahme und Freiheitsberaubung verläuft mitten durch die pflegerische Praxis."

Natürlich müsse immer abgewägt werden. Aber genauso müsse geprüft werden, ob nicht mildere oder andere Maßnahmen besser griffen. Denn in den letzten Jahren wird eines immer deutlicher: "Es gibt keine Studie, die den positiven Effekt freiheitsentziehender Maßnahmen beschreibt", weiß Schönfeld.

Die Daten über die negativen Folgen hingegen seien "alarmierend". Nicht nur, weil es Anwendungsfehler gebe. "Oft ist die Fürsorge auch einfach falsch verstanden", sagt sie. Man müsse sich in jedem einzelnen Fall überlegen, wie viel Schutz sein muss und wie viel Freiheit sein darf. "Es kommt doch immer auf die Lebensqualität an." Vielleicht gehöre zum Altwerden das Stürzen einfach dazu? Dabei könne natürlich niemand Stürze billigend in Kauf nehmen, denn "das wäre ja unverantwortlich".

Dennoch könnte Bewegung und Mobilität viel zur Sturzprophylaxe beitragen. "Auch ein Bettseitenteil muss nicht unbedingt sein, wenn der Betroffene das nicht will - oder offenbar nicht ertragen kann." So genannte Niederflurbetten könnten sich zur Pflege ganz nach oben und zum Schlafen ganz nach unten pumpen lassen. "Aber das muss man wissen und sich dafür einsetzen", sagt die Verfahrenspflegerin. Einschränkende Bettseitenteile ließen sich in manchen Fällen auch vermeiden, wenn die Betroffenen ein kuscheliges Nest mit einem Kissen bekommen. "Und das ist dann die mildere Maßnahme", und, für Christine Schönfeld, schon ein Erfolg, "denn es geht ja immer um die Würde des Menschen."

Frau Schönfeld, was ist eigentlich eine Verfahrenspflegerin?

"Eine Verfahrenspflegerin wird vom Gericht bestellt und vertritt in den Verfahren vor dem Betreuungsgericht den Betroffenen. Ich bin niemandem verpflichtet und kann ganz für den Betroffenen sprechen - das ist besonders wichtig, wenn es um freiheitsentziehende Maßnahmen geht. Normalerweise nehmen Rechtsanwälte diese Funktion wahr. Doch immer häufiger gibt es Verfahrenspfleger, die wie ich aus den Pflegeberufen kommen. Sie können sich gut in den Alltag des Betreuten einfühlen, kennen die Hilfsmittel und können Medikamentenlisten lesen. Ich habe aber trotzdem eine spezielle Weiterbildung zur Verfahrenspflegerin gemacht. Mir liegt es besonders am Herzen, den Betroffenen so viel Freiheit wie möglich zu lassen - ich bin hier ganz dem Werdenfelser Weg verschrieben. Es gibt nämlich für viele Maßnahmen mildere Varianten, die auch gut funktionieren."

UTS

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