Aktionskünstler Gunter Demnig verlegt erste neun "Stolpersteine" in Crailsheim

Sie waren Nachbarn, Geschäftspartner, Freunde - bis die Nationalsozialisten die Crailsheimer Juden unbarmherzig ausradierten. Seit gestern erinnern die ersten neun "Stolpersteine" an die Ermordeten.

SEBASTIAN UNBEHAUEN |

Es ist eiskalt an diesem Dienstagmorgen im November, man fröstelt. Die Sonne aber strahlt an einem blauen Himmel. Irgendwie passt das Wetter zum Anlass, als der Künstler Gunter Demnig in Crailsheim die ersten "Stolpersteine" verlegt. Kalt läuft es einem über den Rücken, als Schüler der 12. Klasse des Wirtschaftsgymnasiums die Lebensläufe Crailsheimer Juden verlesen, die allesamt ein jähes Ende in den Todeslagern der Nazis fanden. Ein Frösteln verursacht auch das Klarinettenspiel Hans Kumpfs, das den Schmerz in Töne kleidet.

Gleichwohl hat die "Stolpersteine"-Aktion eine heitere Seite: Aus gesichtslosen Opfern werden konkrete Crailsheimer Bürger. Längst Vergessene kehren zurück ins Bewusstsein der Menschen in der Stadt. "Es ist vor allem interessant, dass sie so ein gutes Leben geführt haben, sogar Läden hatten", sagt der Gymnasiast Erik Lupp.

Das will Demnig erreichen: Dass Passanten möglicherweise kurz innehalten, sich bestenfalls Gedanken machen, das Ausmaß der damaligen Verbrechen plastisch vor Augen haben - also "mit dem Kopf und mit dem Herzen stolpern".

Die "Stolpersteine" - die eben verlegt sind, also nicht tatsächlich stolpern lassen - sind kleine Betonwürfel, deren Oberfläche eine Messingplatte mit Informationen zu jüdischen Opfern ziert. Jeder Stein ist in Handarbeit gefertigt, Buchstabe um Buchstabe ist händisch eingraviert. Das ist dem Künstler wichtig, wie er bei der Vorstellung des Projekts am Vorabend in der Spitalkapelle deutlich machte: Nichts soll an Maschinenarbeit, an Fabrik erinnern - als Kontrast zum industriellen Morden im Dritten Reich.

"Hier wohnte" steht da zu Beginn des Textes in der Regel, am Ende steht meist der Mord. Wer die Daten am Boden liest, der verbeugt sich automatisch vor den Entrechteten, so Demnigs Intention.

Crailsheim ist die 804. Kommune in Deutschland mit "Stolpersteinen". Die Initiativgruppe Geschwister Scholl hat das Projekt vorangetrieben, der Gemeinderat begrüßte es einstimmig. Bereits für 37 von voraussichtlich 48 Steinen sind Paten gefunden. Im kommenden Jahr sollen weitere verlegt werden.

Info Wer Pate werden möchte "Kosten: 120 Euro), kann sich unter Telefon 0 79 51 / 4 03 12 90 melden.

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

Zum Schluss

Mainz feiert Karneval im Mai

Karneval in Mainz - diesmal nicht im Februar sondern im Mai.

Die Mainzer lassen sich das Feiern nicht nehmen. Mit 77 Zugnummern und 2222 Teilnehmern holen sie am Muttertag die Fastnacht nach. Doch nicht alle sind damit einverstanden. mehr

YouTube-Star Moritz Garth ...

Justin Bieber war der erste, der noch nicht ganz so bekannte Moritz Garth will ihm folgen. Musiker, die auf der Onlineplattform Youtube Erfolge feiern, wagen sich auch in die richtigen Charts vor. mehr

Polizeiauto fährt ohne Fahrer los

Ein ungewöhnlicher Unfall hat sich am Montagnachmittag in der Haller Straße in Crailsheim ereignet. mehr