7,5 Kilometer werden zum Nadelöhr, wenn die Lebensader A 6 tatsächlich ausgebaut wird

Hohenlohe von oben (Teil 2): Die A 6 hat – neben anderen Kommunen – vor allem Satteldorf entscheidend vorangebracht. Beim Ausbau steht die Region vor echten Herausforderungen.

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  • Mit dem Ausbau der Bundesautobahn 6 kommen auf Satteldorfer Gemarkung etliche Probleme auf Planer und Bautrupps zu: Gronachtal- und Jagsttalbrücke müssen neu gebaut werden. Foto: Ortner Media 1/3
    Mit dem Ausbau der Bundesautobahn 6 kommen auf Satteldorfer Gemarkung etliche Probleme auf Planer und Bautrupps zu: Gronachtal- und Jagsttalbrücke müssen neu gebaut werden. Foto: Ortner Media
  • Der zweite Teil der HT- Sommer-Serie „Hohenlohe von oben“ führt die Leserinnen und Leser heute nach Satteldorf. Es geht um die Bundesautobahn 6 als Lebensader, als Segen und Fluch. Das HT hat sich mit Bürgermeister Kurt Wackler über verschiedene Aspekte der Straße unterhalten, die ja ausgebaut werden soll. Foto: Mathias Bartels 2/3
    Der zweite Teil der HT- Sommer-Serie „Hohenlohe von oben“ führt die Leserinnen und Leser heute nach Satteldorf. Es geht um die Bundesautobahn 6 als Lebensader, als Segen und Fluch. Das HT hat sich mit Bürgermeister Kurt Wackler über verschiedene Aspekte der Straße unterhalten, die ja ausgebaut werden soll. Foto: Mathias Bartels
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Fluch und Segen: Bei der Autobahn 6 liegen die Extreme ganz eng beieinander. Nur wenige Kommunen haben vom Bau der Straße in den späten 1970er-Jahren so profitiert wie Satteldorf. Die Ansiedlung von (Groß-)Betrieben im Industriegebiet hat dort letztlich sogar den Effekt ausgelöst, dass die Gemeinde heute schuldenfrei dasteht. Andererseits dürfte auf nur wenige Kommunen so viel Ungemach zukommen, wenn dereinst der komplette sechsspurige Ausbau wirklich in Angriff genommen wird. Mit gleich zwei Brücken, die die benachbarten Täler von Gronach und Jagst überqueren und die nicht "ertüchtigt" werden können, wie es im Behördendeutsch heißt, liegt ein extremes Nadelöhr auf Satteldorfer Gemarkung. Deren zwingend nötiger Neubau dürfte allen an Planung und Bau Beteiligten noch etliche graue Haare bescheren, Kopfweh inklusive.

Satteldorf steht blendend da

Doch der Reihe nach! Nur weil Hermann Hommel und Walter Ströbel von Beginn an "mit Augenmaß und guten Ideen am Ball geblieben" wären, sei Satteldorf heute ein "Paradebeispiel für die hervorragende wirtschaftliche Entwicklung einer Gemeinde", flicht Bürgermeister Kurt Wackler seinen Amtsvorgängern einen Kranz. "So früh wie möglich haben sich die beiden um Gewerbeansiedlung bemüht", ergänzt er. Konsequenz: Zu den alt eingesessenen Firmen Schön + Hippelein und Knauf-Gips (früher Gips-Friz) gesellen sich inzwischen 49 weitere Unternehmen, die für einen Pendlerüberschuss von mehr als 500 Beschäftigten sorgen. Mit seinen heute 5240 Einwohnern bietet die Kommune mehr als 2700 Menschen Arbeit. Am Rande: 350 waren es, als 1978 die A 6 gebaut wurde, 800 als Wackler vor 17 Jahren seinen Dienst antrat. Die Gewerbeparks I und II (mit Möglichkeit auf Ausbau um weitere acht Hektar) sind Stein gewordener Ausdruck wirtschaftlicher Prosperität. Keine Frage: Satteldorf steht blendend da. Nicht zuletzt dank der A 6.

Die Kehrseite der Medaille: Lärm und Unfälle, Umweltbelastung und Durchgangsverkehr. So mancher Anwohner in Gröningen, Neidenfels, Helmshofen oder Bronnholzheim ist regelrecht traumatisiert - und denkt wohl schon mit Grausen an die A-6-Erweiterung. Obwohl: Die Verkehrsbelastung dürfte sich ohnedies weiter erhöhen, Ausbau oder nicht.

Spätestens mit der Grenzöffnung anfangs der 1990er-Jahre wurde die Strecke zur europäischen Traversale. Rund 60.000 Fahrzeuge täglich, davon mindestens 30 Prozent Schwerlastverkehr, wurden zuletzt gezählt. Die Achse Paris - Prag gilt als eine der meistbefahrenen Deutschlands.

Richtig "heiß" wird die Geschichte, wenn es um den seit Jahren vielstimmig und durchaus kontrovers diskutierten sechsstreifigen Ausbau geht. Mittlerweile sind die Planer am Zug. Das Regierungspräsidium hat unlängst dem Kreistag den Stand der Ausbaupläne für die 33 Kilometer zwischen Kupferzell und bayerischer Landesgrenze vorgestellt. Allein 7,5 Kilometer betreffen Satteldorfer Gemarkung. Die letzte Kostenschätzung für das als ÖPP-wunschfinanzierte Gesamtprojekt beläuft sich auf rund 830 Millionen Euro. Noch offen ist beispielsweise die Antwort auf die Frage, ob östlich der Kochertalbrücke die Trasse nördlich oder südlich des bisherigen Streckenverlaufs geführt wird. Ebenfalls ungeklärt: Werden die neuen Fahrbahnen symmetrisch (also beidseits der jetzigen Straße) oder asymmetrisch (komplett südlich oder nördlich der aktuellen A 6) geführt? Von Fragen wie Grunderwerb, Überführungen von B 290 und Tauberbahn oder von zusätzlichen Lkw-Stellplätzen ist bislang ohnehin nicht groß die Rede.

Brücken können nicht ausgebaut werden

Dabei sind die Jagsttal- (347 Meter) und die Gronachtalbrücke (528 Meter) der eigentliche Knackpunkt der Planung. Sie überspannen naturschutzfachlich ausgesprochen sensibles Areal, nämlich Vogelschutz- und FFH-Gebiete. "Beide Brücken können im Bestand nicht ausgebaut werden", verdeutlicht Bürgermeister Kurt Wackler, "eine bautechnische Herausforderung ohnegleichen und eine naturschützerische dazu."

Seinerzeit waren beide Brücken im sogenannten Taktschiebeverfahren Stück um Stück vorangetrieben worden. Vor Ort wurden die Platten gegossen und sofort installiert. Wackler befürchtet, dass wie in den 70ern beim Bau auch beim Rückbau so verfahren werden muss. Dann müssten zusätzliche Hilfspfeilerkonstruktionen auf sensiblem Grund errichtet werden. Dennoch bleibt für Wackler die größere Frage als die nach dem Genehmigungsverfahren die nach der Finanzierung. Die "öffentlich-private Partnerschaft" ist eine bei Weitem nicht allerorten wohl gelittene Variante. Schließlich will ein privater Investor auch eine Rendite. . .

Die Planfeststellung prognostizierte Referatsleiter Jürgen Holzwarth, der die Pläne jüngst im Kreistag vorstellte, übrigens auf Mitte 2019. Mit der Baugenehmigung rechnet er für Ende 2019. Realistischer dürfte ein Baubeginn frühestens im dritten Jahrzehnt werden. Doch auch Kurt Wackler ist überzeugt, dass der Ausbau zwingend ist: "Es wird schon viel zu lange diskutiert." Wackler benennt die zwei A-6-Brücken auf Satteldorfer Gemarkung als Herzstück des Ausbaus: "Wenn heute schon gewarnt wird, dass Lkws bei Stau doch bitte 50 Meter Abstand halten sollen, dann doch nicht, weil sie womöglich nicht mehr bremsen können, sondern weil die Tragfähigkeit der Brücken an Grenzen stößt." Ein Umstand, der ihm schwer zu denken gibt. Wackler: "Es ist wie beim Menschen: Wenn die Aorta, also hier eine Brücke, in die Knie geht, brauchen wir uns über die Kosten der Schrittmacher nicht mehr zu unterhalten."

Alle 70 Meter ein Unfall

Auf seine Gemeinde kommt zweifellos viel zu. Schon jetzt sind Polizei und Rettungsdienste im Dauerstress. Vor Jahren hat die Polizei eine Rechnung aufgemacht: Die Unfälle eines Jahres, umgerechnet auf die Strecke zwischen Weinsberg und Landesgrenze, ergaben alle 70 Meter einen Crash - mit stets unabsehbaren Folgen. Die gnadenlose Bilanz eines Nadelöhrs.

"Hohenlohe von oben" in 14 Teilen: Von A wie Anglerparadies bis W wie Wellness

1. Teil/Samstag, 1. August: Beerenobst so weit das Auge reicht (Gemeinde Wallhausen)

2. Teil/Mittwoch, 5. August: Die A 6 als Lebensader (Satteldorf)

3. Teil/Samstag, 8. August: Ernte mit Bauer Hanselmann (Gerabronn)

4. Teil/ Mittwoch, 12. August: Anglerparadies Storchenweiher (Fichtenau)

5. Teil/Samstag, 15. August: Die speziellen Puten vom Sternhof (Rot am See)

6. Teil/Mittwoch, 19. August: Oh, du schöne Jagst (Kirchberg)

7. Teil/Samstag, 22. August: Wiesenbach - kleiner Ort, große Firma (Blaufelden)

8. Teil/Mittwoch, 26. August: Energiewende in den Hirtenwiesen (Crailsheim)

9. Teil/Samstag, 29. August: Eine Herberge im Schloss (Stimpfach)

10. Teil/Mittwoch, 2. September: Wellness im Muschelkalk (Langenburg)

11. Teil/Samstag, 5. September: Wohnen auf dem Tempelhof (Kreßberg)

12. Teil/Mittwoch, 9. September: Ein Schäfer und seine Herde (Frankenhardt)

13. Teil/Samstag, 12. September: Die Burgruine Leofels lebt (Ilshofen)

14. Teil/Mittwoch, 16. September: Barockes Bartenstein (Schrozberg)

Das große Finale mit weiteren Bildern: Samstag, 19. September

HT

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