275 Flüchtlinge müssen die Notunterkunft „Sorglos“ wegen Bettwanzen verlassen

Die 275 Flüchtlinge, die in der Crailsheimer Notunterkunft „Sorglos“ untergebracht sind, werden gerade auf andere Unterkünfte im Landkreis verteilt.

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    Warten auf ein neues Zuhause: Rahimi (links, hier mit seiner Mutter und zwei Geschwistern) würde mit seiner Familie gerne in eine größere Stadt kommen. Foto: 
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    Warten auf neue Kleider: Ismaeile (hinten) und Mohammad Foto: 
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Sie sind lediglich fünf Millimeter klein und lieben menschliches Blut: Bettwanzen, lateinisch Cimex lectularius. Das, was von ihrem nächtlichen Beutezug zurückbleibt, kann man sehen (winzige Kotkrümel auf der Matratze) und spüren (juckende Stiche am Körper). Aber es ist jetzt nicht so, dass das Problem mit den Bettwanzen nur in Crailsheim und in Flüchtlingsunterkünften vorkommt.

Wie auch immer, kleine Ursache, große Wirkung. Denn durch den Bettwanzen-Befall der drei Hallen auf dem Gelände der ehemaligen Firma Sorglos in Altenmünster (das HT berichtete) müssen die Flüchtlinge ausziehen. Sie werden mit Bussen auf andere Unterkünfte im Landkreis verteilt, die Mehrzahl derer kommt laut HT-Informationen nach Gaildorf, Gerabronn, Langenburg und Tüngental.

Der Umzug der Flüchtlinge startete am Montag und soll heute im Laufe des Tages abgeschlossen sein. „So ist das Ziel“, betont Martina Steinecke. Die Leiterin des Dezernats Recht und Ordnung beim Landratsamt Schwäbisch Hall sagt zwar, sie sei „kein Bettwanzen-Profi“, aber sie packt mit an, wie man unschwer an den Einmalhandschuhen erkennt. Das Gespräch mit ihr findet draußen vor der ehemaligen Firma EDT auf der anderen Straßenseite statt. Dass der Landkreis diese Halle ebenfalls gekauft hat, aber dort noch keine Flüchtlinge untergebracht hat, ist ein Vorteil. Die hilft jetzt bei der „Umkleideaktion“, wie Steinecke das formuliert.

Reinigung kostet viel Geld

Das Ganze ist, wenn man so will, eine logistische Herausforderung. Zum Organisationsteam gehören 14 Leute, gearbeitet wird im Zwei-Schicht-System. Die 275 Flüchtlinge werden komplett neu eingekleidet. Geld, Ausweis, Handy und Ladekabel dürfen sie behalten, und Medikamente ohne Schachteln. Der Rest kommt weg  – damit die Bettwanzen keine Chance mehr haben. Und was passiert mit den Sorglos-Hallen? Die sollen thermisch gereinigt werden, heißt es, was nicht ganz billig ist. Die Rede ist von einer hohen fünfstelligen Summe. Ob und wann neue Flüchtlinge einziehen, steht noch nicht fest.

Der Sicherheitsdienst ist am Montag mit sechs Leuten im Einsatz, das sind mehr als sonst üblich. Obwohl das eigentlich nicht nötig wäre, schließlich hat man es mit Bettwanzen und keiner Schlägerei zu tun. Geduldig warten die Flüchtlinge, bis sie an der Reihe sind. Mohammad (17) und Ismaeile (15) aus Afghanistan sind froh, dass sie die Notunterkunft verlassen dürfen. Wohin die Reise geht, erfahren die beiden erst später. Wenn sich Rahimi, ebenfalls Afghane, ein Ziel aussuchen könnte, würde er sich eine größere Stadt wünschen, Nürnberg oder Stuttgart vielleicht. Irgendwann einmal. Der 19-Jährige ist mit Vater, Mutter und vier Geschwistern hier.

Dann taucht plötzlich Ahmad aus dem Irak auf. Der 65-Jährige isst gerne Tomaten, wie man sieht. Er trägt eine Plastiktüte voll mit Tomaten, die fast zu reißen droht. Als gäbe es da, wo er jetzt hinkommt, keine Möglichkeit, welche zu kaufen.

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