100 Jahre Erster Weltkrieg (2): "Mit Jesus Christus in den Tod"

Vom Seelsorger zum Säbelrassler: Auch hohenlohische Pfarrer fielen vor 100 Jahren in einen unsäglichen Kriegstaumel, wie das Beispiel des damaligen Crailsheimer Dekans Friedrich Hummel (1861 bis 1946) zeigt.

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  • Titelseite eines 1916 erschienenen Traktates aus der Feder des Crailsheimer Dekans Friedrich Hummel. 1/4
    Titelseite eines 1916 erschienenen Traktates aus der Feder des Crailsheimer Dekans Friedrich Hummel. Foto: 
  • Dekan Friedrich Hummel leitete den evangelischen Kirchenbezirk Crailsheim von 1903 bis 1926. 2/4
    Dekan Friedrich Hummel leitete den evangelischen Kirchenbezirk Crailsheim von 1903 bis 1926. Foto: 
  • Pfarrer Hermann Umfrid aus Niederstetten: Sein Vater zählte zu den größten Gegnern des Krieges. 3/4
    Pfarrer Hermann Umfrid aus Niederstetten: Sein Vater zählte zu den größten Gegnern des Krieges. Foto: 
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Friedrich Hummel bildete keine Ausnahme unter den evangelischen Pfarrern seiner Zeit: Stadtarchivar Folker Förtsch rechnete ihn bei einem Vortrag im Jahr 2006 zu den "typischen Repräsentanten" des Protestantismus in der Kaiserzeit: "In ihrer politischen Haltung waren sie ganz überwiegend konservativ und nationalistisch - das 1871 geschaffene Deutsche Reich begrüßten und verteidigten sie als protestantisches Reich mit patriotischer Begeisterung."

Zumindest in seinen jungen Jahren machte Friedrich Hummel keinen Hehl aus seinem glühenden Antisemitismus, der sich vornehmlich aus traditionellen christlichen Quellen des Antijudaismus speiste. Die Sozialdemokratie und die Arbeiterbewegung waren dem Theologen ebenfalls ein Dorn im Auge.

Nach verschiedenen Stationen in württembergischen Kirchengemeinden erhielt der 1861 in Wiesensteig bei Göppingen geborene und im Tübinger Stift ausgebildete Friedrich Hummel im September 1898 die Stelle des zweiten Stadtpfarrers in Crailsheim und avancierte hier im Juli 1903 zum Dekan des evangelischen Kirchenbezirks Crailsheim.

Wie Friedrich Hummel unmittelbar auf den Ausbruch des Ersten Weltkrieges reagierte, lässt sich in schriftlichen Quellen nicht mehr feststellen.

In einem Bericht aus dem Jahr 1915, als die Menschenschlächterei an den Fronten des Ersten Weltkrieges schon längst begonnen hatte, schrieb der Crailsheimer Dekan mit dem üblichen, hochtrabenden Pathos seiner Zeit: "Nun möge der Krieg, der Beweger der Menschenherzen, das Gute, Edle, Reine wieder emporwecken, daß die Herzen sich wieder viel bewußter hinwenden zu Gott."

Schuldzuweisungen sollen den Sinn der Katastrophe erklären

In höchsten Tönen lobte der Seelsorger und Autor etlicher Bücher zu theologischen Themen den "Todesmut" und die "Opfertreue" der deutschen Soldaten, "wenn sie mit dem größten aller Kämpfer, mit Jesus Christus, in den Tod gehen . . . Auch in dem furchtlos-treuen Kampf unserer Krieger und in dem Todessieg der auf blutgedüngter Erde ruhenden Helden geht viel der Aussaat, die von unserer Kirche gemacht wurde, auf."

Friedrich Hummel, der sich intensiv mit der Geschichte von Crailsheim beschäftigte, in seiner Kirchengemeinde als hervorragender Prediger galt und 1923 zum Ehrenbürger der Stadt ernannt wurde, reagierte auf Kritik am Krieg und seinen unsäglichen Opfern mit Schuldzuweisungen: "Hat das Christentum bankrott gemacht, weil England seinen Konkurrenzkampf gegen Deutschlands Emporkommen mit Geld und Gift zum Weltkrieg umgesetzt hat? Hat die Kirche versagt, weil wir gegen neid- und haßerfüllte Feinde den Kampf der Notwehr führen müssen? Wir wollen doch die Sünde und die Sünder beim rechten Namen nennen."

Auch die Familie des Dekans, der 1926 in den Ruhestand ging und seinen Lebensabend bis zu seinem Tod im Dezember 1946 in Gaildorf verbrachte, blieb nicht vom Krieg verschont: Der zweitälteste Sohn Otto Hummel, der als Funker im "Großen Hauptquartier" in Frankreich eingesetzt war, starb im Oktober 1918 auf Heimaturlaub in Crailsheim an einem Grippevirus, mit dem er sich an der Front infiziert hatte.

Im größtmöglichen Gegensatz zu den "Kriegstheologen" in der württembergischen Landeskirche stand der Pfarrer Otto Umfrid, 1857 in Nürtingen geboren und seit 1890 Stadtpfarrer in Stuttgart. Schon früh erhob er seine Stimme gegen Wettrüsten und Militarismus: "Der größte Jammer unserer Zeit ist der beständige Kriegszustand, in dem wir leben - vom Frieden wird geredet, aber was ist das für ein Frieden, in dem die Völker bis auf die Zähne gewappnet einander gegenüberstehen."

Kollegen schmähen Pazifisten im Talar als „Friedenshetzer“

Otto Umfrid wird 1894 Mitglied und sechs Jahre später Vize-Präsident der noch heute existierenden Deutschen Friedensgesellschaft. Von seinen Amtsbrüdern als "Friedenshetzer" geschmäht, setzte er sich international dafür ein, "dass jedes echtes Christentum aufs Schärfste gegen den Brudermord, wie er im Krieg ausgeübt zu werden pflegt, protestieren muß."

Der Pazifist im Talar, der 1914 kurz vor dem Krieg als Kandidat für den Friedensnobelpreis galt, starb 1920 - und hat mit seinem Protest gegen jede Form von Gewalt wohl auch seinen 1892 geborenen Sohn Hermann Umfrid geprägt, der seit 1929 als Pfarrer in Niederstetten wirkte. Als er in einem Gottesdienst im März 1933 seine Stimme gegen eine tags zuvor von der SA inszenzierte Prügel-Orgie unter den Juden der Stadt erhob, wurde er nicht nur vom Oberkirchenrat gerügt, sondern auch von der Gestapo bedroht und im Januar 1934 in den Selbstmord getrieben.

 
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