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Gefährliche Hilfe

Wendelgard von Staden ist die Nichte von Hitlers erstem Außenminister. Mit ihrer Familie half sie Häftlingen des KZ Vaihingen. Alles schien gutzugehen. Der gefährlichste Moment kam ganz zum Schluss.

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  • Das elterliche Anwesen in Kleinglattbach, auf dem Wendelgard von Staden aufgewachsen ist. Dort hat die Familie im Krieg KZ-Häftlingen geholfen. Heute lebt von Staden auf dem Leinfelder Hof bei Vaihingen. 1/3
    Das elterliche Anwesen in Kleinglattbach, auf dem Wendelgard von Staden aufgewachsen ist. Dort hat die Familie im Krieg KZ-Häftlingen geholfen. Heute lebt von Staden auf dem Leinfelder Hof bei Vaihingen. Foto: 
  •  Irmgard von Neurath, die Mutter Wendelgard von Stadens, im Jahr 1949. 2/3
    Irmgard von Neurath, die Mutter Wendelgard von Stadens, im Jahr 1949. Foto: 
  • Ein entkräfteter Häftling in einer Baracke des Lagers. 3/3
    Ein entkräfteter Häftling in einer Baracke des Lagers. Foto: 
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Ein seltsamer Haufen marschierte auf das Anwesen in Kleinglattbach. Dürre Gespenster in gestreiften Anzügen, mit Holzpantinen an den Füßen. Der Hof gehörte der Familie von Neurath. Tochter Wendelgard, die heute den Nachnamen von Staden trägt, erinnert sich an die Gefangenen: "Sie sprachen eine Sprache, die wir nicht verstanden, und hatten eine ganz starke SS-Bewachung, mit Maschinenpistolen und allem."

Die Gespenster waren Häftlinge des KZ Vaihingen. Die meisten waren junge, polnische Juden und in Auschwitz als Arbeitssklaven "selektiert" worden. Nun sollten sie für das Lager Stroh und Bohnen holen.

Wendelgard von Staden begleitete den merkwürdigen Trupp zu einer großen Feldscheuer. Dort mussten die Häftlinge Stroh aufladen. "Die fielen mit den Strohballen um, die waren viel zu schwach", erinnert sie sich. "Als ich mir das eine Weile angeguckt habe und die Wachen draufgehauen haben, sagte ich: Also, das machen wir nicht, wir gehen wieder zurück. Wir bringen das Stroh irgendwie runter."

Ähnlich erging es auch den Häftlingen, die Bohnen pflücken mussten. "Die kriegten Schläge von der SS, aber es war unmöglich, dass die in den Büschen die Bohnen finden oder auch nur kontinuierlich irgendetwas machen. Also versammelte sich die Gruppe im Hof wieder."

Ihr Vater, sagt Wendelgard von Staden, hatte sich das kurz angeschaut und war dann weggegangen. Sie erinnert sich an seine Worte: "Das ist ein Irrenhaus, damit will ich nichts zu tun haben." Ihre Mutter habe den SS-Männern gesagt: "Die Leute werden hier nicht geschlagen. Meiner Ansicht sind die Leute hier einfach wahnsinnig am Verhungern." Die Antwort eines Wärters: "Ja, das könnt' sein." "Also", erzählt Wendelgard von Staden, "haben wir einen Kessel aufgestellt mit Kartoffeln." Beim Ausleeren des Wassers fiel der Kessel um. "Da ging ein Tumult los unter den Häftlingen. Sie stürzten sich drauf und verschlangen diese dreckigen, heißen Kartoffeln, die sie kriegen konnten." Als sich das Schlurfgeräusch der Holzpantinen wieder entfernte, war die Familie schockiert. "Auf jeden Fall blieb der Eindruck, dass da etwas vor sich ging, das unwahrscheinlich war", erinnert sich Wendelgard von Staden. Sie sagt, es war der Beginn eines Versuches, diesen Menschen zu helfen.

Das Grundstück, auf dem das KZ war, hatte ihrem Vater gehört - das Regime hatte ihn enteignet. Die Familie vermutete richtig, dass die Häftlinge auf der großen Baustelle hinter dem Vaihinger Schloss schuften mussten. Dort hatte das Regime eine unterirdische Flugzeugfabrik geplant. Bereits im Spätherbst 1944 wurde das Projekt wegen der Fliegerangriffe wieder fallen gelassen, das KZ wurde ein "Kranken- und Erholungslager". Die von Neuraths mussten weiterhin Stroh und Nahrungsmittel liefern. Diese Lieferungen bargen eine Chance zu helfen.

Damit der Hof auch weiterhin liefern konnte, so das Argument gegenüber dem Langerkommandanten, müssten die Häftlinge regelmäßig auf den Hof kommen. Irmgard von Neurath erhielt ein festes Arbeitskommando aus dem Lager.

"Im Laufe der Zeit war es gelungen, die SS von den Häftlingen zu trennen", erzählt Wendelgard von Staden. Auch war es gelungen, immer wieder dieselben 30 Gefangenen auf den Hof zu bekommen, um wenigstens ein paar aufzupäppeln. "Das konnten wir nur fertig bringen, indem wir ihnen über einen längeren Zeitraum Nahrungsmittel zusteckten." Acht Monate funktionierte das, von August bis April.

Das klappte sicherlich auch deshalb, weil die SS gar nicht auf die Idee kam, dass ausgerechnet diese Familie Juden helfen könnte: Der Onkel Wendelgard von Stadens war Konstantin von Neurath, Hitlers erster Außenminister. Dieser berühmte Name half Irmgard von Neurath wohl auch, beim Kommandanten des Lagers vorstellig zu werden.

Die Schwierigkeit, sagt Wendelgard von Staden, "waren vier oder fünf ganz besonders harte Burschen" der SS. "Wir lernten, vor wem wir aufpassen mussten." Auch Verräter unter den Häftlingen waren gefährlich. Dass die SS langsam Verdacht schöpfte, meinte sie an der zunehmenden Zurückhaltung der Wachen zu erkennen.

Aufs Äußerste gefährlich wurde es ganz am Ende, als die Franzosen schon fast da waren: Die Häftlinge wurden nach Dachau verschleppt, "mit kolossaler SS-Bewachung", wie Wendelgard von Staden sagt. Sie erinnert sich an einen Tross mit mindestens 700 Gefangenen. "Das ganze Dorf war zusammengelaufen und hat zugeschaut", sagt sie. Ihre Mutter war entsetzt. "Sie rief: Was macht ihr da? Haltet sofort an. Sie war ganz verzweifelt, diese Leute abtransportiert zu sehen." Bis zuletzt hatte sie gehofft, sie zu retten.

Die SS-Wachen kamen mit angelegtem Gewehr auf sie zu. Sie fauchten: "Wir kennen Sie, wir haben rausgekriegt, was Sie da machen." Einer muss sie verraten haben. Die Bauern reagierten sofort, zogen Irmgard von Neurath zurück und stellten sich vor sie. "Hätten sie das nicht getan, dann wär' sicher was passiert", sagt ihre Tochter. So zogen die SS-Männer sich wieder zurück zu den Häftlingen, die nach Bietigheim laufen mussten, wo der Bahnhof noch nicht zerbombt war. "Wir blieben zurück, und das ganze Dorf war durcheinander."

Im Lager blieben mehr als 600 Häftlinge, die zu schwach zum Gehen waren - oder sich totgestellt hatten. Nach der Befreiung des Lagers durch die Franzosen am 7. April hatten die Vaihinger, die lange Zeit genug wussten, um nicht mehr wissen zu wollen, Angst.

Doch die Häftlinge, deren Gesichter Totenköpfen glichen, sie rächten sich nicht. "Sie waren nicht böse, nicht gefährlich, gar nicht", sagt Wendelgard von Staden. "Sie haben versucht Hühner zu fangen, in die Speisekammern zu gelangen. Wir haben sie gewarnt, dass sie nicht zu viel essen." Wenn Menschen lange gehungert haben, ist der Magen überfordert, falls er zu schnell zu viel bekommt. Sie sterben.

Wendelgard von Staden erzählt in ihrem Buch "Nacht über dem Tal", das sie 1979 zu ihren Erlebnissen um das Kriegsende veröffentlicht hat, von Häftlingen, die mit vollem Magen starben - mit einem Lächeln auf dem Gesicht.
 

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