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Ehemalige Insassen des KZ Vaihingen erzählen Schülern ihre Erlebnisse

Was für eine Chance: 70 Vaihinger Gymnasiasten nutzten eine der letzten Gelegenheiten, mit ehemaligen Insassen der KZ-Außenstelle Vaihingen zu sprechen. Die waren sogar aus den USA eingeflogen.

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Hoher Besuch: der renommierte Buchautor und ehemalige KZ-Häftling Jules Schelvis in der Aula des Vaihinger Stromberg-Gymnasiums.  Foto: 

Schüchtern waren sie am Anfang, die Schüler des Friedrich-Abel-Gymnasiums und des Stromberg-Gymnasiums. Verständlich: Was soll man die drei alten Männer am Pult nur fragen, die Opfer des dunkelsten Kapitels der Stadtgeschichte wurden? Und, vor allem: wie?

Manny Sztajnberg, Jahrgang 1925, Ted Weisbord, Jahrgang 1923 und Benjamin Zysman, Jahrgang 1925, machten es den Jugendlichen leicht: Freundlich und offenherzig begegneten ihnen die drei US-Amerikaner, die als polnische Juden in die Arbeitslager der SS gezwungen wurden, und 1944 in die Vaihinger Außenstelle des KZ Natzweiler-Struthof deportiert wurden. Die knapp 20 Schüler, mit denen sie im Raum saßen, packten ihr bestes Englisch aus. Ob sie überlegt hatten, aus dem Lager Vaihingen zu fliehen, war eine der Fragen an die drei Männer. Heftiges, fast synchrones Kopfschütteln. Ausgeschlossen, so der Tenor: der elektrisch aufgeladene Zaun, die Wachen, die Gewehre. Ob sie nach dem 20. Juli von dem Attentat auf Hitler erfahren hatten, wollte einer aus der ersten Reihe wissen. "Ja, haben wir", erinnert sich Ted Weisbord an das Geschehen vor 71 Jahren. "Irgendein Häftling hat es in einer Zeitung gelesen. Keine Ahnung, wie er an die rangekommen war."

"Man hat gemerkt, dass die ehemaligen Häftlinge eine Botschaft an die Schüler hatten", sagt Rainer Mayer von der Vaihinger KZ-Gedenkstätte, deren engagiertes Team das Treffen ermöglicht hatte. Einige der insgesamt 70 Schüler machen bei einem Theaterprojekt zum Thema Holocaust mit. Die ersten der ehemaligen Häftlinge reisten am Mittwoch an. Am Sonntag soll es eine Gedenkfeier geben.

"Ich bin jetzt ein sehr glücklicher Mensch", sagt Manny Sztajnberg. "Ich habe keinen Hass gegen andere. Menschen müssen nett zueinander sein." Das war eine der ersten Botschaften, die der Senior mit der Baseballmütze loswurde. "Ihr seid die neue Generation, ihr müsst wissen, was passiert ist", sagt Sztajnberg, der Auschwitz überlebt hatte und die letzten Kriegsmonate in den Arbeitslagern Vaihingen und Unterriexingen sowie im KZ Neckarelz verbrachte. Befreit wurden Sztajnberg, Weisbord und Zysman Ende April in Dachau, von den Amerikanern.

"Meine Arbeit war unmöglich zu schaffen", sagt Benjamin Zysman. Dieser Satz platzt beinahe aus ihm heraus, zwei Sekunden später hätte man die berühmte Stecknadel auf den Boden fallen hören können. Schnell sei ihm klar gewesen, dass er die harte Arbeit in Vaihingen nicht lange aushalten wird. "Nach drei Tagen verstand ich, dass ich keinen Tag länger überlebe." Da brauchte die Lagerverwaltung einen Elektriker, Zysman meldete sich. "Über Nacht war ich Elektriker", sagt er und schmunzelt. Verschmitzt erzählt er, wie er im Lager eine Kartoffel mit Strom gebraten hat. Lächeln. Entsetzliches, das er erleben musste, dazu Humor mit Augenzwinkern, Zysman schafft das in einem Satz.

In einem anderen Raum des ferienleeren Stromberg-Gymnasiums bedankt sich der Niederländer Jules Schelvis, Jahrgang 1921, mit einem Lächeln bei den Schülern: "Ich bewundere Sie alle, weil Sie im Urlaub waren und trotzdem gekommen sind." Schelvis selbst war bereits zehn Jahre nach dem Krieg wieder in Vaihingen, wie er sagt. "Ein unsichtbares Band verbindet mich mit Vaihingen", sagt er. In der Stimme des kleinen Mannes mit den wachen, klugen Augen ist kein Hass zu hören. Der gebürtige Amsterdamer, der noch heute in den Niederlanden lebt, hat auf dem Transport in den Osten bei einer Selektion in Sobibór seine erste Frau verloren. Für die SS musste er im Ghetto Radom im heutigen Polen Todesurteile drucken. Er kam in den letzten Kriegsmonaten nach Vaihingen, wurde Ende 1944 ins Arbeitslager Unterriexingen gebracht und kam schließlich ins Krankenlager Vaihingen.

Nach dem Krieg verarbeitete er seine Erlebnisse in den Lagern literarisch und wissenschaftlich - sein Buch "Vernichtungslager Sobibór" ist ein Standardwerk für Historiker. Und diese Koryphäe besitzt die Liebenswürdigkeit, den Schülern für das Unterbrechen ihres Urlaubs zu danken.

Auf insgesamt vier Schulräume verteilten sich die Zeitzeugen, die den jungen Vaihingern über ihre schlimmen Erlebnisse in Vaihingen erzählen konnten. Schon dieses Jahr kamen keine zehn mehr.

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