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Alina Reh im Interview: „Bei mir gibt es immer nur Vollgas“

Leichtathletik Mit erst 20 Jahren eilt die Mittel- und Langstrecklerin vom SSV Ulm 1846 von Erfolg zu Erfolg. Eines muss sie dabei noch trainieren: Geduld.

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Medaillenkandidatin bei der U-23-Europameisterschaft in Polen: Alina Reh läuft auf ihrer Paradestrecke 5000 Meter.  Foto: 

Sie ist jung, und sie läuft und läuft und läuft. Mit erstaunlichem Erfolg. Jetzt stehen für Alina Reh, die 20 Jahre alte Mittel- und Langstrecklerin aus Laichingen auf der Schwäbischen Alb, die beiden wichtigsten Wettbewerbe der Saison auf dem Programm: erst die am Donnerstag beginnende U-23-Europameisterschaft im polnischen Bydgoszcz, dann die Leichtathletik-Weltmeisterschaft in London (4. bis 13. August). Am Sonntag will die Sportlerin, die für den SSV Ulm 1846 antritt, im 5000-Meter-Finale bei der Junioren-EM eine Medaille holen. Im Interview mit der SÜDWEST PRESSE spricht sie über eine unbändige Lust am Laufen – und über lehrreiche Frust-Momente.

Stimmt es, Frau Reh, dass Sie nur deshalb zum Laufen gekommen sind, weil Sie als Kind immer so schnell Wutanfälle bekamen?

Alina Reh: Ja, genau so war es. Ich hatte, wie manch anderes Kind auch, überschüssige Energie. Die musste irgendwie raus. Meine Mama, die selbst an Marathons teilgenommen hat, kam auf die Idee, mich mitzunehmen, wenn sie rausging und lief. Erst bin ich nebenhergeradelt, dann auf Inliner umgestiegen, schließlich wollte ich  mitjoggen. So fing alles an. Heute ist oft  es umgekehrt: Ich laufe, meine Mutter begleitet mich mit dem Fahrrad.

Hat das laufende Abreagieren denn gefruchtet?

Ich würde so sagen: Ich bin bis heute noch unausgeglichen, wenn ich keinen Sport mache – und dann oft nur schwer genießbar. Wenn ich laufe, hilft mir das, runterzukommen und zufriedener zu sein. Das war von Anfang an so.

Wann haben Sie gemerkt, dass aus dieser Art Bewegungsdrang mehr werden könnte?

Wenn meine Mama bei einem Marathon oder Halbmarathon gestartet ist, habe ich oft bei den Schülerläufen mitgemacht. Da ging es sehr gut, ich war immer weit vorne dabei, habe ab und zu sogar gewonnen. So hat sich das langsam entwickelt.

Und der Ehrgeiz gleich mit?

Für mich war es eher die Lust am Laufen und am Wettkampf.

Inzwischen sind Sie 20 und haben schon eine Menge erreicht, stehen für viele Beobachter aber immer noch ziemlich am Anfang der Karriere. Wie sehen Sie Ihre Perspektiven?

In der Jugend lief es wirklich rund. Jetzt ist es mein Ziel, mich bei den Aktiven zu etablieren. Dass ich die Qualifikation für die Weltmeisterschaft in London schon in der Tasche habe, ist cool. Die erste WM-Teilnahme war eigentlich frühestens in zwei Jahren geplant. Langfristiges Ziel für mich ist der Olympia-Start 2020 in Tokio. Ich denke auch, das ist machbar, wenn ich gesund bleibe und ich mir die Leidenschaft fürs Laufen erhalten kann.

Was ist für Sie der Lustgewinn am Laufen?

Das ist schon kurios: Man merkt erst, was einem fehlt, wenn man nicht laufen kann. Ich war zum Beispiel fast den kompletten Mai außer Gefecht, weil ich Hüft- und Oberschenkelprobleme hatte, eine leichte Überlastung. Da war Training kaum möglich. Prompt fühlt man sich nicht im Einklang mit dem Körper, geht abends ins Bett, und es fehlt etwas. Man ist nicht ausgepowert und fühlt sich nicht so wohl wie sonst im eigenen Körper. Mich hat Laufen schon ein wenig süchtig gemacht: nicht der Erfolg, sondern die Bewegung. Ich kann nicht ohne.

Mit den Erfolgen wird es aber auch langsam ernst. Zusammen mit der Leverkusenerin Konstanze Klosterhalfen, die auch erst 20 ist, sind Sie die beste deutsche Mittel- und Langstrecklerin. Vor der WM richtet sich der Fokus jetzt zuerst auf die U-23-EM in Polen.

Ja, absolut. Deshalb habe ich nach der Team-Europameisterschaft, wo ich als Dritte über 5000 Meter mit einem Krampf zu kämpfen hatte, auch schweren Herzens auf die deutsche Meisterschaft in Erfurt verzichtet, um mich zu schonen und konzentriert vorzubereiten. Bei der U-23-EM treffe ich auf die überragende Türkin Yasemin Can, die eigentlich Kenianerin ist und eingebürgert wurde. Sie hat eine Bestzeit von 14:36 Minuten. Die Goldmedaille jedenfalls scheint ihr sicher zu sein. Ich bin als Zweibeste in Europa gemeldet, will vorne mitlaufen und kann meine Zeit ja vielleicht noch steigern.

Es war schon ein Paukenschlag, als Sie Ende April in Berlin Ihre Bestzeit über 5000 Meter um gut 25 Sekunden auf 15:16,39 gesteigert haben. Vielleicht einer der perfektesten Läufe – erstmals mit einer Tempomacherin: Konstanze Klosterhalfen.

Das Erstaunliche für mich: Das ging ohne großen Aufwand und kam einfach so ohne viel Tam­tam. Es war ein wirklich kleines Meeting in Marzahn. Konstanze war auch in Berlin und hat für mich in diesem ersten Rennen der Saison ganz toll Tempo gemacht. Es war langsamer angesetzt, aber sie kann eben nur schnell. Die letzten 3000 Meter bin ich allein gelaufen und habe auf den letzten zwei Runden realisiert, dass es Richtung WM-Norm gehen könnte. Vorher hatte ich mir darüber nie Gedanken gemacht.

Es hat aber auch schon Rückschläge gegeben, 2016 zum Beispiel bremste Sie ein Ermüdungsbruch im Fuß. Was haben Sie daraus gelernt?

Dass ich mehr Geduld brauche. Mein Problem ist, dass ich das Thema Regeneration oft etwas vernachlässige. Auch wenn ich dann viel Rad fahre oder Aquajogging mache: Bei mir gibt es immer nur Vollgas. Es sind Tage in der Woche, da sollte man einen Gang zurückschalten. Das muss ich mir immer wieder sagen.

Was sagt Ihr Trainer?

Jürgen Austin-Kerl und ich haben ein enges Verhältnis und täglich Kontakt. Er versucht das, mit den Trainingsplänen zu steuern und bremst mich manchmal mit der Mahnung: „Du willst doch nicht wieder in so ein Loch fallen.“

Sie haben schon viel erreicht. Welcher Erfolg war bisher der schönste?

Vom Papier her 2015 war mein erfolgreichstes Jahr mit drei Titeln innerhalb von zwei Wochen: EM-Gold bei der U 20 über 3000 und 5000 Meter, gefolgt vom DM-Titel bei den Aktiven in Nürnberg.  2016 war ich am wenigsten erfolgreich, aber dafür habe ich unheimlich viel dazugelernt durch die Verletzungen. Das hat mich am weitesten gebracht, auch wenn der neunte Platz über 5000 Meter bei der U-20-WM kein Erfolg in dem Sinn war. Aber da hatte ich erst zwei Wochen trainiert, deshalb war das für mich der emotionalste Moment.

35 Athletinnen und 41 Athleten hat der DLV für die U-23-Europameisterschaft von heute bis Sonntag in Bydgoszcz/Polen nominiert. Mit Blick auf die württembergischen Teilnehmer sind neben Alina Reh auch deren Klubkollege Tim Nowak, 21, im Zehnkampf, die Tübingerin Jackie Baumann, 21, über 400 Meter Hürden und die erst 19-Jährige Alina Kenzel (VfL Waiblingen) im Kugelstoßen chancenreich.

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