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Wie auf einer Achterbahnfahrt

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Die Segelflieger der LSG Bietigheim-Löchgau stellen sich vor (von links): Markus Frank, Karl-Heinz Liedtke, Helmut Scherla und Vorstandsmitglied Fritz Abele mit der Vereinsjugend.  Foto: 

Geübte Piloten können ein Propellerflugzeug so manövrieren, dass nicht nur die Magengrube nach oben rutscht – ein Gefühl, das Achterbahnfahrer gut kennen –, sondern dass für einen kurzen Moment das Gefühl der Schwerelosigkeit spürbar ist. Die Piloten der Luftsportgemeinschaft Bietigheim-Lauffen-Löchgau kennen diese Situationen gut: Sie fliegen während der Saison fast an jedem Wochenende.

Im Zentrum des 1951 gegründeten Vereins steht das Segelfliegen, einmal im Jahr richtet der Klub sein beliebtes Sommerfest auf dem Flugplatz zwischen Löchgau und Freudental aus, den es seit 1967 gibt. Die rund 150 Mitglieder des Vereins splitten sich in etwa 70 passive Mitglieder und 80 aktive Piloten. Eine vorgeschriebene Altersgrenze gebe es nicht, sagt der dritte Vereinsvorstand Friedrich Abele, jedoch müssten sich die Piloten alle zwei Jahre mit einem sogenannten Medical vom Arzt ihre Flugtauglichkeit bescheinigen lassen. Der älteste Pilot der LSG feiert demnächst seinen 80. Geburtstag.

Der jüngste Flieger ist 16

Der jüngste Flieger mit einem Pilotenschein ist der 16-jährige Luca Faigle, der im Verein auch die Arbeit des Bodeneinweisers übernimmt. Zu seinem Aufgabenbereich gehört es also zum Beispiel, Besucher für einen Rundflug startklar zu machen. Der jüngste Flugschüler der LSG ist 14 Jahre alt. Überhaupt verfügt der Klub über eine starke Jugend. „Da sind wir sehr glücklich, das hat nicht jeder Verein“, sagt Abele. Vor einigen Jahren sah es etwas düsterer aus, doch der Verein bietet seitdem beispielsweise ein Schnuppertraining an. Inzwischen engagieren sich rund 20 Jugendliche bei der LSG. Und nicht nur sie treffen sich jeden Freitagabend, im Sommer auf dem Flugplatz, im Winter in den Werkstätten in Bietigheim und Lauffen. Während zur Winterzeit vornehmlich Wartungsarbeiten an den Flugzeugen stattfinden, stehen in den Sommermonaten vor allem Platz- und Gebäudepflege auf der To-do-Liste. Eine nicht zu unterschätzende Aufgabe: Rasenmähen. Für einen ungefährdeten Flugbetrieb gehören gestutzte Grashalme rund um die Start- und Landefläche zum Standard. Allein zum Starten brauchen die Flieger eine mindestens 250 Meter lange Bahn.

Mit dem Windenseil werden die Flugzeuge hochgeschleppt und suchen anschließend in der Umgebung nach Thermik. Die Segelflieger benötigen zum Gleiten nämlich keinen Wind, sondern Thermik – und die entsteht, wenn warme Luft vom Boden nach oben steigt. Durch kontinuierliches Kreisen klettert das Segelflugzeug mit dem Aufwind. Findet der Pilot immer neue Thermiken, kann die Reise ganz schön lange dauern und weit gehen: Strecken über mehrere hundert Kilometer sind keine Ausnahmen. Je nach Piloteninteresse führen die Ausflüge zum Beispiel über den Schwarzwald, die Schwäbische Alb oder das Allgäu.

Nicht selten komme es vor, berichten Vereinsmitglieder, dass die Thermik für einen Rückflug nicht mehr ausreiche. Im Optimalfall sitzt der Pilot dann im neuesten Flugzeug der Luftsportgemeinschaft. Das verfügt nämlich über einen kleinen Hilfsmotor, die „Heimkehrhilfe“, und kann im Notfall die Rückreise gewährleisten. Ansonsten heißt es: landen, abbauen, mit dem Hänger anrücken, einladen und auf dem Landweg zurückfahren. „Überlandflüge sind zeitlich nicht exakt planbar“, sagt der 17-jährige Samuel Huber, „denn ich kann nicht vorhersehen, ob die Aufwinde gut sind. Aber es gehört viel Selbsteinschätzung dazu.“

Flugbetrieb ist am Wochenende

Sofern es die Witterung zulässt, steht zur Saisonzeit zwischen Ende März und Mitte Oktober an den Wochenenden der Flug- und Ausbildungsbetrieb auf dem Plan. Dafür gehören dem Verein mehr als zehn Flugzeuge, darunter Schulungsdoppel- und Leistungseinsitzer. Hinzu kommen einige Flieger von Privatleuten. Zwar seien die Flieger zum Teil weit über 20 Jahre alt, berichtet Abele, die Technik entspreche aber den heutigen Anforderungen. Der Größte hat insgesamt 25 Meter Spannweite und wiegt rund eine dreiviertel Tonne. Je schwerer das Flugzeug bei guter Thermik sei, desto mehr Energie sammele es beim Hochsteigen, erklärt Friedrich Abele. Darum hätten viele Segelflieger Wasser geladen. „Diese Energie kann ich verwenden, um schneller vorwärtszukommen“, erläutert der dritte Vorstand.

Von Aalen nach Genf und zurück

Problematisch wird es eher bei Hagel – der das Flugzeug beschädigen kann –, Regen und Nebel, denn geflogen wird auf Sicht. Deswegen gelte im Normalfall auch die Regel „Sonnenuntergang plus 15 Minuten“, erzählt Markus Frank. Der Europameister in der offenen Klasse von 2011 fliegt seit 1978 in der LSG und hat seitdem ungefähr 6000 Flugstunden gesammelt. Die Ausflüge beschränken sich nicht nur auf Kreise über Löchgau. Frank ist dieses Jahr bereits von Aalen nach Genf und zurück geflogen, was mit 960 Kilometern in gut zehn Stunden eine deutsche Bestleistung in der offenen Klasse bedeutet hat. Die Segelflieger werden in verschiedenen Klassen unterteilt, die offene Klasse umfasst die ganz großen Flugzeuge. Franks Flieger kommt auf eine Spannweite von 29,50 Metern. Kritische Situationen habe er noch nie erlebt, erzählt Markus Frank.

Wer fliegen will, muss mindestens 14 Jahre alt sein. Der Weg zum Segelflugschein sei ähnlich wie der für den Auto-Führerschein, finden Luca Faigle, Samuel Huber, 17, und der 22-jährige Domenico Danza. Neben einer umfangreichen Theorieprüfung in neun Fächern müssen Anwärter auch den Praxistest bestehen. Zwischen 30 und 40 Stunden mit einem Fluglehrer benötige der Anfänger im Schnitt, bis er allein in der Luft zurechtkommt, erzählen die drei und fügen an: „Es ist eine große Verantwortung.“

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