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Mit Sport und Bewegung zurück in ein normales Leben

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Übungen mit Ball und Stab. Jeder Teilnehmer beim Koronarsport trainiert nach seinen eigenen Bedürfnissen.  Foto: 

In diesem Sportverein sind alle Mitglieder zwischen 50 und fast 90 Jahre alt. Den Klub plagen aber keine Nachwuchssorgen, vielmehr träumt er von einem Mitgliedermangel. Vereinsvorstand Robert Hoss wünscht jedem, dass er nie Mitglied werde. Das nämlich würde vor allem eines bedeuten: Gesundheit. Bei diesem Sportverein handelt es sich also um eine ungewöhnliche Variante. „Zu uns kommen die Leute freiwillig, weil sie müssen“, sagt Hoss. Bewegung steht nicht für eine fitnessgetriebene Freizeitaktivität, sondern für Rehabilitationsmaßnahmen einer Herzerkrankung und den langsamen Weg zurück in ein normales Leben. Wer den Vereinsausweis des Koronarsport-Klubs Bietigheim-Bissingen mit sich trägt, ist von einer Herzkrankheit betroffen. „Der Standardfall ist ein Herzinfarkt, der mit Stants behoben wird. Wir hatten auch schon Patienten mit einem Kunst- oder einem Spenderherz“, erzählt Hoss. Schlaganfallpatienten gibt’s hier nicht. Die spezifischen Anforderungen, die jeder Einzelfall stelle, ließen sich nicht in einer Gruppe behandeln, meint Hoss. Entsprechende Bestrebungen hat der Verein aufgegeben.

90 Einheiten bekämen die Patienten in der Regel von der Krankenkasse gezahlt. Die meisten Koronarsportler besuchten aber im Anschluss das Training weiterhin und finanzieren es aus eigener Tasche, berichtet Hoss, schließlich gehe es um die eigene Gesundheit.

Die Patienten sind auf sechs Koronarsport-und zwei Diabetiker-Gruppen verteilt, wobei die Übungen in drei Leistungsstufen absolviert werden. In der Sporthalle können drei Gruppen gleichzeitig trainieren, meist einmal pro Woche rund 90 Minuten. Enormen Stellenwert misst Robert Hoss neben den sportlichen auch den psychosomatischen Aspekten im Verein bei. „Das Teilen des Leids mit einem anderen, der Ähnliches erlebt hat, ist leichter, als wenn man einzeln in einer Kammer sitzt, vor sich hin grübelt und womöglich depressiv wird.“ Im Gegensatz zu sportlichen Einzelkämpfern stehe hier das Wir-Gefüge für gegenseitige Hilfsbereitschaft im Vordergrund.

Individuelles Sportprogramm

Jeder Teillnehmer absolviert sein Sport-Pensum auf die eigenen Bedürfnisse abgestimmt. Den professionellen Blick darauf haben fünf Ärzte, wovon mindestens zwei bei jedem Training anwesend sind. Sie ordnen die Patienten einer Leistungsgruppe zu und überwachen deren Gesundheitszustand. Nicht jeder Patient sei für den Koronarsport geeignet, mahnt Dr. Haghighian Firuz Sadr, der seit Anbeginn als betreuender Arzt dabei ist und vereinsinterne Fortbildungen leitet. 75 Watt auf dem Ergometer sollten mindestens bewältigt werden können. Nicht zugemutet könne der Sport Patienten, die schwer seh- oder gehbehindert seien oder unter Atemnot litten. Sadr betont, dass der Sport im Verein eigentlich nur als Anstoß für regelmäßige Übungseinheiten zu Hause dienen sollte. Edith Kreutzer ist eine von drei Übungsleiterinnen und betreut die Herzsport-Einheiten im Bietigheim-Bissinger Verein seit sechs Jahren. Grundvoraussetzung dafür sind ihre spezielle Qualifikation und regelmäßige Fortbildungen. „Die Lizenz muss ich alle zwei Jahre verlängern lassen“, berichtet Kreutzer. Im Zentrum der Übungen stehen Stationen- und Zirkeltrainings zu Musik in einer Balance von Spaß und Belastung. Los geht’s mit dem Messen des Ausgangspulses und einem lockeren Aufwärmen. Dann wird der Trainingspuls gemessen ehe es an konkrete Übungen geht. Dazu greifen sie zu verschiedenen Hilfsmitteln wie Bänder, Seile, Bälle oder Tücher.

Maximal 20 Personen dürfen laut Vorschrift pro Gruppe unterrichtet werden. Hoss berichtet, dass die Kapazitätsgrenze bald erreicht sein werde. Vergangenen Herbst stand der Verein kurz vor dem K.o., weil ihm im Zuge der Flüchtlingsunterbringung die Sporthalle nicht mehr zur Verfügung stand und damit die gesetzlichen Vorgaben nicht mehr erfüllt werden konnten. „Der Gymnastikraum, den uns das Landratsamt zur Verfügung gestellt hat, war so winzig klein, dass nicht mal eine Gruppe dort arbeiten konnte“, erzählt Vereinschef Hoss. Eine entsprechende Hallengröße mit mindestens fünf Quadratmetern Trainingsraum pro Patient müsse allerdings gewährleistet werden. „15-jährige Jungs kann ich theoretisch auch im Winter draußen trainieren lassen. Aber wir haben gesetzliche Vorschriften zu erfüllen.“ Seit Februar kann der Verein die Sporthalle des Beruflichen Schulzentrums im Fischerpfad wieder umfänglich nutzen.

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