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Die Fairness ist das höchste Gebot

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Trainer Hüsamettin Sagir wird von einem seiner aktiven Ringer zu Boden geworfen. Im Hintergrund schauen die Kinder des Kraftsportclubs in Kirchheim zu.  Foto: 

Sogenannte Blumenkohlohren haben die Kirchheimer Sportler selten. „Aber die Gefahr besteht“, sagt Stephan Hennig, Vorsitzender des Kraftsportvereins Kirchheim. Beim (Boden-)Kampf auf der Matte wird das Ohr oft stark beansprucht. Werden dadurch entstandene Blutergüsse in den Ohren nicht ärztlich versorgt, und verknöchern, verformt sich das beschädigte Ohr dauerhaft. Ein typisches Ringer-Risiko.

Acht Teams in der Bezirksklasse

Die Aktiven des KSV Kirchheim messen sich mit sieben anderen Teams in der Bezirksklasse. Spannung versprechen stets die Begegnungen mit dem einst übermächtigen Club aus Gemmrigheim. Das Derby ist eine absolute Prestige-Veranstaltung. Und endlich: Im vergangenen Jahr konnten die Kirchheimer beide Duelle für sich entscheiden. „Unsere Ringer sind alles Leute von hier“, betont Trainer Hüsamettin Sagir stolz, „der KSV kauft keine Spieler von außen zu.“ Stattdessen gebe es einen leichten Übergang von der Jugend zu den Aktiven und eine „super Harmonie in der Gruppe.“

Die meisten, die sich diesem Sport zuwenden, seien familiär vorbelastet, berichtet der Vereinsvorsitzende Hennig. So wie die Familie Sagir. „Bei uns ist das Ringen Thema Nummer eins“, sagt der 41-jährige Sagir. Kein Wunder, er hat fünf weitere Familienmitglieder dazu gebracht: drei Brüder und zwei seiner fünf Kinder. Für bessere Karriereaussichten seines Sohnes hat Hüsamettin Sagir 2015 die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen.

Ringen seit der Kindheit

Seit seinem achten Lebensjahr betreibt der gebürtige Türke, der seit 1977 in Kirchheim daheim ist, diesen Sport, an dem er besonders die Fairness schätzt, „man gratuliert dem Gegner immer.“ 1999 hat Sagir gegen den amtierenden Europameister seiner Gewichtsklasse gekämpft, 2015 hat er die Matte als Aktiver verlassen.

Dass Kirchheim überhaupt eine Mannschaft stellt ist nicht selbstverständlich. 2007 war das anders, Sagir kämpfte damals zwischenzeitlich in Asperg. 2008 trommelte er ein Kirchheimer Team zusammen, teilweise seien rund 30 Sportler zum zweistündigen Training gekommen. Momentan hat sich die Gruppe auf etwa 15 Aktive und 20 Kinder eingependelt, darunter acht Mädchen. Zu den 160 Vereinsmitgliedern gehören auch die Gymnastikmänner „mit ihrem Bauch-Beine-Po-Programm, genannt ABBA“, erzählt Hennig und grinst: ABBA steht für „Anti-Bierbauch-Aktion“.

Ohne Mucki-Bude geht nichts

Ohne die Mucki-Bude geht beim Kampfsport natürlich nichts, deswegen rackern die Kirchheimer Ringer in der Regel einmal pro Woche im Kraftraum. Doch allein Muskelkraft kürt auch keinen Meister. Stephan Hennig nennt es Situations-Intelligenz – die Gabe, eine neue Kampfsituation schnell erfassen und entsprechend reagieren zu können. Außerdem müsse der Athlet über die drei mal drei Minuten Kampfzeit pausenlos konzentriert bleiben. Denn alle errungenen Punkte werden wertlos, wenn einen der Gegner in einem Moment der Unachtsamkeit auf die Schultern legt. Das nämlich ist das höchste Ziel beim Ringen und bedeutet das sofortige Kampfende. Dafür braucht es eine ausgefeilte Technik, Athletik und Körperbeherrschung. Letztere trainieren die Ringer mit Turnübungen. Meist schlagen sie zwei Fliegen mit einer Klappe und erledigen das beim Aufwärmen.

Passivität wird bestraft

Vor drei Jahren wurde der Sport einem Lifting unterzogen, nachdem er nur knapp dem olympischen Knock-out entgangen war. Seitdem wird Passivität bestraft, wer nicht kämpft wird verwarnt. Bleibt dies die einzig nennenswerte Aktion im Kampf, entscheidet sie ihn zugunsten des Aktiveren. Das habe Strategie und Taktik verändert, meint Hennig, der selbst nie gerungen hat. Wirklich erstrebenswert ist ein quasi kampfloser Sieg nicht. Ziel sei, den Gegner zu dominieren und durch den Schulterwurf zum sportlichen K.O. zu zwingen.

Intensive Vorbereitung auf die Kämpfe

Zwei Monate bereiten sich die Aktiven intensiv auf die Mannschaftsrunde vor. Zwischen September und Dezember verbringen die Kirchheimer Ringer auch fast jedes Wochenende mit ihrem Sport. Im Januar beginnt stets die Einzelmeisterschaft, erst bezirks-, dann landes- und bundesweit. Bünyamin Sagir wurde vergangenes Wochenende bei den deutschen Meisterschaften Vierter von sechs Startern. Über die Sommermonate veranstaltet der Verein gemeinsame Aktivitäten und Trainingslager. Im April wird die Truppe zu den deutschen Meisterschaften nach Karlsruhe fahren – zum Zuschauen. Dadurch könne man viel lernen, meint Hüsamettin Sagir, der demnächst die Trainerlizenz erwerben will. Spicken bei den Profis ist sonst nicht möglich, obwohl mit dem VfL Neckargartach ein Bundesligateam ganz in der Nähe ringt. Ligaübergreifend finden die Kämpfe nämlich gleichzeitig statt. Immer samstagabends um halb acht. „Wenn ich könnte, würde ich mich dafür einsetzen, dass die Kampfzeiten geändert werden.“

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