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Vom Bäcker zum Ballkünstler

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    In seinen Glanzzeiten beim Bundesligisten VfB Stuttgart zeichnete sich der ehemalige Germane Manfred Reiner hin und wieder auch als Torschütze aus. Foto: 
  • Manfred Reiner kurz vor seinem 80. Geburtstag: Beste Erinnerungen an einstige Zeiten. 2/2
    Manfred Reiner kurz vor seinem 80. Geburtstag: Beste Erinnerungen an einstige Zeiten. Foto: 
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Wie nicht anders zu erwarten, war „Manne“ beim Interview in seinem „Imperium“ über den Dächern Tamms wieder einmal bestens drauf. Ein wenig bedächtiger vielleicht als gewohnt, aber mit seinem berühmten strahlenden, herzhaften Lachen und in breitem Schwäbisch keine Antwort schuldig bleibend. Ehrlich. Geradeaus. So halt, wie ihn die Sport-Welt kennt und schätzt.

Manfred Reiner, der an diesem Samstag also genau acht Jahrzehnte auf dem Buckel hat, ist auch rank und schlank wie eh und je, steht mit 80 noch als Doppel-Partner von alten TSV-Kumpels im Tennis seinen Mann, joggt im Wald, sauniert, geht schwimmen, schafft im Gärtle und ums Haus rum, pflückt Äpfel und, und, und – wohlgemerkt mit fünf Prothesen. Schultern, Knie und Hüfte lassen grüßen. Nach wie vor ist der „Beck“, der sich über drei Kinder und neun Enkel freut  (drei spielen Fußball nahe Tuttlingen, eine Enkelin beim FSV 08 Bissingen), „überall“ präsent: Der Sportbegeisterte ist bei AH-Turnieren ebenso anzutreffen wie bei VfB-Spielen, bei Handballbegegnungen, in der Eishockey-Arena, am Fernseher, wenn die „todesmutigen Skiasse“, wie in Ischgl einst er selbst, die Piste runterfegen, aber auch bei Bezners Olymp-Jazz-Festivals, von denen er nicht eines versäumt hat. Jedenfalls hat der gute Mann längst nicht nur Fußball im Kopf und ihm ist auch „net oi Minut‘ langweilig“.

„Dr. Paul Steinecke aus Bissinga hat mir vor Jahrzehnt‘ grata, koi Schweinefleisch zu essa. Daran han i mi bis heut ghalta. I ess viel Obst und Salat und sportl eisern, au wenn’s hier und do weh tuat“, räumt der Sportsmann das eine oder andere plagende Zipperlein ein, fühlt sich aber insgesamt recht fit. „Wirsch halt alt“, komprimiert er sein Befinden.

Alles passt zu dem gebürtigen Bad Cannstatter, der allerdings seine komplette Jugend in Bietigheim erlebte. Hier, in der einstigen „Linde“ und Bäckerei samt Mehlhandlung seiner Eltern an der Ecke Kronenbergstraße/Löchgauer Straße erlernte er den Beruf des Bäckers. Hier, im Laiern und im Ellental, kickte er wie sein Bruder Helmut – der gar zum Bäcker-Meister avancierte und später beim Bundesligisten 1860 München spielte, bevor er zum Sportinvaliden wurde – mit Bravour bei seinem Stammverein SV Germania Bietigheim, den er heute nur allzu gerne mit dem FSV 08 Bissingen liiert sähe.

In Bietigheim hat er bis heute seine engsten Kameraden wie beispielsweise die Germanen-Legenden Reinhold Amann und den „Zello“ oder etwa seine Tennis-Cracks Klaus Malo und Herbert Schrenk. Hier setzte es für den Buben manche Tracht Prügel vom Großvater, wenn er wieder einmal unterm Viadukt Fußball dem Äpfelpflücken auf der Lug vorzuziehen beliebte.

Beim Bundesliga-Start dabei

Seine großartige Profi-Fußballer-Karriere begann der in internationalen Gazetten mit Attributen wie „Dribbelkönig“, „Ballkünstler“, Supertechniker“, „Tausendsassa“, „Hexer“ und der hoch Gerühmte 1958 mit dem Wechsel zum Karlsruher SC. Im Wildpark wurde Reiner, der mit großen Namen wie Horst Szymaniak, Willy Reitgassl, Gustav Witlatschil und Bernie Termath zusammenspielte, mit dem Süd-Oberligisten KSC süddeutscher Meister und blieb dort bis 1961. Die Oberliga war damals  die höchste deutsche Spielklasse. In Karlsruhe lernte er auch seine sportliche Frau Heide kennen, die dieser Tage ihre Ehe mit einem Fußball- und Sportverrückten, der die Kindererziehung weitestgehend ihr überließ, wie folgt charakterisierte: „Ich habe ja schon vor der Hochzeit genau gewusst, auf was ich mich einlasse.“ Dann wechselte er ins Neckar-Stadion rüber und spielte dort mit Sawitzki und Co. bis 1967. Zweimal wurde er bei den Stuttgartern Torschützenkönig. Insgesamt bestritt er 52 Bundesligaspiele.

Am Wasen hatte er jedenfalls wesentlichen Anteil daran, dass die Stuttgarter 1963 gleich von Anbeginn an im Fußball-Oberhaus der Nation dabei sein durften und war somit auch beim ersten Bundesligaspiel des VfB am 26. August 1963 gegen Schalke im Einsatz. Nach einem kurzen Gastspiel bei den Stuttgarter Kickers 1967/68 ließ er danach nochmals bei seinen Germanen das Können aufblitzen, um dann Jugendteams, die Germanen-Erste sowie die Mannschaften in Ingersheim, Botnang, Eppingen und Tamm zu trainieren.

Mit dem Namen Manfred Reiner assoziiert man freilich nicht nur den starken, heiß geliebten wie verteufelten und schlitzohrigen Flügelflitzer, sondern auch eine ganze Serie von Geschichtchen, die sich um ihn ranken. Medial bestätigt ist, dass er in einem Spiel gegen den FC Santos (mit Pelé) den brasilianischen Gegenüber Djalma Santos sprichwörtlich Knoten in die Beine dribbelte, dass der Weltklasse-Verteidiger spontan stehen blieb und dem Bietigheimer applaudierte.

Herberger war er zu ballverliebt

„Nie em Läba“ stimme es dagegen freilich, dass er einmal gen VfB-Haupttribüne den blanken Hintern präsentiert habe, um zu zeigen, was er von den Pfiffen gegen ihn halte. Er habe sich lediglich Richtung Allerwertesten geklopft, sagt er und räumt damit auch gleich mit der Mär von Stammtisch-Strategen auf, wonach er, der seinerzeit wohl beste Linksaußen der Nation, aus diesem Grund nicht in die Nationalmannschaft berufen worden sei. „I hab deswega dort net gspielt, weil i ganz oifach dr Ball net hergäbe, also zu viel dribbelt han“, erinnert er sich sehr wohl an die Argumentation der Nationalcoaches Sepp Herberger und später Helmut Schön. Immerhin, Anfang der 1960er-Jahre war er in die süddeutsche Auswahl berufen worden, kickte dort mit keinem Geringeren als dem Nürnberger Idol Heinz Strehl zusammen in Augsburg gegen Südkorea – und schoss zwei Tore.

Der stets hilfsbereit gebliebene Sportsmann ohne Starallüren hatte Anfang der 1960er-Jahre Angebote vom SC Neapel und seinem einstigen Lieblingstrainer Rudi Gutendorf aus den USA, ließ aber Altafini, Suarec und Co. sausen, blieb lieber bodenständig und im Schwabenland.

Natürlich wusste er in diesem Zusammenhang auch was zu den aktuellen Ablösesummen, die er als „katastrophal“ tituliert, zu sagen. Und er plaudert beim BZ-Gespräch auch erstmals ein wenig aus dem Nähkästchen: „10 000 Mark hab‘ i beim Wechsel vom VfB zom KSC kriagt, 1000 Mark vom Wechsel von de Germana zom KSC“, weiß er noch gut – und lacht sich dabei schier schepps.

Für seine Frau Heide ist der weit gereiste Gatte „wie eine Walnuss: außen hart, innen aber angenehm weich“. Und seinem Bruder Helmut ist Manfred bis heute „ein absolutes, einmaliges Vorbild, im Fußball wie auch allgemein“. Auch er schätzt die Geradlinigkeit des „großen Becks“  und hat bis heute Manfreds Großzügigkeit schon als Kind keinesfalls vergessen: „Wenn dr Manne von dr Tante an Geldschei kriagt hat, hat er emmer sofort am Jonga, also mir, d’ Hälfte abgeba!.“

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