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Ein Stück Heimat in der Fremde

Der FC Mezopotamya Bietigheim engagiert sich in der Flüchtlingsarbeit.

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Multikulti im Ellental: Beim FC Mezopotamya Bietigheim ist jeder willkommen. Der Verein engagiert sich in besonderer Weise für Flüchtlinge.  Foto: 
Es ist kurz vor 19.30 Uhr, und langsam kommen seine Spieler auf dem Kunstrasenfeld im Ellental an. Trainer Sebastian Holler schaut aber nicht nervös auf die Uhr, weil er in wenigen Minuten zum Training rufen will. "Ich muss damit umgehen können, dass auch einmal der eine oder andere eine Viertelstunde zu spät kommt. Das ist für mich kein Problem. Allerdings sollen meine Spieler schon lernen, dass im Fußball eine gewisse Struktur zählt. Das ist für viele neu, denn sie kennen es aus ihren Heimatländern so nicht. Auch die Taktik im Spiel müssen sich viele erst aneignen", sagt Holler. Die Fußballer des FC Mezopotamya Bietigheim kommen ursprünglich aus dem Irak oder der Türkei, aus Polen, Syrien, Italien, Gambia oder Griechenland. "Bei uns ist jede Nationalität willkommen. Alle erhalten eine Chance, bei uns mitzutrainieren. Für viele, die neu in die Stadt kommen, ist der Verein ein Stück Heimat in der Fremde", erklärt Trainer Holler, der davon überzeugt ist, dass der Fußball eine immense Integrationskraft hat. Jeder Spieler erhält einen Trainingsanzug und bei Bedarf auch ein Trikot, die Holler über Spenden vom Deutschen Fußball-Bund oder vom Württembergischen Fußball-Verband (WFV) bezieht. "Dies ist mir wichtig, denn auf dem Platz sollen alle gleich aussehen. Beim Fußball zählt die Nationalität des einzelnen nicht. Auch Politik ist bei uns kein Thema. Wir sprechen beim Training und Spiel grundsätzlich in der deutschen Sprache, denn die Spieler sollen schnell lernen, um sich zurechtzufinden. So erkennt auf dem Platz niemand mehr, ob der Spieler nun ein Flüchtling ist oder schon länger hier lebt", macht Holler deutlich Momentan spielen die Akteure des FC Mezopotamya in der Kreisliga B Enz/Murr. Den dafür nötigen Spielerpass finanziert der Verein einem geflüchteten Sportler, der zudem keinen Mitgliedsbeitrag zahlen muss. "Dieses besondere Verständnis für Flüchtlinge hat seinen Ursprung vielleicht in den Wurzeln unseres Vereins, der im Jahr 2000 von kurdischen Freunden in Bietigheim-Bissingen gegründet worden war. Kurden wissen, was es heißt, irgendwo fremd zu sein",erläutert der 44-jährige Trainer, der seit 2008 Mitglied beim FC Mezopotamya ist. In den Anfangsjahren musste sich das kurdische Fußballteam zunächst einen Platz in der Sportgemeinde Bietigheim-Bissingens erobern. Die Fußballer wichen zuerst auf ein Vereinsgelände in Kleinglattbach aus, doch der sportliche Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Das Team arbeitete sich bis in die Kreisliga B empor, sodass auch die Verantwortlichen der Stadt Bietigheim-Bissingen auf die Fußballer des FC Mezopotamya aufmerksam wurden und ihnen zu einer Trainingsmöglichkeit auf dem Kunstrasenfeld im Ellental verhalfen. Dort kicken die Spieler nun neben den Sportlern vom SV Germania Bietigheim oder des NK Croatia Bietigheim. "Wenn meine Spieler gut sind, rufen auch die anderen Vereine an und wollen sie haben. Damit wird der Fußball zum sozialen Sprungbrett, denn größere Vereine zahlen den Spielern vielleicht etwas Geld oder stellen ihnen eine Wohnung zur Verfügung. Das macht mich schon stolz, denn so erhalten die Spieler durch ihre Erfolge im Fußball Selbstvertrauen und Selbstsicherheit", sagt Holler und nennt ein positives Beispiel: „Mohamed Ben Slama, der bei uns im Mittelfeld spielt und aus Tunesien kommt, macht gerade beim WFV eine Ausbildung zum Trainerassistenten." Holler selbst hat das Traineramt vor vier Jahren übernommen und ist unter den knapp 40 Vereinsmitgliedern einer der wenigen Deutschen. "Dass jeder bei uns mittrainieren kann, ist mir eine Herzensangelegenheit, auch wenn ich einzelne immer mal wieder wegschicken muss, weil ihre Einstellung zum Sport einfach nicht passt. Ich will, dass meine Spieler als Fußballer anerkannt werden und Respekt erhalten. Ihre Nationalität spielt dabei keine Rolle", so der Übungsleiter. Er kam einst aus Unterfranken nach Bietigheim-Bissingen und war selbst neu in der Stadt. Der langjährige Präsident und Förderer des FC Mezopotamya, Tekin Genckaplan, hatte Holler zum Training eingeladen. "Als ich Trainer wurde, befand sich die Mannschaft an einem Scheideweg. Viele Spieler waren in die Jahre gekommen. Es gelang aber nicht so richtig, die Jugendlichen im Verein zu integrieren. Ich habe versucht den Verein etwas aus seinen kurdischen Wurzeln herauszuholen und ihm eine Neuausrichtung zu geben. Inzwischen sind wir sportlich und gesellschaftlich in der Stadt angekommen", berichtet Holler. Er lobt vor allem den Teamgeist unter seinen Spielern, der beim alljährlichen Trainingslager in Südfrankreich oder bei diversen gemeinsamen Festen und Ausflügen beschworen wird. "Ich sage zu meinen Spielern immer, dass es schön ist, wenn wir Meister werden, aber noch schöner, wenn wir Freunde werden. Mir ist wichtig, dass die Spieler freundlich zueinander sind. Aber ich selbst gebe dabei nur die Richtung vor. Damit alles gelingt, helfen noch viele andere mit und unterstützen mich vorbildlich", betont der Trainer.

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