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Handdesinfektion: Das Geschäft mit Bakterien

Handdesinfektionsmittel lassen bei Drogerien zunehmend die Kassen klingeln. Dabei ist ihre Verwendung im privaten Bereich meist überflüssig.

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Eigentlich reichen Seife und Wasser, aber viele Verbraucher nutzen Desinfektionstücher und Gel.  Foto: 

Ein bisschen Gel auf die Hand, kurz verteilen und die Bakterien und Viren, die sich dort tummeln, sind hinüber. Das denken viele Deutsche und benutzen Desinfektionsmittel zunehmend auch im privaten Haushalt. An der Auswahl fehlt es in Drogeriefilialen nicht. Sprays, Hygienetücher und antibakterielle Gels von mehreren Marken liegen in den Regalen. Viele von ihnen versprechen, „99,9 Prozent“ der Bakterien abzutöten. Vor allem bei kleineren Probiergrößen greifen die Kunden gerne zu.

Wobei wichtig ist zu wissen: Die Angabe 99,9 Prozent bezieht sich nur auf die keimabtötende Wirkung des Desinfektionsmittels für eine genau definierte Gruppe von Bakterien, dem Wirkungsspektrum. Dieses enthält allerdings nur einen kleinen Teil der in unserer Umgebung vorkommenden Bakterien

Viel Auswahl in den Regalen

Beim Drogeriemarkt DM aus Karls­ruhe hat man das Kaufinteresse nach Handdesinfektionsmitteln registriert. „Unsere Kunden fragen Desinfektionsprodukte in sämtlichen Sparten vermehrt an, sodass sich dieser Bereich sehr gut entwickelt“, sagt DM-Geschäftsführer Christoph Werner, zuständig für Marketing und Beschaffung.

Dabei gibt es inzwischen nicht nur ein oder zwei Produkte. Der Drogeriemarkt führt Gele und Tücher zur Handdesinfektion, desinfizierende Reinigungsmittel für unterschiedliche Oberflächen, Waschmittel zur Textildesinfektion sowie Tücher und Sprays zur Wunddesinfektion. In den letzten Jahren sei das Sortiment vor allem im Bereich Hand- und Wunddesinfektion etwas ausgeweitet worden. Ein hauseigenes Handdesinfektionsgel sei der Kassenschlager.

Viel Nachfrage in Hauptreisezeit

Die Drogeriekette Rossmann mit Sitz in Burgwedel hat ähnlich positive Erfahrungen gemacht. Zwar stagniere der Markt für Reinigungsmittel in den vergangenen Jahren, berichtet ein für das Sortiment verantwortlicher Einkäufer, der sich auf Erhebungen des Marktforschungsunternehmens Nielsen beruft. Im Bereich Desinfektion habe man aber ein überdurchschnittliches Wachstum erzielt – ohne, dass zusätzliche Werbung geschaltet wurde.

Bei Rossmann soll ein Pumpspray am meisten verkauft werden. „Beobachten lässt sich, dass in der Hauptreisezeit die Nachfrage generell höher ist“, sagt ein Unternehmenssprecher. Zahlen nennt keine der beiden Firmen.

Der Discounter Aldi nutzt die Nachfrage zu Reisezeiten. Im Juni dieses Jahres wurde dort vorübergehend Desinfektionsmittel als Aktionsartikel zum Thema Reisen angeboten. Es lief wohl gut, denn die Einschätzung einer Sprecherin lautet:  „Wir werden das Produkt voraussichtlich auch im kommenden Jahr zur Urlaubszeit wieder zeitweise anbieten.“ Doch wie sinnvoll sind diese Hygieneprodukte?

„Für den Heimbedarf eines gesunden Menschen sind Desinfektionsmittel weitestgehend überflüssig“, sagt der ärztliche Direktor des Deutschen Beratungszentrums für Hygiene in Freiburg, Ernst Tabori. Seife und Wasser reichen, wenn man sie richtig anwendet. Man werde nicht gesünder, wenn man Desinfektionsmittel benutzt. Dem Arzt zufolge können sich Verbraucher das Geld sparen: „Das ist für die Hersteller ein gutes Geschäft.“

Gefahr für die Gesundheit?

Tatsächlich sind Desinfektionsprodukte auf den Liter gerechnet hochpreisig. Sprays und Gels in den kleinen handlichen Probiergrößen sind zum Beispiel hochgerechnet fast 40 mal so teuer wie eine Hausmarken-Flüssigseife.

Tabori geht sogar einen Schritt weiter und sieht Desinfektionsmittel in bestimmten Fällen als Gefahr für die Gesundheit. „Vor allem für empfindliche Leute und Menschen mit einer Neigung zu Allergien ist die unbegründete Anwendung von Desinfektionsmitteln nicht ratsam.“

Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sieht keine Notwendigkeit für die teuren Produkte. Nur in Ausnahmefällen seien sie „im Privathaushalt sinnvoll und notwendig, um eine Übertragung von Krankheitserregern zu vermeiden“, heißt es auf der eigenen Webseite.

Manchmal reicht auch „nur“ sauber

Die Experten zitieren den Werbeslogan „Nicht nur sauber, sondern rein!“ Und widersprechen klar.  „Sauber genügt“ meint nämlich das BfR und erklärt den Unterschied: Während die Reinigung dazu dient, „Schmutz“ zu entfernen und die Zahl der Mikroorganismen zu reduzieren, sollen mit einer Desinfektion Krankheitserreger beseitigt und die Ausbreitung von Keimen gestoppt werden. „Das betrifft nicht nur die krankmachenden, sondern auch die gesundheitlich unbedenklichen Keime, und die braucht der Mensch, um seine Abwehr zu trainieren.“

Anders sieht es im gewerblichen Bereich aus. Für Kindertagesstätten  hat das Gesundheitsamt Baden-Württemberg Regeln zur Desinfektion aufgestellt, die nur in bestimmten Fällen empfohlen wird. So ist sie vor allem notwendig nach Erste-Hilfe-Maßnahmen, Kontakt mit Erbrochenem, Blut und Sekreten, Wickeln und Kontakt zu Kindern, die an Durchfall leiden.

Einer Studie des Marktforschungsunternehmens Nielsen zufolge ist der Umsatz von Handdesinfektionsprodukten in Deutschland zuletzt deutlich gestiegen: Setzten die Geschäfte von Mitte 2014 bis Mitte 2015 noch 18,2 Mio. Euro damit um, sind es nun in einem Jahr bis Mitte 2017 etwa 31,2 Mio. Euro gewesen. Das entspricht einem Plus von 71,2 Prozent. Besonders stark legten Discounter zu: Sie verdreifachten ihren Umsatz auf 6,3 Mio. Euro. Die Zahl an verkauften Packungen stieg um 68 Prozent auf 21,1 Mio. Stück. dpa

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